Modezirkus zu Lederhosen Je speckiger, desto besser

Schuhplatteln, Bierkrüge stemmen, weibliche Begleitung beeindrucken - klappt alles mit der richtigen Lederhose. (Lederhose: Almsach, Hemd: Arido, Jacke: Hammerschmid)

(Foto: M.Rosenwirth)

Trägt man die Krachlederne nun kurz oder lang? Welches Hemd passt dazu? Und müssen es immer Haferlschuhe sein? Wichtigen Lederhosenentscheidungen sollte eine Phase selbstkritischer Reflexion vorausgehen. Fünf Regeln für die Herrentracht.

Von Lena Jakat

Es gibt nur wenige Männer, die sich beschweren, wenn Frauen Dirndl tragen. Aber es gibt viele Frauen, die erwarten, dass ihre erfreuten Männer dann bitteschön auch ihrerseits im Bierzelt eine Lederhose tragen mögen. Nicht nur der Gleichberechtigung wegen. Die richtige Lederhose kann, genau wie das passende Dirndl, vorhandene Vorzüge zusätzlich betonen. Aber wie sieht die richtige Lederhose aus? Fünf Regeln.

Auf die Länge kommt es an

Oder anders formuliert: To knie or not to knie. (Stellen Sie sich hier einen zünftigen Bierzeltkapellentusch vor.) Die Lederhose wird entweder ganz klassisch in einer längeren Variante als Kniebundhose getragen - oder in einer kürzeren Version, die dann standesgemäß kurz oberhalb des Knies endet. Gemeint ist nicht die Hotpants-verdächtige, sehr kurze Lederhose. So eine "Sepplhose" geht vielleicht auf nordamerikanischen Oktoberfestvarianten als Tracht durch. Sonst nicht. "Die tragen eher Nichteingeweihte oder Folklorekünstler oder Kleinkinder", kommentiert Trachten-Spezialistin Gexi Tostmann. Die für ihren Verdienst um die Tracht ausgezeichnete Unternehmerin aus Österreich vertreibt Dirndl und hat einst über Tracht und Mode promoviert.

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Doch Achtung: Der angehende Lederhosenträger, sagt Tostmann, insbesondere der städtische, sollte sich vor der Entscheidung über kurz oder lang selbstkritisch folgende Fragen stellen: Wie viel bin ich in letzter Zeit geradelt? Schlackert mir sogar die neue, modisch enge Jeans an den Waden? Bin ich potenziell ein Opfer für Wadlbeißer oder bekäme der nur Haut und Knochen zu fassen?

Denn kurze Lederhosen erfordern einen gewissen Wadenumfang. "Zu dünne Wadln kann man notfalls noch mit 'Modelstutzen' kaschieren", sagt Tostmann und meint damit die berühmten reich verzierten Trachtenstrümpfe aus Wolle. Im Zweifel sollte man jedoch der längeren Version den Vorzug geben. Gleiches gilt ab einem gewissen Alter, wenn auch bei den Herren das Bindegewebe schwächelt. "Obwohl 'unser' Kaiser Franz Josef auch noch als 80-Jähriger kurze Lederhosen getragen hat", schränkt die Tiroler Fachfrau ein, "Als Kaiser ist man natürlich über solche Äußerlichkeiten erhaben."

Die richtige Hose hat die entsprechende Patina (Lederhose: Himmel, Arsch & Zwirn, Hemd: Q1, Weste: Glücklich)

(Foto: M.Rosenwirth)

Einmal ein Klassiker, immer gut angezogen

Zur Oktoberfestzeit werden rund um den Münchner Hauptbahnhof Lederhosen zu Spottpreisen unter 100 oder sogar unter 50 Euro angepriesen. Bei der Expertin aus Österreich lassen derlei Dumpingbuxen alle Alarmglocken schellen. "Das ist für mich verdächtig", sagt Tostmann, solche Hosen seien mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur von schlechter Qualität sondern auch unter fragwürdigen Bedingungen produziert. 400 Euro gibt sie als Richtwert für eine ordentliche Hose an. Aber erstens kennt die Lederhose keine Trends. Und zweitens soll eine Lederhose "ein Leben lang halten - und dann weiter für die Erben". Die Investition lohnt sich also. Sofern man nicht zur Fraktion der einmal-und-nie-wieder-Oktoberfestbesucher gehört.

