Nationalpark Huascarán in Peru Berge, in denen man noch Pionier sein kann

Grandiose Bergwelt der Cordillera Blanca: Im Nationalpark Huascarán stoßen Bergsportler auf Riesenbromelien.

(Foto: imago/imagebroker)

Der Nationalpark Huascarán mit seinen fast 7000 Meter hohen Gipfeln ist eines der schönsten Wandergebiete in Peru. Und so herausfordernd, dass viele Wege noch nie gegangen wurden.

Von Robin Hartmann

Wer nicht genau weiß, wo er nach Yungay Viejo suchen muss, der wird vermutlich einfach daran vorbeifahren. Es gibt fast nichts, das an der Landstraße 3N, etwa zwei Fahrstunden nördlich von Huaraz, mitten in den peruanischen Anden, darauf hindeutet, dass sich hier einmal eine Stadt mit mehr als 20 000 Einwohnern befunden hat. Auffällig ist nur die riesige Jesus-Statue, die auf einem Hügel über der Landschaft thront.

Die Figur ist dem Huascarán zugewandt, dem mit 6768 Metern höchsten Berg Perus; ist man in der Region Ancash unterwegs, sieht man ihn immer. Eine schmale Abfahrt führt bei der Statue von der Hauptstraße auf einen staubigen Parkplatz. Von dort sind es ein paar Schritte bis zu einem kleinen verwaisten Kassenhäuschen und dem Schild: "Yungay Viejo - Ciudad sepultada". Die beerdigte Stadt.

Yungay wurde am 31. Mai 1970 verschüttet. Ein Erdbeben der Stärke 7,8 erschütterte damals die Region. Dadurch löste sich ein riesiger Eisblock vom nördlichen, vergletscherten Gipfel des Huascarán; 50 Millionen Kubikmeter Eis, Schnee und Geröll walzten sich mit einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde ins Tal und begruben die Stadt Yungay innerhalb weniger Minuten. Touristen, die heute den Campo Santo, den "geheiligten Boden" besuchen, stehen und gehen auf den Überresten dieser Stadt, die immer noch unter einer fünf Meter hohen Erdschicht liegt.

Dabei war Yungay einst ein aufstrebender Ort in einer Region, in der sich gerade ein zarter Tourismus entwickelte. Es gibt hier einige der spektakulärsten Berge Südamerikas, die zu erwandern sich lohnt. Doch wer heute in der Ebene über das alte Yungay geht, spürt angesichts der zahlreichen windschiefen Grabsteine erst einmal nur Beklemmung. Einige Überlebende kehrten damals zurück und errichteten die Mahnmale mithilfe alter Stadtpläne an genau den Stellen, wo vorher ihre Häuser gestanden hatten.

Auf einer Gedenktafel berichtet ein anonymer Zeuge von dem Moment, als die Katastrophe über Yungay hereinbrach: "Auf einmal hörten wir einen schrecklichen Lärm. Wir wussten nicht, was vor sich ging oder was wir tun sollten, doch plötzlich dachten wir an den Huascarán. Dann sahen wir nur noch eine schwarze Schlammlawine." Tagelang war die Region anschließend von einer gewaltigen Dunst- und Staubglocke bedeckt, schätzungsweise 20 000 Menschen starben, die meisten konnten nie geborgen werden.

Einer der Pfade führt zur Laguna 69, einem Bergsee auf 4600 Metern

Guide Jaime, der über das Gelände führt, erzählt: "Besonders schlimm waren die Plünderungen nach dem Unglück. Nicht wenige der Häuser, die heute in Yungay Nuevo stehen, wurden mit Geld aufgebaut, das man den Toten gestohlen hatte." Und doch ereignete sich während dieser Tragödie etwas, das viele Peruaner auch heute noch als Wunder ansehen: Eine Gruppe Kinder überlebte, weil sie sich zum Zeitpunkt der Katastrophe auf einem Hügel über der Stadt eine Zirkusvorstellung ansahen. Sie wurden bekannt als die "Waisen von Yungay". Fast alle hatten bei dem Unglück ihre Familie verloren. Viele wurden adoptiert, die neuen Eltern kamen aus vielen Ländern - so leben sie heute verstreut über die Welt. Zum Jahrestag, immer am 31. Mai, kehren einige von ihnen in die alte Heimat zurück, um der Toten zu gedenken.

Viele seien es mittlerweile aber nicht mehr, sagt César Crúz Chauca. Der kleine Mann geht fast unter inmitten seines überladenen Standes, in dem er Yungay-Souvenirs anbietet. So bessert er sich das Gehalt als Kunstlehrer etwas auf. Alte SchwarzWeiß-Fotos der Stadt bietet Chauca an, DVDs, kleine Jesus-Statuen. Er spricht leise, langsam, legt jedes seiner Worte zurecht. Chauca ist einer, der überlebte, von seiner Familie blieb ihm nur der kleine Bruder. Die Eltern und zwei weitere Geschwister starben.

