USA, Land der Fettnäpfchen So geizig, diese Touristen

Wer würde bei 2,13 Dollar Stundenlohn nicht auf ein hohes Trinkgeld hoffen?

(Foto: AFP)

Ganz schön peinlich: Es muss nicht unbedingt am Akzent liegen, wenn die Kellnerin genau weiß, dass ihr Gast aus dem Ausland kommt.

Von Beate Wild, San Francisco

Als ich vor ein paar Monaten gerade in den USA angekommen war, fragte mich eine Kellnerin, ob ich aus Deutschland käme. Verwundert antwortete ich: "Ja! Woher wissen Sie das? Mein Akzent?" Nein, sagte sie verschmitzt: "Die Deutschen geben immer am wenigsten Trinkgeld."

Das Blut schoss mir ins Gesicht, ich stammelte "sorry", kramte in meinem Geldbeutel und warf eilig noch ein paar Dollarscheine auf den Tisch.

Die Sache mit dem Tip machen deutsche Touristen in den USA anfangs fast immer falsch. Bei einer Rechnung über 36,80 Dollar legt ein Deutscher gerne 40 Dollar auf den Tisch. Der Rest ist für die Bedienung, denkt er sich großzügig. Dabei hat er dem armen Personal weniger als zehn Prozent dagelassen. Das wäre zu Hause angemessen, in den Vereinigten Staaten ist es Geiz pur.

Fettnäpfchen in aller Welt

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Trinkgeld ist in den USA nicht wie in Deutschland eine nette Geste für guten Service, sondern fester Bestandteil des Gehalts in den Dienstleistungsbranchen. Der gesetzliche Mindestlohn für Kellner liegt in vielen Staaten der USA nur bei 2,13 Dollar pro Stunde. Also ist der Kunde nicht nur König, sondern Kontoretter: In den USA gibt er 15 bis 25 Prozent Trinkgeld. Wer weniger zahlt, offenbart sich als Geizhals - oder als unkundiger Tourist.

Dieser hat das hohe Trinkgeld nicht immer auf der Rechnung, jedenfalls nicht vorher: Da kann ein Friseurbesuch ganz schön ins Geld gehen. Einmal bin ich arglos in einem etwas gehobeneren Salon gelandet. Als ich an der Kasse stand, sagte die Friseurin: "Farbe und Schnitt, macht 200 Dollar." Ich schluckte schwer, dann zückte ich meine Kreditkarte. Wie viele Läden hatte auch dieser das Kartenbezahlsystem Square. Wunderbar praktisch, doch wenn es ums Unterschreiben auf dem modernen Screen geht, blinken dem Kunden drei Felder entgegen: 15 Prozent, 20 Prozent, 25 Prozent steht da. Das Trinkgeld.

Meine Friseurin blickte mich lächelnd an und nickte mir aufmunternd zu. Ich schluckte noch einmal und tippte dann auf 20 Prozent. Immerhin 40 Dollar.

Neben Kellnern und Friseuren bekommen Taxifahrer (15 bis 20 Prozent), Zimmermädchen (ein paar Dollar pro Nacht) und Parkwächter (zwei bis fünf Dollar) Trinkgeld. In Schnellrestaurants oder Imbissen, bei denen man an der Theke bestellt sowie bezahlt und einem später das Essen an den Tisch gebracht wird, steckt man in den Trinkgeldtopf an der Kasse mindestens zehn Prozent.

Natürlich erhält selbst ein Barkeeper in der finstersten Dive Bar (US-Pendant zur bayerischen Boazn) bei jedem Getränk einen Obolus. An der Bar wird jedoch nicht umständlich nach Prozenten herumgerechnet, sondern pro Drink draufgezahlt: Egal ob Wasser, Bier oder Gin Tonic, der Gast lässt einen Dollar am Tresen liegen.

Wo Trinkgeld eine Beleidigung ist

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Meine Freundin Kimberly steckt dem Barkeeper in ihrer Stammkneipe öfter auch mal zehn oder zwanzig Dollar zu. Man kenne sich schließlich seit Jahren und das Vertrauensverhältnis werde dadurch gestärkt. Im Grunde zahle sich diese Großzügigkeit stets aus, meint Trinkgeld-Profi Kimberly: "Dafür gibt er öfter mal einen Kurzen aus."

Die Einzigen im Dienstleistungssektor, die kein Trinkgeld bekommen, sind Einpackhilfen an der Supermarktkasse und der Tankwart. Klingt seltsam, ist aber so: Supermarkt- und Tankstellenbetreiber wollen diesen Service für ihre Kunden kostenlos anbieten. Schließlich reicht auch niemand dem Wurstverkäufer ein paar Scheine über die Theke.

Falls sich knauserige Sparfüchse nun freuen, dass sie bei Fahrten mit Uber kein Trinkgeld zahlen müssen, sei ihnen gesagt: Der private Dienst bucht den Fahrpreis zwar direkt von der Kreditkarte ab, sobald man aus dem Wagen steigt. Ein Hantieren mit Bargeld ist somit nicht mehr notwendig. Doch um die Fahrer ausreichend zu entlohnen, schlägt Uber stets 20 Prozent drauf.

In der Kolumne "USA, Land der Fettnäpfchen" schreibt unsere Autorin Beate Wild wöchentlich aus San Francisco über alltägliche Sitten und Unsitten in den Vereinigten Staaten.