Gianni Infantino Der neue Fifa-Präsident ist Blatter light

Wieder ein Schweizer: Gianni Infantino führt die Fifa.

(Foto: Getty Images)

Gianni Infantino verspricht einen Neuanfang, aber er hat viel gemeinsames Wurzelwerk mit seinem Vorgänger Sepp Blatter.

Kommentar von Thomas Kistner

Der Fußballbetrieb steckt in der schlimmsten Krise seiner Existenz. Jetzt hat das Gros seiner Sachwalter die Botschaft verstanden, die seit Monaten von Strafbehörden in aller Welt ausgesandt wird; sie trafen zwei markante Entscheidungen. Erst akzeptierten die Delegierten aus 207 Fußballnationen brav ein Reformpaket, das ihnen über Monate bei zig Treffen als alternativ-los eingetrichtert worden war. Dann widerstanden sie der Verlockung, Asiens Verbandschef Salman al-Khalifa in den Sattel zu lupfen, jenen Scheich, dessen politische Vita in der Golfmonarchie Bahrain die Fifa noch tiefer ins Krisengerede geführt hätte.

Auch die Administration ließ hinter den Kulissen die Drähte glühen, um das zu verhindern. Gerade sie hat, unter Anleitung ihrer Anwälte, ein vitales Interesse darin erkannt, die Justiz nicht mit weiteren Personal-Kapriolen an der Spitze zu verärgern. Am Ende stellten sich auch die Sponsoren deutlich gegen diese arabische Option. Nun heißt der neue Fifa-Präsident Gianni Infantino. Die gute Nachricht dazu lautet: Die Fifa kommt ein wenig zur Ruhe - was Turbulenzen auf der Chefetage angeht. Genauer besehen gibt der neue Chef nur leider wenig Anlass, von einem echten Neubeginn zu reden. Nicht nur seine Herkunft aus Sepp Blatters Nachbarort im Schweizer Oberwallis zeigt ein gemeinsames Wurzelwerk an.

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Im Europa-Verband Uefa lässt der neue Fifa-Präsident manche offene Frage zurück

Infantino, Generalsekretär der Europa-Union Uefa, darf als ein klassischer Vertreter des alten Systems gelten. Unter ihm und dem (wie Blatter gesperrten) Ex-Präsidenten Michel Platini hat sich die Uefa seit 2007 in eine Art Mikrokosmos der Fifa verwandelt. Der Throninhaber wurde allmächtig - wie der in der Fifa - , und das runderneuerte Management unter Infantino verfuhr mit markanten Affären so, wie es die Fifa schon immer tat.

Manche offene Frage lässt der neue Präsident im früheren Arbeitsbereich zurück. Von substantiellen Korruptionsvorwürfen, die sich um die EM-Vergabe 2012 an Ukraine/Polen ranken, bis zum Umgang mit Spielmanipulations-Affären von Piräus über Petersburg bis Istanbul. Auch am Freitag demonstrierten türkische Fußballfans vor dem Zürcher Hallenstadion.

Dass sich die Fifa mit Infantino eine Art Blatter light an die Spitze geholt hat, zeigen schon die ersten Aufgaben für den Neuen: Er muss nun all die vollmundigen Versprechen wieder einholen, die er im Zuge seiner globalen Wahlkampftouren im Learjet gemacht hat.

Zwei sind es vor allem, an denen er sich nun messen lassen muss: Die Aufstockung des WM-Turniers von 32 auf 40 Teilnehmer träfe insbesondere seine Kernklientel ins Mark, Europas Großverbände und die Klubvereinigung ECA, die sich drastisch gegen diese Aufblähung positioniert hat. Zudem muss Infantino vorrechnen, wie er die fünf Millionen Dollar pro Verband aufbringen will, die er für den nächsten Finanzzyklus versprochen hat.

Die Fifa taumelt in die Rezession, ein Abschmelzen der stolzen Milliardenreserve um ein Drittel steht zu befürchten. Das liegt an einer Imagekrise, die durch die Ernennung eines neuen Präsidenten nicht gemeistert ist. Die Strafbehörden in aller Welt stellen ihre Ermittlungen deshalb ja nicht ein. Und diese Ermittlungen stehen nicht nur ganz am Anfang, sie dürften in nächster Zeit auch den Fußball in Europa erreichen. Der Fußball habe eine traurige, schwere Zeit hinter sich, hat Infantino am Freitag gesagt. Nun habe er aber wieder den Respekt verdient, den ihm die Welt schulde. Da hat der Präsident der Entwicklung ziemlich weit vorausgegriffen. Respekt muss sich die Fifa erst wieder verdienen. Andererseits: Sepp Blatter hätte das kaum anders formuliert.

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