Mesut Özil "Noch heute muss ich mich konzentrieren, wenn ich deutsch rede"

Mesut Özil spricht über seine Sprachprobleme aus der Kindheit, die ihn bis heute verfolgen.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Mesut Özil erzählt in der Welt am Sonntag über seine sprachlichen Probleme in der Kindheit, die ihn bis heute verfolgen.
  • Der Fußball half ihm zwar bei der Integration, war aber auch nicht frei von Ressentiments.
  • Zur aktuell angespannten politischen Lag zwischen der Türkei und Deutschland will sich der Nationalspieler nicht äußern.

Wenn es um Integration durch den Sport geht, Fußball im Speziellen, wird Mesut Özil gerne als Musterexemplar hergenommen - fast so gerne wie Deutschlands Lieblingsnachbar Jérôme Boateng. Doch dem begabtesten Passgeber der DFB-Elf fiel die Integration in seinen ersten Lebensjahren selbst nicht leicht.

Das lag vor allem an der Sprachbarriere: Bis zu seinem vierten Lebensjahr habe er ausschließlich türkisch gesprochen, sagte Özil in einem Interview mit der Welt am Sonntag. Er habe keinen Kindergarten besucht, sondern eine Vorbereitungsschule, wo "gefühlt 99,9 Prozent Ausländer waren, und wir untereinander auch türkisch gesprochen haben". Nur mit dem Lehrer hätten die Kinder deutsch gesprochen. Auch später in der Schule seien viele Türken gewesen. "Es war nicht leicht für mich, Deutsch zu lernen. Noch heute muss ich mich konzentrieren, wenn ich deutsch rede", erzählte der 28-Jährige.

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Özil bestreitet aber, dass er in einer "türkischen Blase" aufwuchs. "Das habe ich so überhaupt nicht wahrgenommen. Für mich war Deutschland von Anfang an meine Heimat." Im Urlaub habe er nach kurzer Zeit Heimweh nach Deutschland und Gelsenkirchen gehabt.

Der Profi des FC Arsenal sieht sich vielmehr als Mischprodukt der Kulturen. "Ich bin sehr dankbar, dass ich beide Kulturen in meinem Herzen habe, ich konnte mir sozusagen immer das Beste rauspicken", sagte Özil. "Aber natürlich ist das für jedes Einwandererkind auch eine lebenslange Aufgabe, ein bisschen wie in zwei Welten leben."

Özil sieht sich als Fußballer, nicht als Politiker

Fußball half Özil bei der Integration in die deutsche Kultur, aber auch hier musste er feststellen, dass der Sport nicht frei von Ressentiments ist. "Ich war zwar nie komplett Außenseiter. Und doch musste ich immer eine Spur besser sein als meine deutschen Mitspieler. Ich habe nicht so viele Chancen bekommen wie andere, musste immer mehr Gas geben", sagte Özil. Ein Nachteil sei das nicht gewesen. "Das war okay, dadurch bin ich besser geworden. Und letztendlich hat mir der Fußball die Welt geöffnet."

Zu seinem Ruhm kamen aber auch neue Probleme hinzu. Özil machte vermehrt schlechte Erfahrungen mit falschen Freunden. "Je weiter du nach oben kommst, desto mehr Leute wollen was von dir", sagte er. Er sei im Laufe seiner Karriere auch an Menschen geraten, die "von dir profitieren wollen, die durch mich Geschäfte machen wollten. Es kam irgendwann raus, dass sie nicht meine Freunde waren, sondern mich nur benutzt haben". Inzwischen habe er nur noch Leute um sich, denen er zu einhundert Prozent vertraue.

Neben falschen Freunden vermeidet Özil vor allem politische Aussagen. Zur angespannten politischen Lage zwischen Deutschland und der Türkei will sich Özil nicht äußern, sieht sich nur als Fußballer. "Über Politik rede ich nicht." Bloß niemanden provozieren. "Egal, was ich sage, es wird bei gewissen Leuten in den falschen Hals kommen. Das will ich nicht", sagte Özil und betont das gute Klima in der Nationalmannschaft: "Ich kann nur sagen: In der deutschen Nationalmannschaft spielen Leute mit deutschen, türkischen, tunesischen, ghanaischen und polnischen Wurzeln. Und wir gehen alle respektvoll miteinander um. Das wünsche ich mir auch für das tägliche Leben."

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