Einheimische über ihre Stadt Lissabon, so furchtbar schön

Grüße aus Lissabon! Hier lassen wir Einheimische erzählen.

(Foto: Vali Sachadonig/Unsplash; Bearbeitung SZ)

Diese Stadt ist wunderbar und kann einen trotzdem wahnsinnig machen. Einheimische verraten, was sie an Portugals Metropole lieben und hassen - in unserer neuen Städte-Serie.

Protokolle von Irene Helmes

Wer auf Reisen ist, will oft am liebsten gar nicht mehr zurück. Zu sonnig, zu entspannt, zu lecker, zu aufregend ist es vor Ort. Aber wie fühlt sich ein Traumziel an, wenn man wirklich dort lebt? In unserer neuen Serie erzählen Einheimische, was sie an ihrer Stadt glücklich macht und was sie zur Weißglut bringt, wovon sie Gästen abraten und was für sie unverzichtbar ist. Insidertipps der etwas anderen Art also, zur Nachahmung beziehungsweise Vermeidung empfohlen. Diesmal: Lissabon.

Mariana Duarte Silva, 39, Mitgründerin des Kreativ-Projekts "Village Underground Lisboa":

+ + + "Wir feiern gerne, und vor allem: Wir wissen, wie man feiert. Wir haben ein großartiges Nachtleben und kein Problem damit, lange wach zu bleiben - bis in den nächsten Tag hinein, wenn die Musik gut ist.

Außerdem ist Lissabon einzigartig, was sein Licht, das Essen, Wetter, die Gemütlichkeit und vor allem die Menschen betrifft. Ich glaube, wir sind ziemlich gastfreundlich und aufgeschlossen und geben auch ganz gerne mit unserer Stadt an. Es hilft natürlich, dass die meisten Englisch sprechen. Wir lernen es von klein auf in der Schule und Filme werden nicht synchronisiert, also hören wir Englisch immer mit Untertiteln im Fernsehen. Wir tun auch gerne so, als könnten wir Französisch und Spanisch, aber die meisten von uns sind darin doch ziemlich schlecht. Aber wir verstehen es und trauen uns, es zu sprechen - ohne Angst, uns zu blamieren. Ich glaube, wir sind auch ziemlich schamlos.

Auch schön ist, dass wir uns sicher fühlen können. Denn Lissabon ist sicher. Ein paar Kleinkriminelle bestehlen gelegentlich Touristen in der Tram, aber nachts auf den Straßen ist alles in Ordnung." + + +

- - - "Wir haben eine üble Angewohnheit: Wir können nicht von unseren Autos lassen. Wir sind ziemlich fußfaul, selbst wenn es um kleine Entfernungen geht, etwa von einer Bar zur nächsten. Manchmal riskieren wir auch das Fahren mit Alkohol. Das ist seltener geworden, aber es war eine fürchterliche Unsitte. Jedenfalls neigen wir aber dazu, wirklich überall mit dem Auto hinzufahren. Das verursacht tagsüber schrecklichen Verkehr - dass unser öffentlicher Nahverkehr nicht besonders pünktlich ist, hilft auch nicht gerade.

Wir können außerdem recht laut sein. Ein Ausländer kann womöglich denken, dass gestritten wird, wenn er Freunde miteinander reden sieht, aber das stimmt nicht... wir sind einfach so." - - -

Städtereise Einheimische über ihre Stadt

Von links unten im Uhrzeigersinn: Mariana Duarte Silva, Jorge Mourão, Célia Pedroso und Nuno Sequeira.

(Foto: privat (3); Jorge Simão - A Maria Vaidosa Magazine / Bearbeitung SZ)

Nuno Sequeira, 41, Surflehrer und Besitzer von "Surf Lisbon":

+ + + "Lissabon ist die einzige Hauptstadt Europas, in der der Ozean nur zehn Fahrminuten vom Stadtzentrum entfernt liegt. So kann man das kosmopolitische Stadtleben mit weißen Sandstränden mischen - und mit Wellen für alle Surfer, egal ob sie diesen Sport noch nie ausprobiert haben oder schon viel Erfahrung mitbringen. Es ist der Wahnsinn, man kann morgens an den Strand gehen, mittags toll am Wasser essen (frischer Fisch und Meeresfrüchte!) oder eben in einem kleinen Restaurant mitten in der Stadt, dann die Hügel Lissabons auf und ab spazieren, um die Stadt mit ihrer langen Geschichte zu erleben. Und an einem tollen Aussichtspunkt den Sonnenuntergang mit einem Drink in der Hand genießen - vor dem Abendessen und wer weiß, womöglich vor einem langen und verrückten Abstecher ins Nachtleben. Wow, all das können wir an einem einzigen Tag machen!" + + +

