Teneriffa Wie man einer Insel einen Sound gibt

Er wollte mal Musiker werden, dann wurde er Herr über ein ganzes Hotel - zumindest atmosphärisch: Miguel González.

(Foto: Adri Gonzalez Brito/privat)

Normalerweise soll Musik im Hotel nur eines: nicht stören. Doch im Hard-Rock-Hotel auf Teneriffa hat Miguel González eine Mission: Er soll die Gäste überall perfekt beschallen.

Von Hannes Vollmuth

Gleich am Anfang kamen seine Eltern. Sie fragten, was er in diesem neuen Hotel so macht. Miguel González sagte, dass er der "Vibe-Manager" sei, aber das verstanden seine Eltern nicht, weshalb er ihnen sagte, dass er für die Musik und die Atmosphäre im Hotel zuständig ist. Was er nicht sagte: Dass die ganze Insel einen neuen Soundtrack bekommen soll.

Die Insel heißt Teneriffa und ist bei manchen als Rentnerinsel verschrien. Das ist zwar ungerecht, aber im Hotelburgen-Süden nicht ganz falsch. Wie Teneriffa bisher geklungen hat? Nach Jahren billigen Pops aus noch billigeren Discotheken. Nach Charts. Nach dem Gemurmel der Leute, die um 11 Uhr schon Mittagessen machen. Aber dieses Hotel will anders sein, sich anders anhören: das Hard Rock Hotel Teneriffa an der Südwestküste der Insel, Adeje ist nicht weit. Und weil das Hotel anders sein will, haben sie zur Eröffnung vor eineinhalb Jahren einen Vibe-Manager angestellt: Miguel González.

Normalerweise hat Hotelmusik die Aufgabe, nicht zu stören. Hier soll sie Erinnerungen schaffen

"Vibe bedeutet nicht nur Party-Stimmung", sagt er jetzt in der Lobby des Hotels, ein großer, bäriger, lustiger Mann, schwarzes T-Shirt, Chucks, 34 Jahre alt. Er hat die hibbelige Art eines Menschen, der in Deadlines denken muss, weil er neben dem Vibe auch alle Musikevents im Hotel organisiert. Eine kindliche Freude an Songzeilen jeder Art hat sich trotzdem noch erhalten. Gerade singt er auf dem Weg in Richtung Aufzug "Tears in Heaven" von Eric Clapton mit und sagt dann: "Vibe bedeutet, einen Moment zu schaffen, eine spezielle Stimmung." Aber auch er hat keine vollständige Kontrolle über den Vibe. Miguel González weiß das. Man kann ihn nur schwer beschreiben, das ist das Komplizierteste am Vibe. Man muss ihn fühlen. Sich von ihm treiben lassen, umfangen. Am besten, man gibt sich ihm einfach hin. Dem R&B am Pool, dem Hip-Hop in der Rooftop Bar, dem leichten Hardrock, den sie mit Live-Begleitung jeden Nachmittag im Beachclub spielen, ein E-Gitarrist, der sich auf einem Podest mitten im Pool ins Zeug legt, jeden Tag.

González nutzt für seine Arbeit ein Computersystem, es versorgt alle Räume und Terrassen und Pools und Restaurants mit Musik. Natürlich spricht er auch mit den Gästen über deren Wünsche.

(Foto: Roberto Lara)

Normalerweise hat Hotelmusik nur die Aufgabe, nicht zu stören. Ihre Sphäre ist der Hintergrund. Im Hard Rock Hotel Teneriffa sagt Miguel González: "Musik ist unsere Philosophie." Er spricht zum Beispiel ständig mit den Gästen über deren Wünsche. Er geht zu den Pools, in die Restaurants, durch die Gänge und auf die Rooftop Bar. Der Vibe ist ja lebendig. Man kann das bis zu einem gewissen Grad lenken, erzwingen aber kann man nichts. Wäre der Vibe ein Lebewesen, dann ein kompliziertes, vor allem ein ziemlich flüchtiges.

Das Hard Rock Hotel Teneriffa ist nicht der erste Ort, der sich über einen eigenen Sound definiert. Die ganze Pop- und Rock-Geschichte ist voll von solchen Orten: San Francisco im Summer of Love, London und die Swinging Sixties, Seattle und der Grunge, Disco und New York. Was Teneriffa betrifft, soll der neue Sound vom Hard Rock Hotel gesetzt werden. Das ist der Plan, so wünscht es sich der Vibe-Manager. Ob das gelingt?

Das Hotel auf Teneriffa ist nach Ibiza das zweite Hard Rock Hotel in Europa, weshalb auch Miguel González der zweite Vibe-Manager ist, der in einem europäischen Hotel die musikalische Atmosphäre betreut. Es gibt 624 Zimmer. Es gibt sechs Bars und vier Restaurants. Es gibt einen Oasis- und einen Nirvana-Turm im Hotel. Man kann sich Gitarren und Plattenspieler aufs Zimmer bringen lassen, überall in den Gängen hängen Rock-Memorabilia, und mehr als 300 Live-Acts im Jahr gibt es auch. Ibiza ist die Insel für elektronische Musik, für den Party-Jetset der Welt, wild und laut. Teneriffa ist anders, entspannter. Miguel González sagt: "Wir brauchen unseren eigenen Sound."

Überall in den Gängen des Hotels hängen Rock-Memorabilia wie diese Schlagzeug-Bestandteile, man kann sich Gitarren und Plattenspieler aufs Zimmer bringen lassen.

