Niersbach folgt Zwanziger als DFB-Chef Mit donnerndem Applaus ins Amt

Wolfgang Niersbach wird zum neuen DFB-Präsidenten gewählt - und bemüht sich, die Visionen seines Vorgängers Theo Zwanziger in die Fußballrealität einzupassen. Dass mit seiner Wahl auch ein Paradigmenwechsel einhergeht, schlägt sich in den Abschieds- und Antrittsworten der Hauptakteure nieder.

Von Thomas Kistner, Frankfurt

Das Geschenk war überreicht, der Stehapplaus erbracht und der Einspieler aus dem Kanzleramt mit Angela Merkels Grußworten an den scheidenden Präsidenten verklungen, da steuerte Theo Zwanziger demonstrativ seinen neuen Platz an: mitten unter den Festgästen des Deutschen Fußball-Bundes. Der Präsidentenplatz auf dem Podium blieb fortan verwaist beim Sonderbundestag.

Am Ende passte auch das ganz gut, Wolfgang Niersbach brauchte nur auf den Stuhl nach links rüberzurutschen, nachdem er ins Präsidentenamt gewählt worden war. Aber was heißt gewählt, es geschah mit donnerndem Applaus.

Es war zwar nur Formsache, hatte aber einen Großauftritt der nationalen Fußball-Elite evoziert, es gab Reden und Schulterklopfen und ein paar Tränen. Bei Zwanziger, der zum Abschied das Bundesverdienstkreuz von Innenminister Hans-Peter Friedrich verliehen bekam, und bei Niersbach, der den Orden schon hat, aber beim Dank an seine Töchter für deren Anwesenheit mit der Rührung kämpfte.

Und ein bisschen gab es auch das, was sich nach dem fluchtartigen Rückzug des großen Präsidentendarstellers aus dem Spitzenamt das Gros der Delegierten im mit 6,7 Millionen Mitgliedern weltgrößten Sportverband versprochen hatten: einen frischen Wind, der durch den grauen Kongress-Saal des Frankfurter Flughafenhotels wehte.

Dass an der DFB-Spitze mit dem Personen- auch ein Paradigmenwechsel stattfindet, schlug sich schon in Abschieds- und Antrittsworten der Hauptakteure nieder. Hier Theo Zwanziger, der glänzende Theoretiker, der sich aber als allzu selbstbewusste Galionsfigur des Verbandes in eine Isolation manövriert hatte, die am Ende ausweglos erschien. Dort Wolfgang Niersbach, der sich als Mannschaftsspieler beschreibt, als einer, "der sich dem DFB mit Haut und Haaren verschrieben hat" - und dies sogleich nachwies, unter großzügiger Verwendung der gängigen Kicker-Metaphorik.

Die große Grundsatzrede war es noch nicht, die dem Quereinsteiger aus der Administration über die Lippen kam, das war auch nicht zu erwarten. Doch fing ihn, wann immer er im Statistischen zu versanden drohte, der Instinkt des Conférenciers und jene rheinische Leichtigkeit auf, die ihm in die Rolle des Sympathieträgers an der DFB-Spitze verhalf. Dass er dort jetzt der richtige Mann sei, wurde in Frankfurt vielleicht etwas öfter beteuert, als dem Vorgänger lieb sein konnte.

Zuvor hatte Zwanziger noch einmal die Stimme erhoben, phonetisch gar noch ein wenig lauter als sonst, als er im Hinblick auf jüngste diskriminierende Zwischenfälle in Kaiserslautern in den Saal schmetterte: "Wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Integration. Wir sind der Jugend verpflichtet, die soll so aufwachsen können wie ich es in den letzten 66 Jahren konnte!" Das kam an, wie ja manches gut ankam von dem, was Zwanziger zum gesellschaftspolitischen Themenkreis angerissen hatte in sieben Jahren Amtszeit.

Der Nachfolger bemühte sich, die wortstarke Forderung in die Realität des Fußballbetriebes einzupassen. "Wir müssen das Kerngeschäft im Griff haben", sagte Niersbach, nur dann könne man glaubwürdig für andere relevante Gesellschaftsthemen eintreten.

Er hob die "funktionierende Integration" in der Nationalmannschaft hervor - und warnte zugleich, auf die Pfälzer Fan-Tiraden bezogen: "Diese Aussage ist gefährlich, weil wir letzte Woche gesehen haben, wie schnell es kippen kann. Wehret den Anfängen."

Gleiches bezog er auf die zunehmende Gewalt in den Stadien. Ein Problem, das in Zwanzigers Amtszeit nicht eingedämmt werden konnte - Niersbach nahm nun Bundesinnenminister Friedrich gleich in die Pflicht: "Wir stellen hier auch Forderungen an Sie!" Niersbach, der langjährige Generalsekretär, weiß, dass im Fußballbereich selbst genug Herausforderungen warten. "Wir haben andere Gefahren: Spiel- und Wettmanipulation, den Anti-Doping-Kampf, die Korruption. Da können wir einiges verbessern."

Nicht offen diskutiert wurden in Frankfurt all die internen Brandherde, die es nach Zwanzigers Abgang zu löschen gilt. So harmonisch, wie die Stabsübergabe auf der Bühne vor 257 Delegierten ablief, war sie ja keineswegs. Sogar die Satzung wurde für diesen Akt eigens geändert, andernfalls hätte Zwanziger schon im Januar abtreten müssen.

Das Schiedsrichterwesen, das er im Zuge der Affäre Amerell/Kempter an sich gezogen hatte, verbleibt nun als einer der größten Krisenbereiche. Und was die Personalstruktur im Präsidium anbelangt, lieferte Rainer Koch das passende Schlussbild.

Der Fußballchef Süddeutschlands packte, als er seinen Platz auf dem Podium räumte, gleich sein Namensschild mit ein. Es wies ihn aus als "Vizepräsident für Integration, Breiten- und Freizeitsport" - dies, scherzte der Jurist Koch, sei nun "wohl die einzige Spur, die ich in diesem Bereich hinterlassen werde". Der Richter hatte erst vor Monaten, nach einer Fehde mit Zwanziger, das DFB-Rechtsressort abgegeben. Nun hat er es in Kürze wieder. Und die DFB-Kulturstiftung wird demnächst nach Theo Zwanziger benannt.

EM in Schwarz-Weiß

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