DFB-Elf in Aserbaidschan Weltmeister im Opportunismus

Gewinnen und über Menschenrechte reden - von Fußballern wäre das wohl zu viel verlangt. Aber dass der DFB gar nichts zur Lage in Aserbaidschan sagt, entlarvt die übliche Kumpanei.

Kommentar von Claudio Catuogno, Baku

Wenn die deutschen Nationalspieler in ihrem Hotel an der Uferstraße Neftçilər Prospekti aus dem Fenster schauen, erheben sich am anderen Ende der Bucht die "Flame Towers", das Wahrzeichen des modernen Baku. Drei 190 Meter hohe, wie Flammen geformte Wolkenkratzer, die Aserbaidschans Selbstverständnis als Ölförder-Nation symbolisieren. Bald nach Sonnenuntergang wird aus den Fassaden der Hochhäuser eine spektakuläre Lichtinstallation. Für eine Weile lodern tatsächlich drei berghohe Flammen über der Stadt. Dann wechselt das Bild und man erkennt die Silhouetten von drei Männern, die aserbaidschanische Flaggen schwenken.

Manchmal muss man auch als vielreisender Fußballprofi nur aus dem Fenster gucken, dann sieht man schon, wo man ist. Beziehungsweise: Man sieht, was man denken soll, wo man ist. In der Kapitale einer modernen, der Zukunft zugewandten Nation nämlich, in der sich patriotische Menschen lustvoll hinter ihren Nationalsymbolen versammeln.

Zwar hat der Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, der bekanntlich immer an alles denkt, schon vor der Abreise zum WM-Qualifikationsspiel am Sonntag angemerkt, dass sich die drei Stunden Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Baku ungünstig auf den Schlafrhythmus auswirken könnten: "Wir werden die Zimmer verdunkeln, damit es morgens nicht schnell hell wird", kündigte Bierhoff an. Der Blick des Leistungssportlers soll nach innen gehen, nicht nach außen. Aber für ein paar Minuten werden Mats Hummels, Sami Khedira, Mesut Özil und die anderen schon durch die Vorhänge gelinst haben, nachdem sie am Freitagabend aus Düsseldorf eingeflogen und ins örtliche Hilton chauffiert worden waren. Und wenn man die "Flame Towers" dann einmal im Blick hat, kann man kaum wieder wegschauen.

Braucht man als Fußballer eine Haltung?

Anderes sieht man nicht sofort. Zum Beispiel, was Amnesty International über Aserbaidschan zusammengetragen hat: "Bekannte Menschenrechtsverteidiger wurden inhaftiert und führende Menschenrechtsorganisationen gezwungen, zu schließen oder ihre Aktivitäten einzustellen. Unabhängige Journalisten waren Drangsalierungen, Gewalt und konstruierten Anklagen ausgesetzt. Die Versammlungsfreiheit blieb eingeschränkt. Folter und andere Misshandlungen waren weiterhin an der Tagesordnung." Auf der "Rangliste der Pressefreiheit 2016" der Organisation "Reporter ohne Grenzen" ist Aserbaidschan von allen Uefa-Mitgliedern am schlechtesten platziert: Rang 160 von 180 untersuchten Ländern. Zwei Plätze vor Saudi-Arabien. Präsident Ilham Alijev, 55, führt das Land seit 2003 nicht weniger autokratisch als zuvor sein Vater Heydar. Die riesigen Feuer über Baku bekommen eine andere Konnotation, wenn man das weiß.

Die Frage ist nur: Muss man das überhaupt wissen, wenn man doch gerade sehr beschäftigt damit ist, die WM-Qualifikation "gnadenlos durchzuziehen", wie der Bundestrainer Joachim Löw das von seinen Spielern gefordert hat? Wenn man "sehr warmherzig empfangen" wurde, wovon Sami Khedira am Samstag zu berichten wusste. Muss man als Fußballer - oder als Fußballverband - eine Haltung entwickeln zu inhaftierten Menschenrechtsaktivisten, von denen man allerhöchstes mal was im Internet gelesen hat? Wo sich doch die Wahrheit des Fußballs sowieso nicht zensieren lässt, weil sie ja auf dem Platz liegt und sonst nirgends?

Deutsche Nationalmannschaft Wie der DFB beim Problem Aserbaidschan wegschaut
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Wie der DFB beim Problem Aserbaidschan wegschaut

Obwohl die Menschenrechtslage miserabel ist, gibt es vom DFB vor dem Länderspiel in Aserbaidschan nur knappe Antworten.   Von Johannes Aumüller

Zunächst einmal muss man den Vertretern des Deutschen Fußball-Bundes zugestehen, dass sie sich ihr Reiseland nicht selbst ausgesucht haben. Aserbaidschan wurde ihnen zugelost vom ausrichtenden Europa-Verband Uefa. Das ist schon mal ein gewisser Unterschied etwa zu jenem Trainingslager in Katar, in das der FC Bayern jeden Winter aufs Neue aufbricht - und über das Uli Hoeneß kürzlich mit den Worten geschwärmt hat, da werde "der Rasen mit der Nagelschere gepflegt". (Doch hoffentlich nicht von den berühmten Sklaven, von denen Franz Beckenbauer in Katar "nie einen" gesehen hat?)

Beim FC Bayern haben sie Debatten über die Signalwirkung, die ihre wirtschaftliche Partnerschaft mit Unternehmen in Doha haben könnte, intern auch schon mal mit dem Argument weggeräumt, dann könne man ja auch nicht mehr in Marbella trainieren, ohne Spaniens hohe Jugendarbeitslosigkeit anprangern zu müssen. Das ist natürlich ein fragwürdiges Argument angesichts der Hunderten Gastarbeiter, die - zwar nicht auf den Stadionbaustellen selbst, aber doch beim Bau der Infrastruktur - laut internationalen Organisationen schon ihr Leben ließen für die umstrittene Katar-WM 2022.

Aber wenn man als Fußballmannschaft nicht mehr zu einem Pflichtspiel nach Aserbaidschan reisen darf, ohne dort gleich aktiv die Menschenrechtslage anzuprangern, wie das jetzt verschiedentlich gefordert wird, dann stellt sich schon die Frage, wo der politische Auftrag der Nationalelf beginnt - und wo er endet.