Mario Götze Verloren im Zentrum

Mario Götze ist momentan weit weg von seiner WM-Form.

(Foto: dpa)
  • Nach der schwachen Leistung beim Europa-League-Aus in Salzburg ist auch im Kader der Nationalelf kein Platz für Mario Götze.
  • Der WM-Siegtorschütze von 2014 wirkt im System von Peter Stöger verloren.
  • Mit Marco Reus kommt ein weiterer Konkurrent um einen WM-Platz aus der eigenen Mannschaft.
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Von Dortmund nach Düsseldorf sind es nur 65 Kilometer. Das schafft man mit dem Auto in einer dreiviertel Stunde. Ein Fußballprofi mit einem teuren Flitzer braucht vielleicht sogar nur eine halbe. Die Nationalmannschaft, die sich an diesem Dienstag in Düsseldorf zum Lehrgang trifft, ist zum Greifen nahe für den Dortmunder Mario Götze. So nah und doch so fern. Denn derzeit ist es fraglich, ob Götze bei der bevorstehenden WM in Russland dabei sein wird. Wenn die deutschen Nationalspieler in dieser Woche in Düsseldorf Quartier machen, gehört Götze nicht zur elitären Auswahl.

Ihm droht sogar eine bittere Ironie des Schicksals: Bundestrainer Joachim Löw wird am 15. Mai seinen WM-Kader ausgerechnet in Dortmund benennen, im Deutschen Fußball-Museum, und der Borusse Götze könnte außen vor bleiben. Ausgerechnet jener Spieler, dessen WM-Siegtor von 2014 in diesem Museum einen exklusiven Platz einnimmt. Mario Götze muss sich zurzeit in jedem Spiel mit dem BVB ausdrücklich für Löw empfehlen. Und der 1:0-Sieg am Sonntag gegen Hannover 96 hat wieder einmal gezeigt: Es fällt ihm gerade nicht leicht.

"Nicht in der Form, in der wir ihn uns wünschen"

Am Donnerstag ist der BVB in Salzburg aus der Europa League ausgeschieden, anschließend hat der Trainer Peter Stöger über Götze gesagt: "Mit Mario waren wir überhaupt nicht einverstanden; wenn so gar nicht umgesetzt wird, was wir wollen, dann müssen wir anderen Jungs eine Möglichkeit geben." Vor allem die erhofften Laufwege hinter die gegnerische Abwehrkette hat Stöger vermisst. Zufall oder nicht - tags darauf äußerte Löw sich ähnlich. Als er seinen Nationalkader für die Testspiele am Freitag in Düsseldorf (Spanien) und am Dienstag darauf in Berlin (Brasilien) nominierte, sagte er über den nicht berücksichtigten Götze: "Im Moment ist er noch nicht in der Form, in der wir ihn uns wünschen - und ich wünsche mir von ihm zum Beispiel auch, dass er aus seiner Position wieder mehr in die Spitze geht."

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Damit wären sie also schon zu zweit, jene Trainer, die sich von Götze mehr Zug nach vorne und auch eine energischere Körpersprache wünschen. Dortmunds Partie gegen Hannover hätte dazu trefflich Gelegenheit geboten, denn Götze durfte trotz der Enttäuschung drei Tage zuvor wieder von Beginn an mitwirken. Er erhielt in der zentral-offensiven Zehner-Position alle Freiheiten, um sich inmitten der Flügelzange aus Christian Pulisic und André Schürrle sowie hinter dem Stürmer Michy Batshuayi auszutoben.

Etwa 20 Minuten lang zeigte Götze gute Ansätze, doch dann ging er ein bisschen verloren im Zentrum eines Spiels, das die Dortmunder mit hohen Bällen und viel Flügelspiel inszenierten. Die langen Bälle der Innenverteidiger Ömer Toprak und Manuel Akanji sind für den kleinen Götze nichts, und die Hereingaben von den Flügeln bekommt er auch kaum zu fassen. Götze soll sich profilieren in einem Spiel, das Stöger gar nicht auf ihn anlegt. Das ist ebenso schwierig wie undankbar.

Götze muss nun mit Leistung für sich werben

Götze könnte nun damit hadern, dass er es momentan niemandem recht machen kann. Aber sollte er wirklich so fühlen, dann behält er es für sich. Drei Monate vor der WM jemanden zu verprellen, wäre eine schlechte Strategie. Er braucht das Vertrauen des Trainers Stöger, um Einsätze zu bekommen, und er braucht diese Einsätze, um das Vertrauen des Trainers Löw zurückzugewinnen. Götze reagierte auf Stögers unwirsche Salzburger Kritik also mit einem seltsam klingenden Eingeständnis. Er sagte: "Ich bin dem Trainer dankbar, dass er mich auf meine Defizite hingewiesen hat und ich werde stark daran arbeiten." Der etwas eigenwillige Satzbau deutet darauf hin, dass diese Reaktion sarkastisch gemeint war. Weitere Erklärungen nach dem Sieg gegen Hannover hat sich Götze verkniffen. Wortlos ging er in die Kabine. Er wirkte doch ein bisschen beleidigt.

Eine Chance, Stöger, Löw und Fußball-Deutschland wieder von sich zu überzeugen, hat Götze sowieso nur auf dem Platz. Am Sonntag hat er sie nur bedingt genutzt, seltsamerweise hat Stöger ihn hinterher extra gelobt: "Heute waren wir sehr zufrieden mit dem, was wir von Mario gesehen haben." Stöger fand allerdings auch, dass die Leistung seiner Dortmunder gegen sehr defensive Hannoveraner eine würdige Reaktion war auf die Enttäuschung in Salzburg zuvor, wo man durch ein Nullzunull im Achtelfinale aus der Europa League ausschied. Marco Reus, von Löw ebenfalls nicht für die beiden Länderspiele nominiert, fehlte am Sonntag verletzt, und André Schürrle, ebenfalls nicht nominiert, zeigte als einziger der WM-Kandidaten eine durchgängig engagierte Leistung.

In der Offensive hat Löw eine enorme Auswahl. Diese wird es ihm erschweren, dem WM-Siegtorschützen Götze allein aus emotionalen Gründen einen WM-Platz zuzugestehen. Bei Spielern wie Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger hatte Löw einst demonstriert, dass er Kaderplätze auch als eine Art Treuebonus vergibt. Götze dürfte schon deshalb nicht in diesen Genuss kommen, weil sein ärgster Konkurrent aus dem eigenen Verein kommt, Marco Reus heißt und in der Gegenwart der präsentere, engagiertere und effektivere Spieler ist. Und so deutet knapp 50 Tage, bevor Löw seinen WM-Kader bekannt gibt, wenig darauf hin, dass Götze bei der WM Fußball spielen wird.

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