Modezirkus zu Trachten-Trends Erde an Dirndlträgerin

Eine Alternative zum klassischen Dirndl: das Dirndlkleid. Dieses tannengrüne Waschdirndl mit Flügelärmelchen kommt ohne Bluse aus. Die pinke Schürze bildet einen frischen Kontrast. (Dirndl: CocoVero, Herztasche: Vinzenz & Vincent, Armband: Ludwig Beck Accessoires)

(Foto: Daniel Hofer)

Wie sieht das perfekte Dirndl für die Wiesn 2014 aus? Welche Bluse, welche Schürze, welche Farbe liegt im Trend? Und was hat das alles mit Schneewittchen zu tun? Neun Tipps zum Oktoberfest.

Von Jana Stegemann

Das Dirndl wartet auf einem hölzernen Kleiderbügel auf seinen großen Auftritt. Frisch gestärkt und gebügelt zählt es die Tage. Von heute an noch 18. Es weiß: Der Aufbau der Bierzelte geht rasant voran. Am 20. September wird der neue Oberbürgermeister Dieter Reiter zur Mittagszeit im Schottenhammel-Zelt den Wechsel in das Fass treiben und unter den Augen der Weltpresse verkünden: "Ozapft is!" Dann beginnen 16 Tage Wahnsinn in der bayerischen Landeshauptstadt.

Sobald das Bier läuft, startet auch das Schaulaufen auf der 42 Hektar großen Theresienwiese. Dass noch vor 15 Jahren kaum ein Wiesnbesucher in Dirndl und Lederhose auf das größte Volksfest der Welt kam, mag kaum einer glauben, der sich dort heute umschaut. Geschätzt und gefühlt 95 Prozent der Besucher tragen Dirndl und Lederhose. Angesichts der Zunahme von Plastik-Lederhose und Billig-Dirndl verkomme die Wiesn mehr und mehr zum "Oktoberfestfasching", monieren Kritiker.

Was den Dirndl-Boom vor etwa 14 Jahren ausgelöst hat, weiß niemand so ganz genau. Ursprünglich war es ein praktisches Arbeitskleid junger Frauen und Dienstboten, die im Bayerischen wie im Österreichischen "Dirndl" genannt wurden. Für das Gewand, das aus einfacher Baumwolle und Leinen gefertigt war, habe es viele Jahre nicht einmal einen Namen gegeben, beschreiben Heide Hollmer und Kathrin Hollmer die Kulturgeschichte des Kleides in ihrem Buch "Dirndl". Mit der Wiesn hatte das Kleid lange nichts zu tun, bis sich das zum Millennium-Jahr plötzlich änderte.

Das Dirndl, es hat eine erstaunliche Wandlung vom altmodisch-konservativen Gewand zum weltoffenen Partykleid durchlebt. Auf der Wiesn, soviel steht fest, ist der Figurschmeichler mittlerweile Eintrittskarte und Mitgliedsausweis zugleich. "Das Dirndl stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl beim Feiern", befand Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Christian Ude. Wer Dirndl trägt, passt sich einer Masse an, bewahrt sich seine Individualität jedoch durch die Zusammenstellung von Farbmuster, Schnittnuancen und Accessoires. Die Designerin Vivienne Westwood bekennt sich offen zu ihrer Leidenschaft. "Frauen sollten", rief die Britin, " mehr Dirndl tragen. Das macht sie schöner."

Klassisches Dirndl in warmen, erdigen Tönen: Das Oberteil aus feinem Samt ist aufwendig bestickt, eine Samtbordüre findet sich auch am Rocksaum. (Dirndl: Sportalm, Bluse: Sportalm)

(Foto: Daniel Hofer)

Wer noch keines hat oder sich ein neues zulegen möchte, muss sich allerdings erst durch die unzähligen Variationen des Kleides in den Fachgeschäften probieren. Gemeinsam mit der Münchener Designerin Julia Trentini haben wir ein paar modische Anregungen und Tipps für die Wiesn-Saison 2014 zusammengestellt - die ganz im Sinne von Tradition und Werteverbundenheit steht.

Tschüss, Bling-Bling

Glitzer, Strass, Rüschen, Tüll und grellbunte Farben haben ausgedient. Die Dirndl in dieser Saison sind traditionell und ohne viel Schnickschnack. "Der Trend geht wieder in die Richtung der klassischen Trachten", sagt Trentini, "die Dirndl sind zurückhaltender als noch in den vergangenen Jahren." Die stilbewusste Dirndl-Trägerin setzt auf elegantes Understatement, hochwertige Stoffe und solide Verarbeitung. Statt Chichi und Blingbling sind nostalgisch-mädchenhafte Elemente im Kommen.

