Monarchfalter in Mexiko Die Unbeirrbaren

Jedes Jahr überwintern Millionen Monarchfalter in Mexikos Bergen, bevor sie im Frühjahr Richtung USA aufbrechen. Über eine rätselhafte Migration, die bald ein Ende finden könnte.

Von Florian Sanktjohanser

Der König hat Mut. Frech setzt er sich aufs Hosenbein und entspannt. Ein zweiter landet auf der Stiefelspitze, andere sitzen auf dem Weg, bewegen träge ihre Flügel oder verharren reglos. Sie sind überall, Myriaden von Monarchfaltern tönen die Bäume ringsum orangefarben und braun. Sie wirken erschöpft, sie sind bis zu 4500 Kilometer weit geflogen, vom Süden Kanadas bis in die Berge Mexikos. Warum sie jedes Jahr genau hierher kommen, wissen die Forscher bis heute nicht. Derzeit treibt sie aber vor allem eine Frage um: Wie lange wird es dieses Naturwunder noch geben?

Für die Bewohner von Angangueo ist diese Frage existenziell. Das Städtchen liegt gut 100 Kilometer nordwestlich von Mexiko-Stadt, seine bunt gestrichenen Häuser zwängen sich in ein Hochtal, manche sind oben in die grünen Hänge gebaut. Der offizielle Name Mineral de Angangueo verrät, warum die Menschen einst an diesen abgelegenen Ort gezogen sind: Die spanischen Kolonialherren hatten in den Bergen Gold, Silber und Kupfer gefunden. Die Kirche der unbefleckten Empfängnis erinnert an die guten Jahre. Spätestens 1992 waren sie vorbei. Die Mine schloss. Seitdem leben die Menschen von den Früchten der Felder, vom Holzfällen, vom Schreinern. Und von den Monarchfaltern.

Das Naturschauspiel in Bildern:

Der Flug der Monarchfalter

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Die hübschen Sympathieträger sind allgegenwärtig: auf den Schildern der kleinen Läden, als Wandgemälde an der Casa de Cultura, als goldenes Abbild auf dem Brunnen neben der Stadthalle. Im Februar feiert Angangueo sogar ein Falter-Festival. Denn in den Bergen oberhalb der Stadt liegen die zwei bekanntesten Schutzgebiete für die Monarchen, El Rosario und Sierra Chincua. Sie gehören zum 56 259 Hektar großen Biosphärenreservat Mariposa Monarca, seit 2008 ein Weltnaturerbe, das jedes Jahr 200 000 Touristen anzieht. "Die Schmetterlinge kommen immer an den gleichen Tagen an", sagt Pedro Martínez Hernández. Pünktlich zum Día de los Muertos, dem Tag der Toten, flattern Schwärme von Monarchen ein. Die indigenen Völker der Mazahua, Otomí und Purépecha glauben deshalb, sie seien die Seelen ihrer Verstorbenen. Pedro Martínez Hernández, unser Guide, steckt sich eine Flasche Cola in die Gesäßtasche seiner Jeans und stapft los, vorbei an Souvenir- und Taco-Buden und einer Zipline, an der Touristen über eine Schneise surren. Gleich dahinter drängeln sich Dutzende Pferde, zu mieten für ein paar Euro. Es scheint Bedarf zu geben. Der Weg ist zwar nur eineinhalb Kilometer lang, aber er beginnt in 3200 Metern Höhe. Und steigt beständig an.

Die Könige sind wählerisch. Sie lassen sich nur auf den Heiligen Tannen nieder

Dem Guide macht das nichts aus, er marschiert voran, erst durch Geißklee-Büsche und bald durch lichten Wald. Im Unterholz liegen viele Stämme, ein Sturm habe sie im vergangenen März geknickt, sagt Martínez. Ansonsten redet er nicht viel. Aber man soll sowieso still sein, mahnt ein Schild, die Natur lasse sich so besser genießen. Hügelkette hinter Hügelkette breitet sich am ersten Aussichtspunkt vor uns aus, vereinzelte Falter schwirren durchs grandiose Panorama. Den Winter haben die Falter im Halb-Winterschlaf verbracht. Während dieser Zeit fressen sie nicht und sie paaren sich auch nicht. Nur zum Trinken fliegen sie aus - wenn die Sonne sie wärmt. Heute aber verdunkeln Wolken den Himmel, kaum ein Falter ist zu sehen. Bis uns ein blaues Seil den Weg versperrt und Martínez nach oben zeigt: "Schau!" In dicken Trauben hängen die Monarchen in den Bäumen, so dicht gedrängt, dass sich die Zweige biegen. "Sie wärmen sich gegenseitig", erklärt Martínez.

SZ-Karte

Die Könige sind wählerisch. Im Bergwald wachsen Steineichen, Zedern und Kiefern, die Falter fliegen aber nur auf die kerzengeraden Oyamel, die die spanischen Eroberer Abies religiosa nannten, Heilige Tannen. Deren kreuzförmig angeordnete Zweige - daher der Name - erlauben den Faltern, sich besonders eng zusammenzudrücken. Und sie bieten Schutz. In den dichten Tannenwäldern steigt die Temperatur tagsüber kaum über 18 Grad, und Minusgrade sind selbst in Winternächten selten. Zudem geben die Bäume nachts gespeicherte Wärme ab. Vielleicht entlasten sie auch über Sekundärstoffe das Immunsystem der Falter. Oder erkennen diese den Geruch ihrer Ahnen wieder?