Reinhold Messner "Wir sind auf Knien und Ellenbogen zum Gipfel gekrochen"

Reinhold Messner 1978 auf dem Gipfel des Mount Everest. Das Stativ wurde drei Jahre zuvor von einer chinesischen Expedition zurückgelassen.

(Foto: Reinhold Messner/dpa)

Vor 40 Jahren stiegen Reinhold Messner und Peter Habeler erstmals ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den Mount Everest. Im Interview am Morgen erzählt Messner, warum die Freude am Gipfel nur kurz war.

Von Nadine Regel

Mediziner warnten: "Ihr werdet als Deppen zurückkommen!" Trotzdem stiegen vor 40 Jahren, am 8. Mai 1978, Reinhold Messner und Peter Habeler auf den Mount Everest, den mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt. Auf zusätzlich mitgenommenen Sauerstoff verzichteten sie dabei - das war zuvor noch niemandem gelungen. Der 73-jährige Südtiroler über das Hochkommen, das Zurückkommen und das Bergsteigen im Alter.

SZ: Herr Messner, warum wollten Sie unbedingt als Erster ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den höchsten Berg der Welt?

Reinhold Messner: Ich wollte versuchen, ob man den Everest im Alpinstil besteigen kann. Das heißt: ohne Maske, ohne Hochlager, ohne Sherpas. Ich war so schon 1975 zusammen mit Peter Habeler auf einem Achttausender, dem Gasherbrum I. Das hat viel Aufmerksamkeit bei den Fachleuten erregt, und weltweit kam die Frage auf: Geht das auch am Everest?

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Warum bleibt den Bergsteigern auf dem Mount Everest die Luft weg?

Der Everest ist noch einmal 800 Meter höher als der Gasherbrum I. Die letzten 300 Meter sind die entscheidenden. Früher dachte man, ab 8500 Metern kann der Mensch keine Leistung mehr bringen. Doch das war falsch. 1924 hatte jemand zum letzten Mal einen Aufstieg ohne Maske versucht - mit sehr primitiver Ausrüstung. Unsere war lang nicht so schwer.

Sie hätten es sich mit Sauerstoff ein wenig leichter machen können. Oder wenigstens sicherer.

Reinhold Messner (rechts) und Peter Habeler werden nach ihrer Rückkehr aus Nepal auf dem Münchner Flughafen von ihren Frauen begrüßt.

(Foto: picture alliance / Hamberger/dpa)

In den 1970ern wog die Sauerstoffausrüstung pro Person noch 50 Kilogramm. Niemand kann das zusätzlich zur Ausrüstung auf 8000 Meter tragen, um dann die letzte Strecke mit Sauerstoff zu gehen. Dafür brauche ich Helfer, für die Helfer eine Logistik, also auch wieder Zelte und Essen. Deswegen kommt es zu diesen schwerfälligen, teuren Expeditionen.

Und Sie wollten ja den Rekord, es als Erster ohne Sauerstoff geschafft zu haben.

Wer über Rekorde spricht, spricht nicht über Alpinismus, sondern über Bergsport. Für mich ist Bergsteigen eine Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur und damit nicht messbar. Relevant ist es, an die Grenze des Möglichen zu gehen und lebend zurückzukommen. Wir sind nicht mit dem Vorsatz zum Everest gefahren, es um jeden Preis nach oben zu schaffen. Nein, wir gehen, so weit wir kommen. Und wenn es nicht mehr geht, dann kehren wir um.

Welche Erinnerungen haben Sie an den entscheidenden Aufstieg?

Es war kein guter Gipfeltag. Nur bis auf 8000 Meter war das Wetter gut, dann kam mit einem harten Sturm sehr große Kälte. Der Wind war so stark, dass wir dachten, es weht uns vom Grat. Wir sind auf Knien und Ellenbogen zum Gipfel hinaufgekrochen, auch weil dies das Spuren erleichtert hat. Hundert Meter unterhalb habe ich den Hauptgipfel überhaupt das erste Mal gesehen. Erst da hab ich geahnt, dass es gelingen wird. Und konnte den Weiterweg dokumentieren. Bis dahin hatten wir überhaupt nicht fotografiert und gefilmt.

Und als Sie endlich ganz oben standen?

Ich habe durchgeatmet: Endlich, die Schinderei ist vorbei. Runterwärts wird es viel weniger anstrengend. Und dann: Nichts wie hinunter. Es ist ziemlich unlogisch, dass man so lange mit sehr viel Mühe hinaufsteigt, um sofort wieder runterzugehen. Mit Gipfeleuphorie ist da oben nicht viel. Vielleicht ein bisschen, im ersten Moment. Aber die wirkliche Freude kommt erst, wenn man aus der Gefahrenzone raus ist.

Wie wirkte sich Ihr Erfolg aus?

Ich konnte mir nach dem Everest alle Jahre eine oder zwei große Expeditionen leisten, weil keine schwere Ausrüstung mehr nötig war. Es ist ein Unterschied, ob ich für eine Besteigung 300 000 Dollar oder nur 10 000 Dollar brauche.

"Das hat dieser Berg nicht verdient"

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Und was hat sich am Everest geändert?

Heute kann man den Everest im Reisebüro buchen. Die Sauerstoffflaschen werden von Sherpas deponiert, den Gipfel erreicht man über eine Piste und es werden Lager mit kompletter Infrastruktur errichtet. Das hat mit Alpinismus nichts mehr zu tun, das ist Tourismus. Ich war 2003 zum 50-jährigen Jubiläum der Erstbesteigung mit Sir Edmund Hillary beim nepalesischen König. Wir haben darum gebeten, dass man wie früher nur eine Expedition pro Saison am Mount Everest zulässt. Der König meinte, dass es schwierig durchzusetzen sei. Jeder Everest-Aspirant zahlt 11 000 Dollar in die Staatskasse. Wenn man das auf tausend Leute pro Saison hochrechnet, ist das viel Geld in einem bettelarmen Land.

Nicht nur der Everest wird touristischer. Was gibt es noch in den Bergen zu entdecken?

Sich selbst. Man kann heute jeden Berg vom Satelliten aus fotografieren, man kann von jedem Berg aus mit einem Satellitentelefon telefonieren, aber in der menschlichen Natur gibt es noch unendlich viele Geheimnisse. Das Schöne ist ja, dass ich diese Auseinandersetzung Mensch-Berg auch mit 80 Jahren erleben kann, auch wenn ich dann nicht mehr in der Lage bin, hoch hinauf zu gehen oder schwierige Wände zu klettern. Wenn meine physischen Fähigkeiten, meine Ausdauer, meine Willenskraft nachlassen, kann ich bei kleineren Bergen das Gleiche erleben wie in der Mitte des Lebens allein am Everest.

Was wissen Sie wirklich über den Mount Everest?

Vor 40 Jahren bezwangen Reinhold Messner und Peter Habeler den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff. Wie dünn ist dort oben eigentlich die Luft? Und wie heißt der Berg auf Tibetisch? Testen Sie sich auf die Schnelle in sieben Fragen. mehr...