Salzburger Altschwarz - einst für den Kaiser entwickelt

Waschen verboten! Dieser Mythos taucht schon rund um die Jeans immer wieder auf. Kürzlich forderte Levi's-Chef Chip Bergh öffentlich, Bakterien auf der Hose durch Einfrieren abzutöten und sonst auf jede Behandlung mit Wasser zu verzichten. Für diesen Vorschlag erntete Bergh deutlich mehr Kritik und Unverständnis als Zustimmung. Aber schließlich produziert seine Firma auch keine Lederhosen. Bei denen herrscht über das Waschverbot nämlich Konsens. Haben sich nach dem ersten Besuch ein paar Hopfenkulturen wohnlich auf dem Leder eingerichtet, sollte man aber auch nicht mit Eiswürfeln anrücken, im Gegenteil: Je speckiger desto besser. Tostmann weiß auch hierzu eine Anekdote: "Für Franz Josef musste die Dienerschaft die neuen kaiserlichen Lederhosen vortragen, damit sie entsprechende Patina bekamen", sagt sie. "Heute wird man dem gerecht indem man neue Hosen anbietet, die schon wie getragen ausschauen." Schon vor mehr als 100 Jahren entwickelte der Österreicher Lederhosenmacher Jahn-Markl für den Kaiser das Salzburger Altschwarz - für den Used Look im Bierzelt.

Wer regelmäßig radelt - oder schuhplattelt - dem steht jede Lederhose, ob kurz oder lang. (Lederhose: Spieth & Wensky, Hemd: Q1, Samtweste: Manufaktur Grasegger)

(Foto: M.Rosenwirth)

Brust raus!

Wer glaubt, die Hosenträger mit dem Quersteg sind dafür da, dass die jahrzehntelang speckig getragene und in würdige Hände vererbte Lederhose von Opa Anton auch dem Enkel Toni passt, hat nur halb recht. Dafür gibt es meist auch ein Paar zusätzliche Knöpfe am Hosenlatz. Die Hosenträger sind vor allem der Ort zum Protzen. "Das Tüpfelchen auf dem i" an der Tracht, wie Tostmann sagt. "Für die die Gestaltung gibt es unzählige Variationen - nicht nur aus Leder, auch aus festem Stoff." Die Hosenträger werden bedruckt, mit Stickereien oder Plaketten verziert. Je nach Vereinszugehörigkeit oder Geschmack. Die elastischen mit den weiß-blauen Rauten oder die neonfarbenen mit den Herrenwitzen sind - wenn überhaupt - allerdings besser im Karneval aufgehoben als an der Krachledernen. Für alles anderen gilt: Brust raus! Mit etwas mehr Körperspannung wirkt man auch gleich viel souveräner - sogar auf der Bierbank.

Tracht ohne Dogma

Zwar sollen grundlegende Tipps wie obige dazu dienen, ganz grobe Lederhosenpannen zu vermeiden. Aber gut angezogen ist nicht automatisch, wer alle tatsächlichen und vermeintlichen Trachtenregeln dieser Welt möglichst sklavisch befolgt. Das würde auch gar nicht zur Lederhose passen, die eher als verbeulter Abenteurer denn als regelkonformer Diener daherkommt. Deswegen ist nicht nur das Trachtenhemd, sondern auch mal ein T-Shirt zur Lederhose erlaubt - " Ich mag die diversen T-Shirt-Varianten gar nicht - aber letztendlich ist das auch eine Generationenfrage und schichtspezifisch", sagt die 72-jährige Gexi Tostmann. Die Band La Brassbanda zum Beispiel hat diesen Look längst zu ihrem Markenzeichen gemacht. Experimentierfreiheit gilt nicht nur fürs Oben- sondern auch fürs Untenrum. "Es müssen nicht immer Haferlschuhe sein", sagt Tostmann. "Ich finde, man sollte immer auch eine persönliche Handschrift spüren - und stilsicher zum Beispiel auch mal Budapester oder englische Schuhe tragen."

T-Shirts zur Krachledernen - eine Generationenfrage. (Lederhose: Hess, T-Shirt: Tigha, Jacke: Drykorn)

(Foto: M.Rosenwirth)
Produktionshilfe

Die Fotos in diesem Blog sind mit freundlicher Unterstützung und in den Räumlichkeiten von Ludwig Beck in München entstanden.