WM-Titel der DFB-Elf Glücksgefühl für die Ewigkeit

Der Schütze und sein Vorlagengeber: Mario Götze (li.) feiert mit André Schürrle - rechts Jérôme Boateng.

(Foto: AFP)

Das herrliche Tor von Götze, der blutende Schweinsteiger, Löw mit dem Pokal. Diese Bilder werden bleiben. Die deutsche Mannschaft übersteht im Finale heikle Situationen, dann ist sie Weltmeister. Manche weinen, andere begreifen es noch nicht. Nur Schürrle hat einen Plan.

Von Thomas Hummel, Rio de Janeiro

Es sind Bilder, die im Gedächtnis der Fußballnation bleiben werden. Der blutende Schweinsteiger, der zuckend am Spielfeldrand liegt und plötzlich mit verarzteter Wunde aufspringt, um dieses Finale irgendwie zu Ende zu bringen. Mario Götze, der diese herrliche Flanke von André Schürrle mit der Brust annimmt und mit links ins entfernte Eck schießt. Thomas Müller, der beckenbauerisch am Rande in sich versunken herumsteht, während seine Kollegen mit den Fans feiern. Joachim Löw, der den goldenen Pokal in der Hand hält, obwohl viele Deutsche daran gezweifelt hatten, dass er die nötige Muskelkraft habe.

Dazu die kleinen Dinge eines Fußballspiels, die eine Mannschaft zur Legende machen: Jérôme Boatengs eingesprungene Kung-Fu-Grätsche, um den enteilten Sergio Agüero zu stoppen. Philipps Lahms ewige Läufe auf der rechten Seite. Der verletzte Sami Khedira, der draußen zunehmend aufbrausend zum Ko-Trainer umschult. Per Mertesackers selbstloser Einsatz als Wasserträger von der Ersatzbank und in den letzten drei Spielminuten als Kopfballbumerang.

Dann die großen Gefühle: die Tränen von Bastian Schweinsteiger, Manuel Neuer oder André Schürrle. Die schwarz-rot-goldene Fahne, die an der an Seilen befestigten Kamera über dem Estádio do Maracanã schwebte. Sie segelte durch das riesige Rund, während die Deutschen im Stadion das Lied "Tage wie dieser" von den Toten Hosen sangen.

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Die deutsche Nationalmannschaft ist am Sonntag in Brasilien Weltmeister geworden. Durch ein Tor in der 113. Minute besiegte sie Argentinien mit 1:0. Es ist der vierte Titel für den Deutschen Fußball-Bund nach 1954, 1974 und 1990. Und die Krönung für eine Generation von Fußballern, die sich bis zum Anpfiff stets den Vorwurf ausgesetzt sah, sie gewänne ja doch nie was. Und schon gar nicht mit diesem Trainer. Die aber nun doch etwas gewonnen hat. Den wertvollsten Preis, den es im Fußball zu gewinnen gibt.

Nach einem solchen Triumph sollen die Beteiligten schnell erklären, was das für sie bedeutet. Wie sich das anfühlt. Weltmeister. Die meisten verweigerten sich diesem Verfahren. "Ein, zwei Tage muss man mir noch geben, bis ich das emotional verarbeitet habe", erklärte Mats Hummels. Thomas Müller sagte: "Ich denke, ich begreife aktuell nicht, wie groß die Sache ist, die wir heute hier geschafft haben. Es fühlt sich nicht so real an. Ein komisches Gefühl." Der Bundestrainer hatte immerhin eine recht gesicherte Vorhersage anzubieten: "Dieses tiefe Glücksgefühl wird für alle Ewigkeit bleiben", prophezeite er.

Um dieses Glücksgefühl zu erreichen, hatten die Deutschen alles eingebracht, was ihre Körper, Gehirne und Seelen hergaben. Löw hatte ja schon vor der Partie Prophet gespielt, indem er seinen Spielern eröffnet hatte: "Ihr müsst heute so viel geben wie noch nie in eurer Karriere. Dann werdet ihr das erreichen, was ihr noch nie hattet: nämlich diesen Pokal." So kam es dann auch.

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Die Deutschen hatten sich vorgenommen, ein höllisches Tempo anzuschlagen. Kein Abwarten, kein Zögern, sondern vorne drauf. Sie wollten den Gegner im Spielaufbau stören, ihm früh den Ball abnehmen, um schnell vor sein Tor zu kommen. Es war ein mutiges, riskantes Unterfangen. Doch sie zogen ihr Programm durch, bis zum Schluss.

Dabei verloren sie beim Aufwärmen Sami Khedira. Er meldete den Physiotherapeuten Probleme in der Wadenmuskulatur, die bereits beim Abschlusstraining tags zuvor aufgetreten waren. Den Trainern war ein Einsatz nun zu riskant. Plötzlich stand der Mönchengladbacher Christoph Kramer in einem WM-Finale in der Startelf. Es war Kramers fünftes Länderspiel. Der 23-Jährige sah beim Einlaufen zwar aus, als wäre er einem Geist begegnet, doch er spielte gut. Bis ihm der Argentinier Ezequiel Garay die Schulter ins Gesicht rammte. "Was danach passiert ist, daran kann ich mich nicht erinnern", sollte Kramer später sagen. Dabei spielte er noch mehr als eine Viertelstunde weiter. Mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ließ er sich noch vor der Halbzeit vom Platz führen.