Nationalpark in Kenia Umzingelt

Akazien, überragt von Giraffe, überragt von Hochhäusern - im Nairobi-Nationalpark.

(Foto: imago)

Der Nairobi-Nationalpark ist bedroht von der rasant wachsenden Metropole Kenias - und zeigt doch, wie Mensch und Tier zusammenleben können.

Von Monika Maier-Albang

Natürlich stehen jetzt die Hunde da, alle fünf karamellbraun, alle den Kopf schief gelegt in der Erwartung, dass gleich ein paar Brocken Fladenbrot heranfliegen. "Deswegen isst man auch nicht draußen", brummelt Nickson Parmisa. Und füttert sie. In seinem Haus sitzen, geht halt gerade nicht. Da haben die Frauen ihre allmonatliche Zusammenkunft, bei der beraten wird, welche Familie am dringendsten Hilfe braucht. Die Frauen legen dann zusammen. Parmisas kleine Tochter kommt aus dem Haus, hält ihren Kopf hin, auf den der Vater und dann der Gast zur Begrüßung die Hand legen. Eine seiner Nichten trägt Kohl vom Feld heim. So ist es, das Leben, das sie führen unweit der Großstadt. Das Leben, das Nickson Parmisa erhalten will für seine Familie und für die zehntausend Massai, denen der "Chief" sich verantwortlich fühlt. Deshalb hat er Klage eingereicht gegen die kenianische Regierung, die eine Bahntrasse durch den Nairobi-Nationalpark bauen lassen will, dieses Gegenstück zur tosenden Stadt.

Der Park ist nicht nur der älteste Kenias - gegründet 1946 von den britischen Kolonialherren -, er ist zudem einer der wenigen Nationalparks weltweit, der direkt an eine Großstadt grenzt. Vom Haupttor, das im Norden des Parks liegt, sind es gut zehn Kilometer bis zum Zentrum Nairobis. Von Parmisas Haus aus, das südlich des Parks liegt, sieht man die oft im Dunst stehenden Hochhäuser nicht mehr; er blickt auf Weiden - und auf das Grasland im Park. Zu trocken ist es derzeit. Seine Kühe hat Parmisa deshalb fortgeschickt, zu Verwandten. Die Esel und die schwarzköpfigen Schafe aber grasen noch auf seinem Land zwischen Zebras und Antilopen. Den Fluss, der tief in die Savanne schneidet und den Park vom Farmland trennt, dürfen die Tiere der Massai nicht überqueren; die Wildtiere dürfen das schon. Weshalb viele von Parmisas Nachbarn ihr Land umzäunt haben - Gras ist kostbar. Nickson Parmisa aber hat einen Traum für dieses Land: Alle bauen wie er die Zäune ab, damit Gnus und Zebras ungehindert wandern können, im Gegenzug wird das Massai-Land zum Schutzgebiet erklärt. Die Gemeinschaft errichtet eine Lodge an diesem schönen Hang mit Blick auf den Fluss. Touristen kommen und bringen so viel Geld, dass die Hirten es sich leisten können, weniger Tiere zu halten. Dann reicht das Gras für alle.

Nickson Parmisa an dem Ort, wo er eine Lodge errichten will.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Nur passt die Eisenbahn so gar nicht in diesen Traum.

Sie wird den Park durchschneiden, auf Stelzen zwar, damit die Wildtiere keine Gleise queren müssen. Aber eine optische Entwertung ist sie allemal. Kritiker wie Parmisa fürchten darüber hinaus, dass die Trasse Siedler anzieht. Schon jetzt machen Bauspekulanten seinen Leuten Angebote für ihr Land, und er kann die Massai nur inständig bitten, nicht zu verkaufen. Es argumentiert sich aber denkbar schwer einem Nachbarn gegenüber, der seine Kinder sechs Kilometer zu Fuß in die Schule schicken muss, weil er sich die Reparatur der Fahrradreifen nicht leisten kann.

So ist das hier mit der Natur und den Menschen: ein ständiges Ringen um Ressourcen, ein Überlebenskampf - mit ungleich verteilten Waffen.