(Foto: Roberto Lara)

Auch wenn der Name etwas anderes behauptet, spielt der Vibe-Manager mehr als nur Hardrock. Das sagt er jetzt in der Bar auf der Dachterrasse, von der aus man, wenn man Glück hat, bis nach La Gomera schauen kann. Hardrock den ganzen Tag ist schon deshalb schwierig, weil viele Familien mit Kindern kommen. Also spielt er alles Mögliche, nur fad sollte es nicht sein. Man kann hier die Red Hot Chili Peppers hören. Oder Green Day. Oder die Gorillaz, eine nach Dub, Electro und Hip-Hop klingende Band. Miguel González richtete sich aber vor allem nach den Gästen. Latin Music, Salsa und Reggaeton für die Spanier. Deutsche und Briten fragen oft nach Rock und Punk. Und der russische Geschmack ist noch mal ein ganz eigenes Thema.

Miguel González nutzt für seine Arbeit ein Computersystem, es versorgt alle Räume und Terrassen und Pools und Restaurants mit Musik. Es gibt sogar Musik unter Wasser. Aber nichts ist perfekt. Sie hatten mal Weihnachtsmusik in der Lobby, im August. Jemand aus der Lobby rief ihn an und sagte es ihm. Das Handy des Vibe-Managers brummt und klingelt und summt übrigens ständig. Es sind seine Kollegen, die ihn überall über alles unterrichten, wo die Stimmung gerade kippt, was nicht funktioniert, wo Miguel González eingreifen muss. Drei Akku-Ladungen verbraucht der Vibe-Manager normalerweise pro Tag.

Früher klang die Insel melancholisch, dann billig. Jetzt kommt ein neuer Sound

Das Paradies ist Teneriffa vielleicht nicht ganz, wie Phil Collins manchmal aus den Lautsprechern singt: "Oh think twice, it's another day for you and me in paradise." Aber sie arbeiten daran. Vor allem sitzen die Menschen jetzt wieder vor dem Laptop und buchen Urlaub, meistens nicht Nordafrika, das als unsicher empfunden wird, sondern eher auf Teneriffa, wo man wahrscheinlich bald die Sechs-Millionen-Besucher-Marke knackt.

Für den Vibe-Manager Miguel González ist das eine Chance. Im Speziellen für sein Hotel und im Allgemeinen für den neuen Insel-Sound. Ganz früher klang die Insel melancholisch und traurig, das war die alte Musik. Dann kam vor 30 Jahren der Massentourismus in den Süden, und mit ihm etwas, das ein bisschen billig klang. Weil sich Teneriffa jetzt neu definieren will, gibt es nicht nur Pop-up-Restaurants, Öko- und Sternetourismus, Street Art und jede Menge Nachhaltigkeit. Es gibt auch Miguel González, den Vibe-Manager.

Die Erinnerung arbeitet mit Musik. So ist es auch bei Miguel González, der die Jahre seiner Jugend am liebsten anhand von Songs erzählt. Er ist auf Teneriffa geboren, hat immer auf Teneriffa gelebt. Sein Vater hatte alte Kassetten im Auto, Mix-Tapes, aber man sagte damals noch nicht Mix-Tapes. Auf einer der Kassetten waren Lieder von Joaquín Sabina, die hörte er als Kind. Gern wäre er Gitarrist geworden, aber weil er nicht übte und es dazu nicht reichte, studierte der erwachsene González Eventmanagement.

Was wissen Sie wirklich über Teneriffa?

Den vollen Namen der Hauptstadt könnte man poetischer kaum erfinden - wie lautet er? Und haben Kanarienvögel überhaupt etwas mit den Kanaren zu tun? Testen Sie sich auf die Schnelle in sieben Fragen. mehr ... Quiz

Was geblieben ist, ist die Liebe zur Musik. Und der Vibe-Manager möchte, dass es auch seinen Hotelgästen so geht. Dass sich musikalische Momente in Erinnerungen verwandeln. Und ganz uneigennützig ist das natürlich nicht: Wer sich erinnert, kommt wieder. Und die stärksten Erinnerungen, die wir Menschen haben, funktionieren nun mal über Musik.

Er denkt jetzt auch häufig über Stille nach. Stille schafft eine Erwartungshaltung bei den Leuten. Stille ist gut, wenn man den Vibe ändern wird, wenn etwas Neues beginnt. Ganz am Anfang haben sie im Hotel viel zu laut aufgedreht. Es gab Beschwerden. Im Hotel und im Internet. Wenn Miguel González spätabends nach Hause fährt, hört er überhaupt keine Musik mehr. Und manchmal fährt er noch für ein paar Minuten zu seinem Lieblingsplatz, auf den Hügel bei Los Arios, wo alles ruhig ist, da sind nur Miguel González und seine Gedanken, Wind und in der Ferne das Meer, in seiner ganzen Rätselhaftigkeit. Einfach nur Stille. Auch die gehört zum Vibe.

Deluxe Zimmer für zwei Personen mit Frühstück ab 283 Euro pro Nacht. Anfahrt vom Flughafen Teneriffa Süd 25 Kilometer. "Children of the 80's"-Party jeden Monat. www.hardrockhoteltenerife.com.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Krach auf den Kanaren

Die Kanarischen Inseln sind als Urlaubsziel beliebt wie nie. Doch wie viel Tourismus verkraften sie? Von Velten Arnold mehr...