Hallstatt in Österreich Zu schön für diese Welt

Wo die Welt noch in Ordnung ist: Der Hallstätter See ist von Salzburg aus schnell zu erreichen. Die Blitzbesuch-Touristen sind allerdings nicht gern gesehen.

(Foto: Kerstin Joensson/AP)

Gedrängel wie in Salzburg zur Weihnachtszeit: Seit in China eine Kopie von Hallstatt steht, wird das kleine Original im Salzkammergut überrannt. Nun sucht man eine Lösung.

Von Johanna Pfund

Es ist alles so schön hier: die farbigen Häuser am Hang, die Blumen davor, der fjordartige See, die Berge rund um Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut. Nur das kleine Schild am Ortseingang irritiert. "No Drone Zone" steht drauf, darüber chinesische und südkoreanische Schriftzeichen, und sicherheitshalber noch eine rot durchgestrichene Drohne, damit auch jedem klar wird: Die kleinen Krachmacher in der Luft sind hier unerwünscht.

Wobei die Drohnen nur ein Symptom sind für das eigentliche Problem, das die Menschen in Hallstatt umtreibt. Zehntausende Touristen, vor allem aus Asien, kommen jeden Sommer in den Ort, der nur knapp 800 Einwohner hat. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Die Bewohner erzählen sich hier Geschichten von Asiaten, die einfach in die Häuser marschiert seien. Woraufhin man jetzt die Haustüre zusperren müsse - was in der Gegend nicht üblich ist. "Das Thema Gäste ist in Hallstatt total polarisierend", sagt denn auch Pamela Binder, Chefin des Tourismusverbands Inneres Salzkammergut. Nicht wenige Hallstätter sehen die Grenze des Ertragbaren erreicht.

So wichtig wie Wien oder Salzburg

Angefangen hat der Tourismus hier ganz bescheiden. In den 1950er- und 1960er-Jahren reisten die ersten Sommergäste in das Dorf, das seit 7000 Jahren mit dem Salzbergbau lebt. Der See, die Kulisse des Dachsteins und die Abgeschiedenheit genügten Urlaubern damals. Bald aber entdeckten die Touristen Italien, ferne Länder. Hallstatt war nicht mehr so gefragt. Bis die Unesco die Region 1997 in die Welterbe-Liste aufnahm. Die Zahl der Touristen stieg wieder, langsam zunächst. Doch dann wurde man in China auf Hallstatt aufmerksam. Und fand das Alpendorf so hübsch, dass man es kurzerhand nachbaute.

Die Kopie eröffnete 2012. Hallstatts Bürgermeister Alexander Scheutz (SPÖ) reiste seinerzeit in die Provinz Guangdong, in den Distrikt Boluo, um sich die Alpenidylle anzusehen, die als Wohnanlage für wohlhabende Chinesen errichtet worden war. Mit den Folgen hatte Scheutz aber wohl nicht gerechnet. Der erkennbare, wenn auch nicht detailgetreue Nachbau des Hallstätter Marktplatzes gefiel offenbar so vielen Menschen in China, dass immer mehr auch das Original sehen wollten. "Der Andrang danach war schon markant", sagt Scheutz. Zählte man in Hallstatt 2011 rund 46 000 Ankünfte von Gästen, hatte sich deren Zahl bis 2016 auf 91 000 verdoppelt.

Ein Blick in die Statistik des Tourismusbüros zeigt: Gut ein Viertel der Übernachtungsgäste im vergangenen Jahr stammte aus Asien. Allein die Zahl der chinesischen Gäste hat sich seit 2011 vervierfacht. Auch bei Südkoreanern und Taiwanesen ist Hallstatt extrem beliebt geworden. Das Gros der Gäste aber kommt aus Österreich selbst: 14 000 waren es 2016. Doch das sind nur die Touristen, die mindestens eine Nacht bleiben. Die Zahl der Tagesgäste hingegen ist schwer zu beziffern, kommen sie doch meist per Bus für einen nur kurzen Besuch an.

Jedenfalls ist Hallstatt für die Gäste aus Fernost ein so ein wichtiger Ort geworden, dass viele mit dem kompletten Hochzeitsoutfit anreisen, sich hier fotografieren lassen und die Bilder bei der echten Feier verteilen. Das Dorf ist für asiatische Gäste so bedeutend wie Salzburg oder Wien. Warum das so ist, erklärt Pamela Binder vom Tourismusverband folgendermaßen: Der Status einer Welterbestätte suggeriere, dass die Welt hier noch in Ordnung ist. Ein Ort also, an dem Natur, Kultur und Leben einen harmonischen Dreiklang bilden.

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"Und es ist ja auch schön hier", sagt Binder. "Die Leute sind gastfreundlich, pflegen ihre Häuser und Blumen. Wir tragen unser Gewand und sagen nicht einmal Tracht dazu." Dieses Unverfälschte zieht die Menschen an. Nur lockt es eben so viele, dass der Ort genau das zu verlieren droht, weshalb die Gäste kommen.