Fußball und Integration Genau so ist Deutschland

Vereint für Deutschland, aber nicht beim Singen: Jérôme Boateng, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger während der WM 2014 in Brasilien.

(Foto: Getty Images)

Das Erdoğan-Foto der Nationalspieler Özil und Gündoğan könnte der Anfang einer Diskussion sein: Integration kann nicht bedeuten, besinnungslos die Nationalhymne zu schmettern, nur weil ein DFB-Logo auf dem Trikot prangt.

Kommentar von Ralf Wiegand

Ob Mesut Özil und İlkay Gündoğan nach ihrem Auftritt an der Seite von Recep Tayyip Erdoğan noch für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielen können, diese Diskussion hat der einzige für solche Fragen zuständige Fachmann rasch beendet. Jogi Löw, der Trainer dieser Mannschaft, nimmt die beiden deutschen Staatsbürger mit ins Trainingslager nach Südtirol und damit höchstwahrscheinlich auch mit zur WM nach Russland. Alles andere wäre auch ziemlich blödsinnig gewesen.

Der deutsche Fußball, sofern er in der Form als Nationalmannschaft in Erscheinung tritt, ist immer zweierlei: Projektionsfläche für die Sehnsucht eines Landes, das gerne so wäre, wie die Mannschaft spielt. Und Spiegelbild des Landes, aus dessen Bürgern sich die Mannschaft zusammensetzt. Wunsch und Wirklichkeit - was nicht immer zusammenpasst.

1954 diente der Fußball noch als Eintrittskarte

Jahrzehntelang rollten die Kicker mit dem Bundesadler etwa als "German Panzer" durch die Stadien, briegelten die Außenlinie runter oder gaben in Gestalt der Förster-Brüder die Axt im Walde. Die Deutschen lernten: Wir werden respektiert, womöglich sogar gefürchtet - aber geliebt werden wir nicht. Als später auch noch die Siege ausblieben, verhöhnte das Land seine eigene Auswahl gar als Rumpelfüßer: So sind wir nicht!

1954 diente der Fußball, das Wunder von Bern, noch als Eintrittskarte der jungen Bundesrepublik in die Staatengemeinschaft. Die Spieler auf dem Platz, fleißige, zielstrebige Männer aus meist einfachen Verhältnissen, arbeiteten nun an einem neuen, fröhlichen Deutschland und nicht mehr an der Zerstörung der Welt. In Wahrheit spielten Fritz Walter, Horst Eckel und Helmut Rahn natürlich nur Fußball, aber die Bilder vom Triumphzug nach dem Titelgewinn, die erstmals wieder jubelnde Deutsche zeigten, erschreckten Europa nicht mehr zu Tode.

So ähnlich war es auch 2006, als zumindest die Fußballfans unter den 80 Millionen Deutschen der Welt ihr nun wieder groß und mächtig gewordenes Land mit seinen Symbolen zeigen konnten. Die Begleitdebatte, die der Fußball nicht absichtlich angestoßen hatte, hatte das dafür zulässige Maß an Patriotismus zum Thema. Es wurde in der Zahl schwarz-rot-goldener Außenspiegelüberzieher gemessen. Und heute kicken diese Deutschen sogar elegant wie Spanier - so wollen wir sein!

Die Nationalmannschaft wird, wo immer sie auftritt, als "Deutschland" vorgestellt. Sie wird weder als "Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes" tituliert, was sie ist, noch setzt sich das vom DFB gewählte Marketing-Label "Die Mannschaft" durch. Nein: Das da unten auf dem Rasen, das ist Deutschland - und oft genug finden sich in den Verästelungen des Teams aus gelegentlich weltfremden Jungmillionären auch heute noch Strukturen aus der echten Gesellschaft.