Erde an Dirndl-Trägerin

Vor einem halben Jahrhundert wurden die meisten Dirndl aus hellblauen Stoffen gefertigt und mit rosa Schürzen kombiniert. Mittlerweile gibt es die Kleider in allen Farben der Pantone-Palette. In dieser Saison erleben die klassischen Trachtenfarben rot, blau und dunkelgrün ihr Comeback. Abgewandelt treten sie als saftiger Brombeerton, leuchtendes Rosa, frisches Aqua, sattes Marine und tiefes Moosgrün auf. "Insgesamt sind die Farben gesetzter, erdiger. Auch die Farbkombination innerhalb eines Dirndls ist nicht mehr so bunt und grell wie in den vergangenen Jahren", sagt Julia Trentini. Sogar Dirndl in Naturtönen wie Beige müssen sich nicht länger verstecken - kombiniert mit weißer Bluse und erdbeerroter Schürze entwickeln sie die erforderliche Strahlkraft, um auf der Wiesn zu bestehen. Pastelltöne wie sonnengelb, babyblau, mintgrün und rosa sind seit Jahren beliebt und dürfen weiter getragen werden. "Man sollte das Dirndl tragen, in dem man sich wohlfühlt. Das ist das allerwichtigste", rät Julia Trentini.

Knöchellanges Baumwolldirndl in naturfarben kombiniert zur erdbeerroter Schürze aus Wildseide und Bluse mit halblangem Arm. (Dirndl: Heimatwerk Ludwig Beck, Bluse: Anno Domini, Schürze: Sportalm)

(Foto: Daniel Hofer)

Leinen los

Die Rückbesinnung auf Traditionen zeigt sich auch in der Stoffauswahl der Kleider. Viele Designer fertigen ihre Dirndl in diesem Jahr aus Baumwolle, Wolle und Leinen - allesamt matte Stoffe. Das hat den Vorteil, dass sich das Kleid meist in der heimischen Waschmaschine pflegen lässt. Wem ein schlichtes Baumwoll-Dirndl zu langweilig ist, der kann dazu eine Schürze aus Wildseide kombinieren. Das Label "Alpenmädel" hat in diesem Jahr sogar ein Stretch-Dirndl aus Leinen mit hohem Elasthananteil ins Sortiment aufgenommen. "Der Horror vor der Landhausmode aus Leinen schwindet. Leinen erlebt in diesem Jahr sein großes Revival. Der Stoff wird wieder schön, in einem völlig anderen Kontext", weiß die Dirndl-Expertin.

60 - 70 - 90

Abgesehen vom Mini-Dirndl, das weder traditionell ist, noch die Silhouette einer Frau besonders gut zur Geltung bringt, sind im Großen und Ganzen drei Rocklängen auszumachen. Die sogenannte 70er-Länge geht in etwa bis zur Mitte der Wade. Wichtig bei ihr ist, dass der Saum nicht an der breitesten Stelle der Wade endet, da sonst die Beine stämmiger als nötig wirken. Die 60er-Länge endet knapp unterhalb des Knies. Ein klassisches Dirndl ist jedoch immer knöchellang. Besonders gut steht diese Länge großen Frauen ab 1,75 m, kleinere Frauen sollten aufpassen, dass sie darin nicht untersetzt erscheinen. In jedem Fall gilt, dass die Schürze wenige Zentimeter, etwa eine halbe Handbreit, kürzer als der Rocksaum ist.

Wer sich in Trachtenkleidern unwohl fühlt, kombiniert Jeans und High Heels zur Trachtenjacke und Bluse in Vichy-Karo mit Rüschen. (Hose: privat, Bluse: Q1, Jacke: Angie Miller, Schuhe: privat)

(Foto: Daniel Hofer)

Tracht in der Light-Version

Die ersten Trendforscher schreiben bereits den Rückgang des Dirndl-Booms herbei. Immer häufiger sieht man auf Volksfesten Frauen, die statt des klassischen Dirndls, Kleidung mit Trachtenelementen tragen. "Das kann ein schöner Trachtenblazer kombiniert zu Jeans sein. Die Mode hat sich für den Trachtensektor geöffnet. Sie bietet auch Zugang für Frauen, die sich in einem Dirndl unwohl fühlen", weiß Julia Trentini und hat einen besonderen Trend in diesem Jahr ausgemacht: das Dirndlkleid. Ein schlichtes Baumwollkleid von mädchenhafter Eleganz, das die Bluse direkt eingenäht und halblange Ärmel hat. Es kann ohne Schürze getragen werden. "Ein Gürtel reicht als Accessoire", findet die Designerin.

