Matthias Sammer im Gespräch "Der Star ist nicht die Mannschaft!"

Er war der "Feuerkopf", Europameister 1996 und einer der besten Schüler von Berti Vogts: Matthias Sammer. Im Gespräch mit der SZ erklärt der heutige DFB-Sportdirektor, was dem deutschen Fußball im Vergleich zu den Spaniern noch fehlt, weshalb Nationalspieler gefälligst die Hymne singen sollen - und warum er ein berühmtes Vogts-Zitat nicht mehr hören kann.

Interview: Klaus Hoeltzenbein und Christof Kneer

SZ: Herr Sammer, die deutsche A-Nationalelf hat von zehn EM-Qualifikationsspielen zehn gewonnen, und auch die U21, die U20, die U19 und die U17 haben einen Sieg nach dem anderen gelandet. Muss Spanien jetzt vor Deutschland zittern?

Sammer: Die stetige Weiterentwicklung der A-Nationalmannschaft sehe ich mit großer Freude, und auch im Nachwuchsbereich läuft es. Aber die Spanier sind A-Weltmeister, U21-Europameister und U19-Europameister. Manche denken ja, Xavi und Co. werden älter, und es kommt dann nichts mehr nach. Diese Theorie können Sie aber vergessen.

SZ: Aber haben wir zum Ende der EM-Qualifikation nicht die ultimative Waffe gesehen? Mit den blitzschnellen Abwürfen und Abschlägen von Torwart Manuel Neuer müssten doch auch die Spanier zu überfallen sein.

Sammer: Auch da muss ich Sie enttäuschen: Viele denken, die größte Stärke der Spanier sei das Kurzpassspiel. Aber die Spanier haben erkannt, dass sie mit dieser Art des Fußballs irgendwann an Grenzen stoßen. Sie haben sich im Spiel gegen den Ball rasant entwickelt, sie greifen weit vorne an, sie sind insgesamt hervorragend organisiert. Sie lassen sich nicht so einfach überraschen.

SZ: Was kann der deutsche Fußball tun, wenn er 2012 die EM gewinnen will?

Sammer: Für meinen Verantwortungsbereich kann ich sagen: Im Nachwuchs müssen wir die sportlichen Inhalte für das A-Team im Detail noch besser vorbereiten. Die Spieler müssen noch komplexer sein, wenn sie oben ankommen.

SZ: Sie meinen bestimmt die Siegermentalität: Ihr Lieblingsthema.

Sammer: Ich weiß, dass ich gerne auf dieses Schlagwort reduziert werde, ich will mal so antworten: Im Nachwuchsbereich haben wir Marcel Lucassen verpflichtet, einen Individualtrainer für Technik und Taktik, einen Holländer. . .

SZ: . . . einen Holländer?

Sammer: Schauen Sie sich mal Xavi oder Iniesta an: Die sind nicht besonders schnell, aber sie haben eine besondere Technik, sich mit einer Auftaktbewegung vom Gegner abzusetzen. Ich sag' es mal im Trainerdeutsch: Sie bieten sich immer in einer offenen Stellung an, um nach der Ballweitergabe eine Folgeaktion einzuleiten, damit ihr Spiel nie statisch wird. An so etwas arbeitet Lucassen mit unseren Trainern und Spielern.

SZ: Ein Holländer soll den Deutschen helfen, Spanien zu besiegen?

Sammer: Es heißt ja immer: Der Sammer, der liebt die Tradition zu sehr. Trotzdem holt der Sammer einen Holländer, der topmodern arbeitet und unsere Spieler fußballerisch weiterentwickeln soll.

SZ: Wenn man sich die jüngsten Debatten vergegenwärtigt, muss man trotzdem zu dem Schluss kommen: Ihr Lebensthema bleibt die Mentalität.

Sammer: Sie kennen ja die fünf Leistungsvoraussetzungen, die in unserem DFB-Nachwuchs-Leitfaden stehen: Konstitution, Kondition . . .

SZ: . . . Technik, Taktik und Persönlichkeit.

Sammer: Genau. Das sind die fünf Säulen, und wir müssen jede einzelne auf Weltniveau entwickeln. Wir haben 2006 in unseren Leitfaden "Die Seele unseres Spiels" geschrieben: Wir wollen auch Titel gewinnen! Da hieß es: Ihr seid aber mutig, im Jugendbereich spielen Ergebnisse doch keine Rolle! Ich habe dann provokativ gesagt: Okay, dann bilden wir eben konstitutionell, konditionell, technisch-taktische Verlierer aus.

SZ: Ihr These lautet: Ohne fünfte Säule kann man die Spanier nicht bezwingen.

Sammer: Und wissen Sie warum? Die Spanier legen selbst großen Wert auf diese Säule, das wissen die meisten nicht. "Stabile Persönlichkeitsbildung" nennen sie das in Spanien, die haben schon Mitte der Neunziger begriffen, dass die ersten vier Säulen nichts bringen, wenn die fünfte fehlt. Schauen Sie nach Holland: Die haben einen einzigen großen Titel geholt, 1988 bei der EM - diese überragenden Fußballer! Da muss man sich doch fragen, woran das liegt. Aber die Franzosen machen mir Sorgen.

SZ: Warum das denn?

Sammer: Willy Sagnol wird da jetzt Sportdirektor. Wenn der das FC-Bayern-Gen in den französischen Verband bringt und die wieder erfolgsorientierter arbeiten, dann wird es gefährlich, weil sie in jeder Altersstufe über außergewöhnliche Spieler verfügen.

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