Von Christiof Kneer

Nach Ballacks Ausfall muss die Generation Schweinsteiger/Lahm früher als erwartet ihre Reife beweisen. Im defensiven Mittelfeld setzt Löw auf einen Mann, der etwas Ballackhaftes an sich hat.

Das Gute am deutschen Fußball ist ja, dass im Ernstfall alle zusammenhalten. Selbst verstoßene Familienmitglieder melden sich in dunklen Stunden und bieten ihren Rat an, gut gemeint und unentgeltlich. Also, er würde jetzt voll auf Bastian Schweinsteiger setzen, empfahl der Nationaltrainer Aserbaidschans, kaum dass die Meldung von Michael Ballacks WM-Ausfall auf dem Markt war. Der Nationaltrainer Aserbaidschans war dann sogar so freundlich, seinen kleinen Wink analytisch zu unterfüttern: "In einer Superform" sei dieser Schweinsteiger, sagte Berti Vogts.

Philipp Lahm; dpa Bild vergrößern

Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger tragen nun früher als erwartet die Verantwortung. (© Foto: dpa)

Anzeige

Da wird Joachim Löw aber ganz schön dankbar sein. Zwar ist ihm womöglich bereits selbst aufgefallen, dass Bastian Schweinsteiger derzeit ganz gut Fußball spielt, aber nun hat er auch noch den Segen der Familie. Weitere Namen sind der Familie dann nicht mehr eingefallen, außer jenem, den der ehemalige Nationalspieler Olaf Thon in die Debatte mischte.

"Für mich kommt nur Torsten Frings als Ersatz in Frage", sagte Thon. Dass Löw den Bremer ins WM-Camp nach Sizilien bestellt, ist aber ungefähr so wahrscheinlich wie die Aussicht, dass Kevin-Prince Boateng, der Ballack im englischen Cupfinale brachial umgetreten hatte, demnächst zum DFB-Ehrenspielführer ernannt wird. "So ist es", antwortete Löw knapp, als er in Sizilien gefragt wurde, ob Frings weiterhin kein Thema sei.

"Riss des Innenbandes und Teilriss des vorderen Syndesmosebandes des rechten oberen Sprunggelenks" - so lautet im Fachterminus jene Nachricht, die Löw und seinen Stab am Montag aufwühlte. Dies ist die Sprache der Ärzte, in der Sprache des Sportlehrers lautet die wahre Diagnose: Achsenbruch.

Die wahre Dramatik von Ballacks Ausfall erfasst erst, wer die Personalie nicht isoliert betrachtet, sondern sie in den sportlich-strategischen Zusammenhang setzt. Hier wurde nicht einfach nur der prominenteste Spieler vom Sport befreit. Hier fehlt eine der wenigen auf Höchstniveau verlässlichen Figuren - eine, die das ganze Gebilde tragen sollte.

Joachim Löw wird bei der WM ohnehin ein kurioses Team dabeihaben, und ohne Ballack ist nun vollends ein Kader entstanden, für den jedes historische Vorbild fehlt. Deutsche WM-Mannschaften waren meist stabile Zwanzigtonner, aber sie hatten einen Wendekreis, der so groß war wie ein WM-Stadion. Nun hat Löw im Mittelfeld rasende Minis wie Özil, Marin, Müller, Kroos oder Trochowski, die in einer Telefonzelle wenden können; ob sie aber ein Spiel strukturieren und beruhigen, ob sie ihm im Zweifel ihren Körper entgegenstellen können, das weiß Löw ebenso wenig wie Olaf Thon oder der Nationaltrainer von Aserbaidschan.

Was Löw immerhin von den beiden Letztgenannten unterscheidet, ist, dass er über einen Lieblingsspieler verfügt, den er nun vor der Zeit ins WM-Stadion schicken wird. Sami Khedira, 23, ist für Telefonzellen gänzlich ungeeignet, er ist ein schlaksiger Mittelfeldspieler, "der jetzt neben Schweinsteiger besonders gefragt sein wird", wie Löw am Montag sogleich verfügte.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Diagnose: Achsenbruch
  2. Wie mit Ballack - nur ohne Ballack
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...