sueddeutsche.de: Wer sich nicht testen lässt, der darf nicht starten.

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Wiesemann: So ist es. Hier werden Sportlerinnen - unter Umständen noch Jugendliche - faktisch gezwungen, die Tests durchführen zu lassen. Die neue Regelung des IOC missachtet den Schutz dieser Personen. Wir wissen, dass die Ergebnisse genetischer Diagnostik dramatische Auswirkungen haben können. Da kann sich der Sport nicht hinstellen und sagen: Uns kümmert das nicht.

sueddeutsche.de: Die Verbände wollen, dass weiterhin Wettbewerbe bei Frauen und Männern ausgetragen werden.

Wiesemann: Das halte ich auch für richtig.

sueddeutsche.de: Will man das beibehalten, und sollen bei Frauen gleiche Wettbewerbsvoraussetzungen garantiert sein, dann steckt der Sport in einem Dilemma.

Wiesemann: Zum einen: Das Phänomen Intersexualität ist nicht sehr häufig. Zum anderen: Jede Sportlerin hat einige genetische Vorteile, die sie größer, kräftiger, schneller werden lässt als andere. Warum ausgerechnet diesen einen Aspekt so betonen und nur hier Unfairness anprangern?

sueddeutsche.de: Sie würden dafür plädieren, dass Intersexuelle bei Frauen starten dürfen?

Wiesemann: Ich würde dafür plädieren, dass jeder Mensch, der im sozialen Geschlecht Frau aufgewachsen ist und legal als Frau gilt, auch bei Frauen starten darf. Man kann Sportlerinnen nur dann effektiv vor Trauma und Stigmatisierung schützen, wenn man die Zwangs-Tests aufgibt.

sueddeutsche.de: Im Fall Caster Semenya hieß es während der WM in Berlin: Sie sieht aus wie ein Mann. Viele Konkurrentinnen haben auf das Äußerliche von Semenya reagiert. Ist die Diskussion deshalb nicht ohnehin unvermeidbar?

Wiesemann: Diese Diskussion kommt nur auf, weil der Sport für sich in Anspruch nimmt, auch in Fällen von Intersexualität biologisch eindeutig feststellen zu können, wer Frau und wer Mann ist. Der Sport sollte diese Vorstellung aufgeben. Viele Athletinnen haben männliche Gesichtszüge; ein zierliches Mädchen wird keine Karriere im Gewichtheben machen. Frausein beinhaltet ein großes Spektrum von körperlichen Merkmalen. Es geht darum, dass mit diesen Tests ein grundsätzliches Urteil über einen Menschen abgegeben wird: Du bist keine richtige Frau. Und das geht bei den Betroffenen an die Wurzel ihrer Existenz.

sueddeutsche.de: Ist der Sport in diesem Bereich naiv?

Wiesemann: Da ist der Sport noch sehr naiv. Vielleicht verständlicherweise. Weder Sportfunktionäre noch Sportlerinnen sind auf das Thema Intersexualität ausreichend vorbereitet.

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(sueddeutsche.de/cat)