- - - "Fertig macht mich Lissabon eigentlich nur, wenn ich ins Zentrum muss und zwar mit dem Auto. Der Verkehr ist irre anstrengend sowohl morgens als auch am späten Nachmittag zur Rushhour. Manchmal bringt mich die Stadt auch im Winter zum Fluchen, zwischen November und Februar, wenn es kalt wird ... na ja, zumindest für unser Gefühl! Wenn die Temperaturen unter 10 Grad fallen, fange ich schon an zu schimpfen und wünsche mir Frühling und Sommer zurück. Aber wisst Ihr was? Sogar in diesen "kälteren" Monaten können wir surfen, denn die Wassertemperatur bleibt in allen Jahreszeiten stabil, um die 17, 18 Grad. Also ist es dann besser, im Wasser Spaß zu haben!" - - -

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Célia Pedroso, 53, Autorin ("Eat Portugal" und Culinary Backstreets):

+ + + "Das Schöne an Lissabon: Momentan ist hier eine unglaubliche Energie zu spüren, die Menschen von überall her anlockt - es ist wieder ein globales Dorf wie im 16. Jahrhundert. Damals schon war Lissabon eine geschäftige Metropole mit Händlern und Waren von fernen Kontinenten. Jetzt sieht man das wieder, die Leute kommen aus allen Ecken der Welt entweder zu Besuch oder zum Arbeiten - und die Händler und Geschäftsleute der Gegenwart gründen ihre Start-Ups. Am deutlichsten ist all das in den Vierteln Intendente und Mouraria, aber auch überall sonst in der Stadt - in der großartigen Gastroszene ebenso wie im Kulturleben. Das Angebot ist total anders als noch vor fünf Jahren. Neue Restaurants, die dafür stehen, sind zum Beispiel Bairro do Avillez, Prado, Loco oder Alma." + + +

- - - "Was schlimm ist in Lissabon? Der Vandalismus und der mangelnde Schutz unseres kulturellen Erbes. Zum Beispiel stehlen Leute Kacheln aus dem 19. Jahrhundert und zerstören so die Azulejo-Fassaden historischer Gebäude, um sie auf Flohmärkten zu verkaufen und so zu tun, als wäre das legal. Und als ob das nicht genug wäre, werden überall Tags und Graffiti auf jahrhundertealte Gebäude, Kacheln, Steine und Denkmäler gesprüht. Das ist wie die Pest, verbreitet sich überall. Warum? Schwer zu sagen. Vielleicht wird in den Schulen nicht genug Wissen über unser Erbe vermittelt?" - - -

Wohin in Lissabon? Insidertipps ganz konkret:

Traditionell, aber trendy

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Jorge Mourão, 46, Geographielehrer und Mitarbeiter im Rathaus, führt über das Portal "Withlocals" Reisende durch seine Stadt:

+ + + "Lissabon bietet einen wundervollen Mix aller Dinge, die dich glücklich machen können - es lässt sich hier entspannt, gesund, aktiv und doch einfach leben. Um uns herum ist jede Ecke auf unwiderstehliche Weise einzigartig, die Jahrhunderte haben Schicht für Schicht ihre Spuren hinterlassen, von der uralten Hafenstadt von einst bis zu dieser extrem coolen und fortschrittlichen Stadt von heute. Hier ist weniger definitiv mehr. Alle möglichen urbanen und technischen Trends kommen auf und werden kreativ umgesetzt. Ich liebe es, dass die Leute buchstäblich von Alaska bis Neuseeland herkommen, in einer so positiven, interkulturellen und toleranten Atmosphäre.

Wir haben unzählige Spezialitäten zu bieten, Gebäck oder frischen Fisch und Meeresfrüchte. Im Juni feiern wir immer besonders viel anlässlich der Feiertage "Festas de Lisboa". Für schöne Spaziergänge bieten sich zum Beispiel die Avenida da Liberdade an, die Plätze Restauradores und Rossio, die Rua Augusta bis zum Praça do Comércio am Wasser. Man kann in das lebhafte Viertel Chiado eintauchen oder in die labyrinthartigen Gassen von Alfama, um ein Gefühl für das Leben in der Stadt zu bekommen. Und das sind nur ein paar Vorschläge." + + +

- - - "Es gibt leider sehr große soziale Ungleichheit und Ausgrenzung und eine rapide alternde Bevölkerung. Dinge, die mich in den Wahnsinn treiben: eine ungebildete, faule und dumme Mittelklasse, außerdem neureiche und konsumverrückte Leute, endlose Staus morgens und nachmittags, organisierte Banden von Taschendieben, die es vor allem auf Touristen abgesehen haben. Die erkenne ich inzwischen sofort und warne dann alle um mich herum - ich habe eine laute Stimme! Eine Frage, die uns Einheimische besonders beschäftigt, ist, wie man erschwinglichen Wohnungraum im Zentrum erhalten kann, damit auch junge Paare, Familien und ältere Menschen eine Chance haben und nicht durch die Gentrifizierung in die Vororte verdrängt werden. Öffentliche Orte werden von den Behörden leider teils schlecht gemanagt und gepflegt." - - -

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