An die vier Millionen Menschen leben in Nairobi, und der Sog in die Stadt ist ungebrochen. UN-Habitat, das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, geht davon aus, dass die Einwohnerzahl bis 2025 auf sechs Millionen steigen wird - Nairobi zählt mit Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, zu den am schnellsten wachsenden Städten Afrikas. Schon jetzt gibt es zahlreiche Slums, aber auch Gated Communities, die umzäunten, bewachten Siedlungen der Wohlhabenden. Der Großteil der Menschen müht sich tagein, tagaus, morgens, mittags, abends durch überfüllte Straßen. In einem windschiefen Matatu-Bus. Oder auf einem Boda Boda, dem Motorradtaxi. Öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht. Dafür können sich, da die Mittelklasse wächst, immer mehr Städter ein Auto leisten. Was die Straßen noch voller macht. Und die letzten unbebauten Flächen noch wertvoller. Nairobi umschlingt mittlerweile den Park an drei Seiten (und auch nur dort ist er umzäunt): mit neuen Siedlungen, einer Umgehungsstraße, für deren Bau ein Stück vom Park abgezwackt wurde. Und einer von chinesischen Investoren errichteten Bahntrasse, die ebenfalls an der Parkgrenze verläuft.

Ist man erst mal im Park, bekommt man von der Großstadt allerdings erstaunlich wenig mit. Morgens brummen zwar Flieger vom nahegelegenen Wilson-Airport aus über das Gelände, die Safari-Touristen in den Amboseli-Nationalpark oder die Masai Mara bringen - aber da ist der Nairobi-Gast schon auf seinem "Morning Game Drive" im nach oben offenen Monster-Truck unterwegs und viel zu fasziniert von dieser Fülle an Tieren, um sich vom Lärm aus der Luft irritieren zu lassen. Der Park ist artenreich, nur Elefanten gibt es nicht; was bei der Nähe zur Stadt auch ganz gut sein dürfte. Dafür kann man sicher sein, Nashörnern zu begegnen. An die 100 haben sie im Park, darunter auch die extrem gefährdeten und scheuen Spitzmaulnashörner. Mit 117 Quadratkilometern ist der Park so überschaubar, dass er sich leichter überwachen lässt als zum Beispiel der Kruger-Park in Südafrika. Die Ranger sind sehr präsent im Nairobi-Nationalpark; sie sind stets zu zweit und zu Fuß unterwegs und kennen jeden Löwen beim Namen.

Impressionen in Bildern:

Im Nationalpark von Nairobi

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Die Nähe zur Stadt habe denn auch zwei Seiten, sagt Nelly Palmeris, die Chef-Aufseherin des Parks. Zum einen schenkt sie ihm eine so malerische wie unwirkliche Kulisse. "Er ist einzigartig, ein Juwel. Und das Schaufenster dessen, was Kenia zu bieten hat." Dass Schüler aus den Slums hier quasi vor der Haustür die Möglichkeit haben, wilde Tiere zu sehen, zu verstehen, warum die Natur ihrer Heimat schützenswert ist, hebt Palmeris ebenfalls hervor. Im Park gibt es eine Elefantenstation, die verwaiste Jungtiere aufzieht - wenn sie ihre Milchflasche bekommen, stehen neben zahlenden Touristen immer auch schüchtern staunende Schulkinder aus der Stadt am Absperrband. Der Park mit seinen Picknick-Stationen ist zudem ein Naherholungsraum. Von den 170 000 Besuchern im vergangenen Jahr waren 60 Prozent Einheimische. Auf der anderen Seite sei der Bevölkerungsdruck natürlich eine Belastung, sagt Nelly Palmeris. Der Staub der nahen Zementwerke legt sich auf Gras und Bäume, bislang verfing sich auch viel Plastikmüll, der aus der Stadt heranwehte, in ihren Ästen.

