Starker Kevin Kuranyi In die Enge getrieben

Vor den Augen von Bundestrainer Löw zeigt Kevin Kuranyi erneut eine demonstrativ überragende Leistung. Wie lange kann Löw noch auf den treffsichersten deutschen Stürmer verzichten?

Von Philipp Selldorf

Als Angreifer war er wieder unwiderstehlich und als Mannschaftsarbeiter in der Defensive fleißig wie eine Ameise. An diesem Abend, an dem er seinem FC Schalke 04 zur Übernahme der Tabellenführung verholfen hat, schien es wirklich nichts zu geben, was ihn aufhalten könnte, nicht mal Leverkusens Abwehrmonument Sami Hyypiä vermochte sich in seinen Weg zu stellen, und das alles geschah auf dem prominentesten, universellsten Sendeplatz des Spieltages - was zwangsläufig dazu führte, dass sich ein ganzes Land wieder fragte: Wie kann es sich der Nationaltrainer leisten, auf diesen Mann zu verzichten, der doch offensichtlich in der Form seines Lebens ist? Geht es ihm wirklich ums Prinzip oder um seine Eitelkeit - und sollte es nicht in Wahrheit um die bestmögliche Nationalmannschaft gehen?

Aber Jose Guillermo del Solar ist unerbittlich. Perus Nationaltrainer sagt seit drei Jahren Nein, und er wird das weiterhin tun, daran wird auch Jefferson Farfans großartiger Auftritt mit Schalke beim 2:0-Sieg in Leverkusen nichts ändern. Farfan würde gern wieder für Peru spielen, er hat ja auch lang genug dafür gebüßt, dass er an dem Abend vor jenem Länderspiel gegen Ecuador an der Seite eines gewissen Claudio Pizarro eine kleine Feier mit Damenbegleitung und guten Getränken abgehalten hat. Drei Jahre ist das her, Farfan und Pizarro wurden inzwischen vom Verband begnadigt, aber del Solar lädt sie nicht ein. Peru hat es - kein Wunder - nicht zur WM geschafft.

Außer Farfan hat am Samstagabend auch dessen Sturmpartner Kevin Kuranyi ein gutes Spiel gemacht, zwei Tore von bestechender Klarheit und Schönheit hat er geschossen und auch sonst in Angriff und Abwehr sehr viel richtig gemacht, was dazu führte, dass sich ein ganzes Land fragte: Wie kann es sich der Nationaltrainer leisten, auf diesen Mann zu verzichten, der nach allgemeiner und eigener Auffassung so gut spielt wie nie zuvor in seinem Leben?

Joachim Löw hat sich das womöglich selbst gefragt, er saß neben seinem Vorvorgänger Rudi Völler auf der Leverkusener Tribüne, und wenn ihn die Fernsehkamera zeigte, wirkte er nicht sehr amüsiert. Völler hat es später taktvollerweise vermieden, aus seiner Begegnung mit Löw zu berichten, genauer gesagt, hat er gar nichts berichtet, was aber wohl eher am bescheidenen Auftritt der Leverkusener lag, die sich laut Trainer Jupp Heynckes einem "in allen Belangen klar überlegenen" Gegner geschlagen geben mussten.

Löw hat am Wochenende ebenfalls in der Öffentlichkeit geschwiegen, ihm ist natürlich klar, dass ihn Kuranyi im Laufe der vergangenen Woche auf geradezu groteske Weise in die Enge getrieben hat. Zweimal hat Löw den Schalker Angreifer, den er vor anderthalb Jahren wegen dessen Tribünenflucht beim WM-Qualifikationsspiel gegen Russland angeblich unwiderruflich aus der Nationalelf verbannt hat, live besichtigt - und beide Male hat der 28-Jährige eine demonstrativ überragende Vorstellung geboten.

Unter dem Regiment von Felix Magath hat Kuranyi all seine Stärken herausgebildet, die er in den vergangenen Jahren immer nur sporadisch oder phasenweise zur Geltung brachte. Spätestens seit Rückrundenbeginn gehört er in jedem Spiel konstant zu den besten seiner Elf, er nutzt seine Chancen mit einer van-Nistelrooy-artigen Quote, er kombiniert kunstvoll mit seinen Nebenleuten, er erobert Bälle vom Gegner, er ist ständig als Anspielstation präsent. Und nicht nur die Schalke-Fans fragen sich: Kann man so etwas derzeit auch von Löws auserwählten Angreifern Klose, Podolski und Gomez sagen? Es ist eine rhetorische Frage.

Die Kuranyi-Frage hat Schalkes taktisch und spielerisch vollendeten Auftritt in Leverkusen ein wenig in den Schatten gestellt, aber Magath war das womöglich gar nicht unrecht. Dann reden die Leute vielleicht etwas weniger von Schalkes zunehmend konkreter Meisterschaftsperspektive, die beim Gipfeltreffen mit dem FC Bayern am kommenden Samstag eine weitere Erleuchtung erfahren kann. Magath vermied es zunächst, sich einzumischen in die Deutschland-Debatte ("Gott sei Dank bin ich nicht Bundestrainer"), aber er hat das dann doch nicht ganz durchgehalten: "Jetzt ist Kevin der beste deutsche Stürmer", hat er am Sonntag festgestellt und verraten, dass sich Löw und Kuranyi kürzlich "bei einem zufälligen Treffen ein bisschen ausgetauscht" hätten: "Vielleicht sollte man sich noch mal über den Weg laufen", empfiehlt Magath.

Mit seinen Toren Nummer 16 und 17 hat sich Kuranyi selbst übertroffen, seine bisherige Saison-Höchstleistung waren 15 Treffer, das hat er schon viermal geschafft. Zurzeit scheint es nicht denkbar, dass die Strähne reißt, und jedes weitere Tor setzt den widerwilligen Bundestrainer noch mehr unter Druck. "Ich habe noch Hoffnung", hat Kuranyi versichert, "aber ich kann nicht entscheiden. Es kann nur ein Mensch ändern - und ich werde so lange kämpfen, bis der es auch tut." Klingt pathetisch. Aber nicht unangemessen.