"Wir harrten damals etwa eine Woche lang auf dem Hügel aus, bis Hilfe kam", erinnert er sich. "Sie haben uns dann nach Lima gebracht, wir waren insgesamt 80 Kinder in einem Schutzhaus." César Crúz Chauca blieb zwei Jahre in Lima, kehrte mit 25 nach Yungay zurück. Heute scheint er mit seinem Schicksal nicht mehr zu hadern. Er hat eine eigene Familie, sein Enkel Dylan ist gerade drei Jahre alt geworden. Warum er Lima den Rücken gekehrt hat? "Wen etwas mit Yungay verbindet, den zieht es auch zurück."

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Yungay Nuevo, das neue Yungay, hat heute ebenfalls wieder rund 20 000 Einwohner. Es liegt nur wenige Kilometer vom Unglücksort entfernt. Von hier aus winden sich enge Straßen über Haarnadelkurven auf mehr als 3000 Meter Höhe; in der Region kann man zahlreiche Wanderungen unternehmen. Yungay befindet sich inmitten des Nationalparks Huascarán, der 340 000 Hektar groß ist und seit 1985 zum Unesco-Weltnaturerbe gehört. Benannt ist er nach seinem höchsten Berg. Es gibt hier Hunderte Gletscher und Lagunen, 25 Wanderrouten und mehr als 100 Kletterrouten.

"Ein Traumberg, wie ihn nur Kinder zu zeichnen wagen"

Die Geschichte des Bergsteigens in der Provinz Ancash und im Nationalpark Huascarán geht zurück bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts. 1908 bezwang eine Schweizer Expedition zum ersten Mal den Nordgipfel des Huascarán, 1932 schaffte es eine deutsche Gruppe auf den fast 200 Meter höheren Südgipfel. Der Alpamayo, der wegen seiner außergewöhnlichen Form vom dem deutschen Magazin Alpinismus, heute Alpin, in den Sechzigerjahren zum "schönsten Berg der Welt" gekürt wurde, konnte sogar erst 1957 das erste Mal bezwungen werden - wiederum von einer deutschen Expedition um Günter Hauser, der nach seinem Erfolg einmal sagte: "Ein Traumberg erhebt sich über den Tälern der nördlichen Cordillera Blanca, wie ihn nur Kinder zu zeichnen wagen, die noch nie einen Berg gesehen haben."

"Trotzdem ist die Gegend touristisch noch sehr wenig erschlossen", sagt der Wanderführer Jaime, "denn viele unserer Gipfel können ausschließlich erfahrene Bergsteiger bezwingen. Wir entdecken auf unseren eigenen Wanderungen auch immer wieder neue Wege und Lagunen, die noch nicht einmal kartografiert sind. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass man dann eine bestimmte Route zum allerersten Mal überhaupt begeht - dann kann man sie theoretisch sogar nach sich benennen lassen."

Ein solch neuer Weg ist etwa der Aufstieg zur Laguna 69, einem wunderschönen Bergsee auf 4600 Meter Höhe. Erst seit vier Jahren gibt es hier überhaupt eine Wanderroute. Der Weg führt über zwei Täler und zwei teilweise sehr anspruchsvolle Anstiege hinauf zu der Lagune; immer in Sichtweite sind schneebedeckte Berge und Gletscher wie der 6112 Meter hohe Chacraraju. Irgendwann schmerzt der Nacken, weil man so lange staunend nach oben geblickt hat. Bereits am Einstieg zu der Wanderung liegen die Lagunen Chinancocha und Orconcocha, die den Quechua-Indios als heilig gelten. Hier oben wächst nicht mehr viel. Umso geisterhafter wirken die mit Flechten bewachsenen, vom Wind verdrehten Äste der Quenoal-Bäume - einer Art, die nur in der Cordillera Blanca vorkommt.

Huaraz, die Provinzhauptstadt von Ancash, liegt auf über 3000 Meter Höhe und ist ein lohnender Startpunkt für solche Ausflüge. Hier gibt es zahllose Hotels und Hostels, die meisten Anbieter für Wander- und Klettertouren im Nationalpark Huascarán sind hier oder in Yungay ansässig. In der Altstadt von Huaraz gibt es viele Indiomärkte. Skurril ist die alte Kirche, von der nur noch die Fassade steht. Niemand wagte, sie wieder aufzubauen, weil ein alter Aberglaube besagt, dass ein neues Erdbeben kommt, sobald man sie restauriert.

Reiseinformationen

Anreise: Flug nach Lima zum Beispiel ab Frankfurt mit Lufthansa ab 550 Euro, www.lh.de, Weiterflug z. B. mit LC Peru nach Huaraz (ATA) ab 89 Euro einfache Strecke.

Übernachtung: Andino Club Hotel, ÜF im DZ 109 Euro, www.hotelandino.com; San Sebastian Hotel Boutique, ÜF im DZ ab 55 Euro, www.sansebastianhuaraz.com; Hostal Universal Huaraz, ÜF im DZ ab 22 Euro, www.hostaluniversalhuaraz.com

Im Nationalpark: Vor Bergbesteigungen sind mehrere Tage Akklimatisierung nötig. Der Anbieter Cordillera Blanca bietet ein- und mehrtägige Touren ab Huaraz, www.cordillerablanca.pe, der DAV hat das Gebiet im Angebot (www.dav-summit-club.de), ebenso Hauser Exkursionen (www.hauser-exkursionen.de).

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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