Historisches WM-Aus Stunde null in Italien

  • Italien verpasst gegen Schweden die Qualifikation zur Fußball-WM, zum ersten Mal seit 1958 wird das Land nicht um den Titel spielen.
  • Nur ein Jahr zuvor, bei der EM 2016 in Frankreich hatte die Squadra Azzurra noch verblüfft.
Von Thomas Hummel

Der letzte Eckball war in den schwedischen Strafraum geflogen, die Tränen von Gianluigi Buffon flossen, die Gazzetta dello Sport druckte ein großes Wort auf ihre dunkle Titelseite: Fine - Ende. Da erklärte Daniele De Rossi, warum er sich während dieses historischen Spiels mit einem Co-Trainer gestritten hatte. Der wollte ihn während der zweiten Halbzeit zum Aufwärmen schicken, damit De Rossi eventuell eingewechselt werden könne. Doch der lehnte ab, wollte sitzen bleiben. Er habe geglaubt, sagte De Rossi, dass die Offensivspieler Lorenzo Insigne oder Stephan El Shaarawy in diesem Moment geeigneter wären.

So weit war es also gekommen mit der Squadra Azzurra. Da taumelt eine der stolzesten Nationalmannschaften der Welt ihrer historischen Pleite entgegen und draußen streitet sich einer ums Aufwärmen. Es war das letzte, das öffentliche Zeichen, wie sehr diese Gruppe von Männern zerrissen und zersplittert war. Wie sehr sich das italienische Team seit der Europameisterschaft im vergangenen Jahr selbst von innen zerfressen hatte.

Es waren einmal coole Männer aus Granit

0:0 gegen Schweden. Nach dem 0:1 im Hinspiel der Relegation besiegelte im Mailänder Stadion San Siro der Schlusspfiff des Schiedsrichters das Aus Italiens für die Fußball-WM. Zum ersten Mal seit 1958 wird das Land nicht dabei sein, der viermalige Weltmeister verbringt den nächsten Fußballsommer am Strand.

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Die Episode um De Rossi ist Sinnbild des Untergangs. 34 Jahre alt, er war schon 2006 beim WM-Sieg von Berlin dabei, 120 Länderspiele, einer der sogenannten Senatoren der Mannschaft. Zusammen mit Buffon, 39, Giorgio Chiellini, 33, Andrea Barzagli, 36, und Leonardo Bonucci, 30. Die gesamte Defensive Italiens bestand seit Jahren aus den fünf Säulenheiligen, coole Männer aus Granit, mit denen man auch die Leibgarde des Papstes besetzen könnte. Sie wähnten sich immer noch stark und fast unbesiegbar. Und waren sie nicht eigentlich die wahren Europameister vor einem Jahr gewesen? Unglücklich gescheitert nach 18 Elfmetern gegen die Deutschen?

Vor einem Jahr in Frankreich hatte sich diese alternde Squadra unter Trainer Antonio Conte und dessen feurigem Gemüt zu einer verblüffenden Leistung aufgeschwungen. Doch als das Turnier im Viertelfinale zu Ende war, tat sich dahinter ein Loch auf. Ein großes Loch. Conte ging - kommen wollte niemand. Alle renommierten Trainer wussten, dass es den Italienern vorne an Talent mangelt und hinten die stolzen Senatoren das Regiment führen. Nur der 69-jährige Provinztrainer Gian Piero Ventura sagte zu. Und verlor den Kampf. Gegen Schweden - und gegen die eigene Mannschaft.

Die Aufstellung in Mailand las sich da wie ein letzter Akt der Auflehnung. Anstelle De Rossis spielte der Italo-Brasilianer Jorginho im zentralen Mittelfeld. 25 Jahre alt, aufstrebender Stratege bei Tabellenführer SSC Neapel. Aber bis dahin lediglich 24 Minuten im azurblauen Trikot. Dazu standen der 26-jährige Alessandro Florenzi und der 25-jährige Manolo Gabbiadini neu in der Startelf. Spieler mit passablem, aber nicht übermäßigem Können. Und dennoch ein Wagnis, das längst fällig war. Am Ende wusste man aber nicht einmal, ob die Senatoren selbst Aufstellung und Taktik verfügten oder doch der Trainer Ventura.