Alle meine Blusen

Der Trend geht zu hochgeschlossenen Blusen, die zum traditionellen Dirndl gut passen. Besonders beliebt in diesem Jahr: Blusen mit Lochstickerei, Paspeln, Biesen, im Vintage-Look, mit Dreiviertel-Arm und mit Stehkragen. Wie frischgewaschen wirkt strahlendes weiß, Blusen in Eierschalen-Tönen stehen vor allem Dunkelhaarigen.

Fuchs du hast die Gans gestohlen... Um schnell wegzurennen, eignet sich die 70er-Länge perfekt. Die hochgeschlossene Bluse ist der Trend der Dirndlsaison 2014 (Dirndl: Heimatwerk Ludwig Beck, Schürze: Heimatwerk Ludwig Beck, Bluse: CocoVero)

(Foto: Daniel Hofer)

Pimp my Dirndl

Lange waren Unterröcke verpönt, nun feiern sie ihr Comeback und sind häufig direkt ins Dirndl eingenäht. Sie dürfen in anderen Farben unterm Rocksaum hervorblitzen. Man kann die petticoatähnlichen Unterzieher aber auch einzeln kaufen und damit ältere Dirndl-Modelle aufhübschen. Ebenso wie mit Wendeschürzen, deren Ecken in dieser Saison abgerundet und rüschig sein darf. Wer nicht vor Handarbeit zurückschreckt, kann seine schlichten Knöpfe am Dirndl durch auffälligere austauschen.

Schneewittchen und die sieben Knöpfe

Es braucht keine böse Stiefmutter oder sieben Zwerge, um mit einem Schneewittchenkragen auf die Wiesn zu gehen. So wird ein hoher Stehkragen genannt, der die Silhouette der Trägerin zusätzlich streckt und in dieser Saison häufig zu finden ist. Herzförmige Dirndl-Ausschnitte zaubern mehr, um es im Dialekt zu sagen, Holz vor die Hüttn. Die Balkonett-Variante, ein gerader Ausschnitt, eignet sich eher für Frauen mit größerem Busen. Geschlossen wird das Dirndl in diesem Jahr meist mit kleinen Knöpfen. Die Designer haben die Knopfleiste als traditionellste Verschlussform des Dirndls wiederentdeckt. "Reißverschlüsse sind kein wirklich schönes Zierelement und die uncharmanteste Form im Bereich der Verarbeitung, sie sollten eher seitlich verdeckt angebracht sein", sagt Julia Trentini. Knöpfe gibt es in zahlreichen Varianten - von Glas- über Perlmutt- zu Hornknöpfen bis hin zu phantasievollen in der Form eines kleinen Edelweißes.

Schneewittchen und die sieben Knöpfe: Dirndl mit Stehkragen in glänzender Brokatoptik in klassischen Dunkelblau zu himbeerfarbener Schürze. (Dirndl: Gott sei Dank, Schürze: Sportalm, Bluse: Heimatwerk Ludwig Beck, Kette: Ludwig Beck Accessoires)

(Foto: Daniel Hofer)

Blumenkränze und Kropfbänder

Schwarze halbhohe Pumps passen zu jedem Dirndl, aber es eignen sich auch Stiefeletten aus Wildleder mit Schnürung. Nur von einem rät Julia Trentini ab: "Bitte keine offenen Schuhe." Nicht nur, dass die Verletzungsgefahr dann steigt, "geschlossene Schuhe komplettieren das Dirndl besser." Zarte Stoffblumenkränze lassen sich einfach in kurzen und langen Haaren verweben. Ansonsten rät Trentini zu zartem Schmuck: "Ein hübsches Kropfband, gerne ein altmodisches aus Omas Schmuckschatulle, sieht immer toll aus. Dann braucht es auch keine sonstigen Armbänder oder langen Ohrringe mehr. Alles was zu pompös ausschaut, erinnert schnell an Fasching."

Die Dirndl-Designerin

Die Münchnerin Julia Trentini besitzt seit 2006 ihr eigenes Label im Glockenbachviertel. Ihre Trachtenkleider verkauft sie unter dem Namen "Fräulein Trentini" in die ganze Welt. Sogar Hollywood-Schauspielerin Sarah Jessica Parker besitzt ein Trentini-Dirndl.

Produktionshilfe

Die Fotos in diesem Blog sind mit freundlicher Unterstützung und in den Räumlichkeiten von Ludwig Beck in München entstanden.