Stilkritik zu Michelle Obama Opfer virtueller Änderungsschneiderei

Links das Original, rechts die züchtige Variante: Michelle Obama während der Oscar-Verleihung.

(Foto: AFP)

Achtung, Zensur: Dass Michelle Obama während der Oscar-Verleihung ihre Schultern enthüllte, ging einer iranischen Nachrichtenagentur zu weit, hatte doch schon ihre Verkündung des "Besten Films" für Aufruhr gesorgt. Doch wozu gibt es Photoshop?

Von Sophia Lindsey

In explosiven Zeiten wird vieles zum Politikum. Ben Affleck zum Beispiel. Besser: der Film, in dem Ben Affleck amerikanische Geiseln befreit - aus Iran. Ein Film, der dann einen Oscar erhält, den Oscar sogar: "Argo" wird zum "Besten Film" gekürt. Das wiederum verkündet niemand Geringeres als Michelle Obama, live zugeschaltet aus dem Weißen Haus. Doch die Kette des iranischen Anstoßnehmens geht noch weiter. Das letzte Glied, ausgerechnet: die Schulterpartie der First Lady.

Der Fehler des ansehnlichen Körperteils: seine Sichtbarkeit. Im übertragenen Video erschien die Präsidentengattin in funkelnder Silberoptik, die schmalen Träger ihres Kleides gaben Schlüsselbein und Schultern frei. Das Lächeln: offen und breit. Der Ausschnitt aber: züchtig, für westliche Verhältnisse. Nur den Hauch eines Dekolletés lässt das Kleid erahnen, das aus der Kollektion des indisch-amerikanischen Designers Naeem Khan stammt.

Dennoch: Der halbamtlichen iranischen Nachrichtenagentur Farsa war es der Haut zu viel. Wie praktisch, dass es die Möglichkeit der Bildbearbeitung gibt. In einem Foto, das im Fernsehen gezeigt wurde, verschwanden die unerwünschten Einblicke rasch unter einer Extraportion fingiertem Silberstoff. Khans Kreation hatte auf einmal (recht ungleichmäßige) Ärmel. Und endete - in metaphorisch aufgeladener Abschnür-Optik - knapp unter dem Hals.

Zumindest am Lächeln änderte sich nichts. Hätte sich aber womöglich, könnte die digital gebannte und neu eingekleidete Michelle an sich herunterblicken.

Grund für den rigorosen Einsatz der virtuellen Änderungsschneiderei dürften die strengen Vorgaben sein, nach denen die Bewohner der Islamischen Republik leben: Iranische Frauen, berichtet der Guardian, müssen einen Hidschab tragen, der Haare, Arme und Beine bedeckt, wenn sie im staatlichen Fernsehen zu sehen sind. Bei Frauen aus dem Ausland, etwa Schauspielerinnen, können Ausnahmen gemacht werden.

Doch in diesem Fall machte die Zensur eben nicht halt vor der Haut. An der "ahistorischen" Darstellung des Geiseldramas in ihrem Land will sich Iran im Übrigen mit einem Gegenfilm rächen. Und an der "unsittlichen" Entblößung der First Lady ganz einfach mit einem schrecklichen Photoshop-Kleid.