Kreuzfahrten auf dem Nil Land in Sicht

Auf dem Nil sind die Felucken (im Bild 2008 bei Assuan) zurzeit oft ohne Urlauber unterwegs.

(Foto: AFP)

Knapp 20 Jahre lang war der Nil zwischen Kairo und Luxor für Touristenschiffe tabu. Nun aber fahren sie wieder - äußerst vorsichtig und mit bewaffneten Polizisten an Bord. Die Einheimischen reagieren skeptisch.

Von Peter Sich

Wie auf einem Thron sitzt Hameda Ahmed Mustafa hinter dem Steuerrad aus blankem Metall. Ein Sturm könnte kaum lauter sein als das Gejohle, das über ihn hinwegzieht. Ein Übermütiger ist auf der Zugbrücke stehen geblieben, die nun fast senkrecht in den Himmel ragt. Doch die Schaulustigen am Ufer rufen nicht ihm zu, ihre Schreie gelten den Touristen auf dem Schiff, das ihnen immer näher kommt.

Vom Sonnendeck aus blicken die Zivilpolizisten angespannt in die Menge. Seit einer Woche schon sind sie wachsam, lassen die Gäste nicht aus den Augen - und nun, kurz bevor in Assiut die Kollegen übernehmen, darf schon gar nichts passieren. Dabei johlen die Menschen an der Schleuse gar nicht, weil sie den Touristen Übles wollen. Sie sind nur aufgekratzt, weil hier so selten ein derart großes Schiff die Staumauer durchquert.

Ibrahim Abdel Fatah ist der Direktor des Kreuzfahrtschiffes MS Hamees und steht vor einer neuen Aufgabe in unruhigen Zeiten. Es ist das erste Mal, dass das Schiff der Schweizer Mövenpick-Gruppe die lange Nilkreuzfahrt unternimmt. 18 Jahre war die 700 Kilometer lange Nilpassage zwischen Kairo und Luxor für Touristenschiffe nicht befahrbar. 1994 hatten Mitglieder der ägyptischen Terrorgruppe Gamaa Islamija auf ein Kreuzfahrtschiff geschossen, eine deutsche Touristin starb - danach war die Strecke gesperrt worden. Nilkreuzfahrten beschränkten sich seither auf den Abschnitt zwischen Luxor und Assuan im Süden Ägyptens.

Im Sommer 2012 gaben die Behörden die Passage wieder frei. Sie führt durch Gebiete, in die sich mehr als 20 Jahre lang fast nur Individualreisende vorwagten. Anschläge in der Region rund um die Städte Al-Minya und Assiut hatten in den 1990er Jahren den Tourismus dort fast vollständig zum Erliegen gebracht. Jetzt bemühen sich die für die Kreuzfahrten Verantwortlichen behutsam, die Landbevölkerung für sich zu gewinnen. "Bei jedem Halt kaufen wir frisches Gemüse auf den lokalen Märkten. Damit die Menschen einen Nutzen von den Touristen haben", sagt Ibrahim Abdel Fatah, der Direktor der MS Hamees.

Die Behörden aber wollen lieber auf Nummer sicher gehen - ein Anschlag auf ein Touristenschiff, das wäre eine Katastrophe für das Land, das seit der Revolution einen Einbruch der Besucherzahlen zu verkraften hat. So sind während der ganzen Reise vier Zivilpolizisten an Bord. Von Zeit zu Zeit flankiert ein Polizeiboot die MS Hamees. Bei den Ausflügen bewegen sich die Reisebusse im Konvoi, je ein Trupp bewaffneter Polizisten bildet die Vor- und Nachhut. In den Häfen zwischen Kairo und Luxor liegen die lokalen Polizeistützpunkte direkt an der Gangway. Wer von Bord gehen will, erfährt von den Polizisten am Ufer, dass das Verlassen des Schiffs nur für eine Stunde am Abend genehmigt wird - und auch das nur in Begleitung eines Polizisten in Zivil, was die Gäste an Bord dann doch irritiert. "So etwas habe ich ja nicht einmal in der DDR erlebt", hört man am Büffet. Oder: "Da konnte ich mich ja in Rotchina freier bewegen."

Nie ist etwas passiert

Keine Angst um seine Gäste hat indes Hameda Ahmed Mustafa. Er ist der Kapitän der MS Hamees, oder besser: der Rais, wie es im Arabischen heißt. Denn ein Rais hat kein Kapitänspatent, ein Rais hat Erfahrung. 45 Jahre seines Lebens hat er auf dem Nil verbracht, davon 21 als Kapitän. Die Strecke zwischen Kairo und Luxor ist er schon gefahren, bevor sie 1994 geschlossen wurde. "Damals haben wir an den kleinen Inseln gehalten und die Gäste im Nil schwimmen lassen. Passiert ist nie etwas." Und die Schüsse auf das Kreuzfahrtschiff? "Pah", schnaubt der Rais: "Die Strecke wurde damals doch genau wegen der Leute geschlossen, die jetzt an der Macht sind. Die Männer mit den Bärten."

Vom Schiff aus sind viele Sehenswürdigkeiten bequem zu erreichen. Würde man von Kairo aus mit dem Bus in die Provinz fahren, wäre das kraftraubender. Und nicht jede Sehenswürdigkeit würde diesen Aufwand rechtfertigen. Die Pyramide in Hawara etwa ist heute kaum mehr als ein großer Haufen Lehmziegel. Dagegen lässt sich an den Felsengräbern von Beni Hasssan, in Tell el Amarna und in der Nekropole von Tuna el-Gebel hervorragend ablesen, wie sich der Totenkult der alten Ägypter im Laufe der Jahrhunderte wandelte.