Fashionspießer zu Männer-Tracht Servus, Blingbling-Toni!

Der Trachtenwahn greift um sich, auch bei den Herren. Doch was manche Männer unter Tracht verstehen, entspricht eher einer Imitation einer Lederhose. Und mündet nicht selten in einer vogelwilden Kombination aus Biedermeier, Fluch der Karibik und den Geissens.

Von Violetta Simon

Schee is' heid wieder im Käferzelt. Alle sind sie da - in Tracht, versteht sich. Oder dem, was der ausgewählte Wiesnbesucher in der Promibox darunter versteht. Hier darf es schon ein bisserl feudaler zugehen als bei den Noagal-Zuzlern im Mittelschiff. Und ein jeder darf den Trachtenstil um seinen eigenen Glamourbegriff erweitern.

Unter dem Einfluss von Schampus und Blitzlicht entstehen die spektakulärsten Phantasie-Uniformen, das Ergebnis kann sich sehen lassen: Von Barock bis Biedermeier, von Husar bis Blingbling-Toni - für jeden ist etwas dabei.

Der Hamburger Ex-Fußballer Stefan Effenberg und der ostfriesische Elektromusiker H. P. Baxxter erweisen sich als Brüder im Modegeiste und geben in ihren üppig bestickten Brokatwesten den Gutsbesitzer. Ein - mindestens regional - bekannter Designer aus Kitzbühel erscheint mit Gobelin auf den Schultern und einem Hotzenplotz-Hut auf dem Kopf. Das Arrangement soll irgendetwas zwischen Musketier und Bikermode darstellen, verunglückt jedoch zwischen Fluch der Karibik und Thomas Gottschalk. Hach, den Geissens würde das Herz aufgehen bei diesem Anblick!

Nur dem Baden(s)er Boris Becker ist heute nach Relaxen zumute: Zur bequemen Samtweste trägt er Holzfällerhemd, ganz eins mit der Natur. Offenbar hat ihm niemand verraten, dass ein Trachtenhemd zwar oft kariert ist - aber nicht alles, was kariert ist, ein Trachtenhemd. Ach Gott, und dann ist da ja auch noch unser Heino. In seinem leuchtend roten Janker mit Halsschleife, so blass und dünn, sieht er aus wie einer der Wildecker Herzbuben nach einer Crashdiät.

Mehr Trachten, mehr Fundstücke

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Doch endet das Drama nicht am Zeltausgang von Hippodrom und Käfer. Schließlich muss man nicht prominent sein, um keinen Geschmack zu haben. Nirgendwo und zu keiner Zeit wird die bayerischen Tracht derart verunglimpft wie auf der Wiesn. Ist es denn zu viel verlangt, zu einem Volksfest, selbst wenn es sich um das größte der Welt handelt, in Lederhosen Trachtenhemd und Haferlschuhen zu erscheinen? Oder aber gleich in Jeans und T-Shirt? Im Grunde ist es wie mit dem bairischen Idiom: Man muss ja kein Boarisch redn. Wenn man es nicht wirklich kann, sollte man es besser lassen.

Angeführt wird die Faschingsparade derzeit von treu ergebenen FCB-Fans im Auswärts-Outfit des Rekordmeisters: Ledersporthose mit aufgedrucktem Vereinswappen und weißes Trikot mit Stehkragen, das ein Trachtenhemd imitieren soll. Dazu eine feldgraue Trainingsjoppe mit Hirschhornknöpfen und eine Art (Narren?-)Kappe, die eher an Schweizer Zöllner als an bayerische Trachtler erinnernt. Kaum vorstellbar, aber noch schlimmer ist das Wiesn-Trikot des TSV 1860 München, das mit seinen Rautenprints und den kurzen weißen Ärmeln entfernt an diese Westen aus der Promi-Box erinnert, nur dass es bei den Zweitligisten leider nur für die Billig-Version gereicht hat.

Kommen wir zum zentralen Bestandteil der Tracht - zur Lederhose: Eine "Krachlederne" ist eine ernstzunehmende Angelegenheit. Ihr zweiter Name ist daher NICHT "Sepplhose". So nennt man bestenfalls die grauen kurzen mit den umgeschlagenen Beinen und den grün abgesetzten Eichblatt-Taschen. Überhaupt eignen sich Leder-Hotpants jeder Art bestenfalls für den Gay-Sunday in der Bräurosl. Ansonsten haben selbst kurze Lederhosen eine Mindestlänge, und zwar knapp überm Knie.

Eingefleischte Trachtler behaupten, nur eine getragene Lederhose sei eine gute Lederhose, und jede habe ihre ganz eigene, charakteristische Patina - je speckiger glänzend, desto besser. Wer also nicht mindestens das Fett von einem Hendl und einer Fischsemmel an Hosenbeine und Hosenboden geschmiert hat, braucht sich gar nicht erst blicken zu lassen.