Fußball-Bundesligist Bayer Leverkusen Mehr als ein Produkt

Die Leverkusener Simon Rolfes, Stefan Kießling und Heung Min Son bejubeln den Sieg gegen den FC Nürnberg

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Hoffenheim, Wolfsburg und Leverkusen: Die Patronats- und Werksklubs haben es schwer mit der öffentlichen Anerkennung, ein großer Teil der Szene lehnt die fremdfinanzierten Konstrukte ab. Dabei geht es auch für diese Klubs um die Ehre.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Wie eine SZ-Blitzuntersuchung der führenden Spitzenligen ergeben hat, spielt die TSG Hoffenheim den wildesten und actionreichsten Fußball in Europa. Nach 14 Spieltagen bilanzieren die sogenannten Kraichgauer ein Torverhältnis von 32:34, so eine hohe Torgarantie gewährt kein anderes Erstligateam, nicht mal Real Madrid mit seinen 100-Millionen-Euro-Heroen (Torverhältnis 44:17 nach 15 Spielen).

Der Irrwitz scheint bei der TSG Methode zu haben; wüsste man's nicht besser, könnte man meinen, der enthemmte Stil des Teams sei eine Erfindung der Marketingabteilung, um dem von Traditionalisten ungeliebten Emporkömmling ein Markenzeichen zu geben.

Der Patronatsverein aus Sinsheim-Hoffenheim und die Werksklubs aus Leverkusen und Wolfsburg haben es weiter schwer mit der öffentlichen Anerkennung, ein großer Teil der Szene lehnt die fremdfinanzierten Konstrukte ab. Die Betroffenen reagieren mit Werbe- und Imagekampagnen, sie denken sich Mätzchen und Maskottchen aus und subventionieren die Begeisterung in ihren Stadien - und machen dadurch alles noch schlimmer, denn dafür werden sie umso mehr abgelehnt.

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Nun auch Bender, Reus, Blaszczykowski und Sahin: Vor dem DFB-Pokalspiel beim Drittligisten Saarbrücken kann sich BVB-Coach Jürgen Klopp keine weiteren Ausfälle leisten. Ungewohnt ist die Häufung von Muskelproblemen im Kader.

Zwar schimpfen die Konkurrenten ständig wegen des Wettbewerbsvorteils, den diese Vereine durch externe Geldgeber genießen. Aber sie sprechen nicht über das Glück, das ihnen ihre eigene Herkunft gibt, und über die Fanscharen, die ihnen dadurch zulaufen. Über das Leid der Verstoßenen sprechen sie schon gar nicht. Mitgefühl? In Leverkusen hatten sie gerade wieder das Gefühl, ihnen werde nach dem 0:5 gegen Manchester United eine Extraportion Häme zuteil. Da und dort kam der Keiner-mag-uns-Komplex zum Vorschein.

Gegen die Häme hat sich auch Rudi Völler verwahrt, doch das war nur eine Nebensache in der Grundsatzpredigt, die er gerade hielt. Es ging darin um die Ehre, die sich Bayer 04 in der Fußballwelt verdient hat, aber vor allem hat der Sportchef ein Plädoyer für den Wert der Wahrhaftigkeit gehalten, was ihn dazu führte, seinem Lehrmeister Reiner Calmund einen Ratschlag fürs Leben zu geben: Reiner Calmund solle aufhören, zum Gefallen der Medien Reiner Calmund darzustellen. Diese Botschaft richtete Völler aber auch an die Image-Reformer im eigenen Haus, die Fans als "Kunden" bezeichnen und Bayer 04 als "Produkt". "Wir müssen als Verein unsere eigene Nische finden", rief er aus, "dazu brauchen wir keine Marketing-Agentur oder andere Theoretiker."

Der Fußball regelt alles selbst, hat der Fußballer Völler gesagt. Es ist gut zu verstehen, dass TSG-Trainer Gisdol nach dem 4:4 gegen Bremen meckerte, der Krach-Bumm-Peng-Fußball seiner Elf gehe ihm "auf den Sack", und dass Angreifer Volland das Spiel als "Scheißspektakel" bezeichnete. Aber im Prinzip ist Hoffenheim auf dem richtigen Weg.