Damit zumindest ist nun Schluss. Ende August hat Kenia Plastiktüten komplett aus dem Alltag verbannt. "Das Geld, das ich für das Aufsammeln der Tüten ausgeben musste, kann ich wirklich besser verwenden", sagt Nelly Palmeris. Dass sie über die Bahnstrecke nicht glücklich ist, merkt man ihr an. Aber gegen den Staat klagen, wie die Massai-Gemeinschaft das tut, die eine alternative Streckenführung vorgeschlagen hat, das kann eine staatliche Behörde wie der Kenya Wildlife Service, dem der Park untersteht, ja nun mal nicht. Ein "notwendiges Übel" nennt Nelly Palmeris die Trasse. Und kommen wird sie wohl, egal, ob bei der Wiederholung der Präsidentschafts-Wahl am 17. Oktober Uhuru Kenyatta oder Raila Odinga gewinnt.

Nairobi hat noch eine zweite erstaunliche Grünfläche: Der Karuna Forest mit einer Fläche um die tausend Hektar liegt inmitten der Stadt. Touristen sieht man dort kaum - es leben zwar viele Vogelarten im Wald, aber keine großen Wildtiere. Dafür nutzen ihn die Einheimischen. Sie joggen, machen Picknick, sitzen am Wasserfall. Seit Kurzem kann man Räder leihen. Zu einem Drittel ist der Wald ein ursprünglicher, mit riesigen Newtonia- und alten Brachylaena-Bäumen. Der Rest sind Plantagen, angelegt zunächst von den Briten, um rasch nachwachsendes Holz für die Eisenbahn zu bekommen. Vor allem dem wasserzehrenden Eukalyptus hat die Parkverwaltung den Kampf angesagt; aufgeforstet wird mit einheimischen Bäumen.

Dass man mit den angrenzenden Armen-Siedlungen relativ im Einvernehmen lebt, ist nicht selbstverständlich. Lange holten sich die Menschen hier illegal Brennholz. "Da war ich ihr natürlicher Feind, ich musste sie ja verhaften lassen", sagt der Leiter der Parkverwaltung, John Orwa. Er hat Wege zur Koexistenz gefunden: Anwohner halten jetzt Bienen im Park und leben vom Verkauf des Honigs. Und Orwa lässt die Menschen legal Holz sammeln. "Sie müssen ja auch essen." Gemeinde-Vorsteher führen Listen, welche Familie wie viel Holz benötigt. Gesammelt wird unter Aufsicht der Ranger, jeder darf mitnehmen, was er tragen kann. Macheten allerdings sind im Wald verboten, ebenso Alkohol, Plastikflaschen und "unzüchtiges Verhalten".

Zurück im Land der Massai will Nickson Parmisa noch seine "Lion Lights" zeigen - solarbetriebene Lampen, die flackern und so Löwen abschrecken, die sich nachts zu ihm verirren. Aber da klingelt schon wieder sein Handy. Eine Nachbarin ruft an, aufgelöst, weil all ihre Hunde auf einmal gestorben sind, vergiftet vermutlich. "Mit wem hattest du Streit?", fragt Parmisa. Ihr fällt niemand ein. Aber vor Kurzem war jemanden da, der Land kaufen wollte. Sie hat abgelehnt. Was wird der Chief tun? Was ein Boss tun sollte: "Der Sache nachgehen."

Reiseinformationen

Anreise: Lufthansa fliegt von Frankfurt aus nach Nairobi und zurück ab 622 Euro in der Economy Class, ab 1022 Euro Premium Economy, www.lufthansa.de.

Übernachten: Das einzige Camp im Park ist ökologisch vorbildlich; abends kommen kleine Suni-Antilopen ans Zelt, mit Glück schaut auch mal ein Nashorn vorbei, die Übernachtung kostet p. P. ab 180 Euro (inkl. VP und Park-Eintritt), Game Drives werden organisiert, www.nairobitentedcamp.com.

Wildnis in Nairobi: Neben Park und Karura Forest z. B. zur Vogelbeobachtung ins Windsor Golf-Resort. Dort bietet der Ornithologe Jonathan Mwachongo Touren an, Kontakt: ornithologist@windsor.co.ke.

Weitere Auskünfte: zu Kenia www.magical-kenya.de, Kontakt zu Parmisa: nikparmisa@yahoo.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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