Bundesliga Der FC Bayern hat zu viel Vorsprung

Zehenspitzentanz: der FC Bayern München in Gladbach.

(Foto: dpa)

Nach der entschiedenen Meisterschaft fürchtet der FC Bayern den "Spannungsabfall". Das Lospech in den Pokal-Wettbewerben wird da zum Glück.

Kommentar von Martin Schneider

Für den Ausdruck "Feind" entschuldigte sich Uli Hoeneß direkt wieder. Für die jetzige Situation des FC Bayern ist aber interessant, was er außerdem noch sagte. Es war auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern, Hoeneß war gerade wieder zum Präsidenten gewählt worden, und er beschloss, direkt eine Ansage zu machen. "Leipzig hat 4:1 gewonnen, wir haben neben Dortmund einen zweiten Feind, den wir jetzt endlich wieder attackieren können", meinte Hoeneß. Und weiter: "Wenn man ehrlich ist, mussten wir die letzten Jahre die Motivation immer aus uns selbst holen. Es ist höchste Zeit, dass mal wieder ein paar kommen, damit wir sie wieder richtig bekämpfen können."

Jetzt gehört es zwar vor allem unter Business-Leuten zum den rhetorischen Tricks, aus jedem Problem eine Herausforderung zu machen und einen Nachteil zum Vorteil umzudichten. Aber in dem Fall konnte man das Hoeneß schon glauben. Leipzig, die Älteren werden sich erinnern, war im November tatsächlich drei Punkte VOR den Bayern in der Tabelle. Und Hoeneß hatte live miterlebt, wie der FC Bayern erst dann gut genug für einen Champions-League-Sieg geworden war, nachdem Jürgen Klopps Borussia Dortmund den Münchnern zwei Jahre lang die Nase langgezogen hatte.

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Deshalb hoffte Hoeneß bei Leipzig auf einen ähnlichen Mini-Effekt. Sich ein bisschen vom Aufsteiger anstacheln und ziehen lassen und anschließend mit Wut und Trotz durch alle Wettbewerbe stürmen. Hätte schon so kommen können. Aus dem Winter wurde nun der Frühling und aus den drei Punkten Rückstand der Bayern eine geschmeidige 13-Punkte-Führung.

Die Münchner haben also erneut das größte Luxus-Problem des Fußballs: zu viel Vorsprung. Dass die Meisterschaft entschieden ist, das leugnet nicht mal Thomas Müller ("Wir rechnen auch nicht mehr damit, dass wir uns das nehmen lassen."). Die Frage ist, wie sie nun damit umgehen. Im ersten Jahr unter Pep Guardiola verkündete der nach der (rechnerisch) sicheren Meisterschaft im März: "Die Bundesliga ist für uns vorbei, wir haben gewonnen." Er schonte dann die halbe Mannschaft, stellte Spieler wie Ylli Sallahi auf, verlor in Augsburg 0:1 und flog anschließend gegen Real Madrid hochkant aus der Champions League. Später bezeichnete er den Bundesliga-ist-vorbei-Satz als großen Fehler. Er wiederholte ihn nicht. 2015 hatte Bayern zu viele Verletzte, 2016 verweigerten ihnen das Schicksal und Antoine Griezmann das Finale.

Carlo Ancelotti wird (entweder durch geschicktere Trainingssteuerung oder schlicht durch Glück) in den entscheidenden Spielen voraussichtlich alle Spieler zur Verfügung haben. Zudem Spieler, die sich des Problems "Spannungsabfall" bewusst sind. "Wir sind gierig, dieses Gefühl, zu gewinnen, Woche für Woche erleben zu dürfen", sagte Müller zum drohenden Schlendrian. Und lobte den Kollegen Arjen Robben, der gegen Gladbach bei seiner Auswechslung tobend vom Platz stapfte, weil Robert Lewandowski ihm einen Pass verweigert hatte. Schlimmer wäre es doch, so Müller, wenn es ihm völlig egal wäre.

Carlo Ancelotti setzt auf diese innere Motivation seiner Mannschaft. Auf den Wunsch der alten Recken, auf der Zielgerade ihrer Karriere nochmal einen großen Titel zu gewinnen. Einen Konkurrenzkampf um die Startelf-Plätze schürt er nicht. Die einzigen Fragen sind: Spielt Thiago oder Müller auf der Zehn? (Mit klarer Tendenz zu Thiago.) Und wer aus dem Innenverteidiger-Trio Hummels-Boateng-Martínez muss bei Rückkehr von Boateng weichen? Dem Rest hat Ancelotti ziemlich klar gemacht, dass sie nicht zur Stammformation gehören.

So wird das vermeintliche Lospech zum Vorteil. Im DFB-Pokal und in der Champions League haben die Bayern mit Borussia Dortmund und Real Madrid die vielleicht härtesten Gegner bekommen. Im Hinblick auf diese Duelle werden sich die Bayern-Spieler kaum ein Nachlassen leisten können. Die restlichen Bundesliga-Runden dienen zum Einspielen und Warmhalten. Uli Hoeneß muss sich darauf verlassen, dass seine Spieler gegen Augsburg, Hoffenheim oder Leverkusen die Motivation wieder aus sich selbst herausholen.

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