Absturz der Aktienmärkte Tod auf Raten

Der Dax stürzt zwar ein - aber der "Schwarze Montag" bleibt aus. Für die Anleger ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht. Denn diese vielen kleinen, schmerzhaften Abwärtsschritte sind viel gefährlicher als ein großer Tages-Crash.

Ein Kommentar von Harald Freiberger

Man kann sich auf gar nichts mehr verlassen in diesen Zeiten, nicht einmal auf den "Schwarzen Montag". Wenn die Börse noch einen Grund gebraucht hätte, um abzustürzen, dann wäre dieser Montag ein guter Tag gewesen. In die ohnehin schon nervöse Stimmung platzte am Ende vergangener Woche die Nachricht von der Herabstufung der Kreditwürdigkeit Amerikas. Das ganze Wochenende telefonierten Regierungschefs und Notenbanker hektisch, die Börsianer bereiteten sich auf den Absturz zum Handelsbeginn in der neuen Woche vor, und was machen die Börsenkurse in Deutschland? Sie steigen erst einmal und gehen erst dann nach unten.

Es gab auch einen handfesten Grund für den anfänglichen Anstieg des Deutschen Aktienindex (Dax) am Montagmorgen. Die Europäische Zentralbank hatte sich durchgerungen, Anleihen der Schuldenländer Italien und Spanien zu kaufen. Das ist umstritten, denn die Notenbank gibt einen Teil ihrer Unabhängigkeit preis. Schon bei Griechenland und Portugal ist die EZB so vorgegangen. Aber viel ist die Intervention nicht mehr wert: Nach der kurzen positiven Reaktion brachen die Aktienkurse in Deutschland doch noch ein.

Die Interventionen von Politik und Notenbanken haben immer kürzere Verfallszeiten. Ihre Wirkung lässt mit immer größerer Geschwindigkeit nach. Vor mehr als einem Jahr beruhigte der erste Rettungsschirm für Griechenland die Finanzmärkte noch monatelang. Der Ende Juli erweiterte Schirm schaffte das gerade noch zwei Wochen.

Die Welt erlebt in diesem Sommer einen Systemwechsel: Bei den Investoren setzt sich die Erkenntnis durch, dass immer neue Milliarden zur Rettung von Staaten nicht helfen, das Grundübel der maßlosen Verschuldung zu beseitigen. Es ist, als würde man die Milliarden in ein Fass ohne Boden stecken. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass auch gesunde Länder noch in den Strudel gerissen werden, wenn sie den kranken Staaten helfen.

Es gibt nur einen Ausweg aus der Misere: Die Schuldenstaaten müssen aufhören, sich immer weiter zu verschulden. Nicht umsonst hat die Europäische Zentralbank die Hilfe für Italien nun mit knallharten Auflagen verknüpft. Sie schreibt dem Land genau vor, bis wann es welche Beteiligungen verkaufen und wo es wie viel einsparen muss. Es ist ein massiver Eingriff in die politische Selbstbestimmung des Landes, zu dem es aber keine Alternative gibt. Wenn ein Staat seine Verschuldung nicht selbst in den Griff bekommt, dann muss er von außen dazu gezwungen werden.

Was der europäische Stabilitätspakt nicht geschafft hat, zeigen die Finanzmärkte den Schuldenstaaten: Dass diese mit ihrem verantwortungslosen Wirtschaften nicht weitermachen können. Schuldenabbau aber ist ein langwieriger Prozess; es müssen Mentalitäten geändert werden, die sich über Jahrzehnte verfestigt haben. Sparen ist nicht populär, das erschwert den Wandel zusätzlich, weil die Opposition in demokratischen Staaten versuchen wird, aus dem Sparkurs der Regierung Kapital zu schlagen.

Hoffen auf die "Gegenreaktion"

Das bedeutet, dass die Schuldenkrise die Welt noch auf Jahre beschäftigen wird. Sie kann immer wieder aufflammen. Das wird die Börsen in der Zukunft kennzeichnen: Der Pessimismus der vergangenen Tage ist im Grunde Realismus. Die Finanzmärkte lassen sich nicht mehr mit Trostpflastern beruhigen, sie verlangen die Umkehr hin zu einem soliden Wirtschaften nach der Devise: Nicht mehr ausgeben, als man einnimmt.

Es gibt diesmal an den Börsen keinen Crash, keinen einmaligen Absturz, nach dem sich alle wieder aufrappeln können. Diesmal geht es in kleineren, aber schmerzhaften Schritten nach unten, ein Absturz auf Raten. Die Nervosität an den Börsen wird anhalten. Dass eine Reihe von Experten inzwischen davon sprechen, der Markt sei "überverkauft" und es werde bald eine "Gegenreaktion" geben, ändert daran nichts. Die Grundstimmung an den Börsen ist die Unsicherheit. Und Unsicherheit ist immer Gift für die Aktienkurse.

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