Fernzüge Flixbus fordert die Bahn nun auch auf dem Gleis heraus

Für den Flixtrain gibt es Tickets schon ab zehn Euro für die Strecken Hamburg-Köln oder Berlin-Stuttgart. Und das soll erst der Anfang sein.

Von Benedikt Müller, Hamburg

Es ist kurz nach acht, als André Schwämmlein am Bahnhof Altona den Sekt schüttelt, den Korken knallen lässt, und der Schaumwein gegen die grüne Lokomotive spritzt. Der Gründer und Geschäftsführer von Flixbus läutet seinen neuen Angriff auf die Deutsche Bahn ein: Schwämmlein tauft einen knallgrün-orangenen Flixtrain, der seit diesem Wochenende nahezu täglich von Hamburg nach Köln und zurückfährt. Von außen mutet der Fernzug mit seinen zehn Waggons tatsächlich wie ein Flixbus auf Schienen an.

Auf die Außenwand hat Flixtrain seine Kampfpreise gedruckt: von Hamburg nach Düsseldorf ab zehn Euro, von Köln nach Münster für fünf Euro. Wer kurzfristig bucht oder einen bereits gut gefüllten Zug wählt, zahlt freilich mehr. "Wir werden die 100-Euro-Marke aber nicht überschreiten", kündigt Schwämmlein an. Der Gründer setzt auf Reisende, denen die Deutsche Bahn zu teuer, der Fernbus aber zu langsam ist.

"Wir positionieren uns zwischen ICE und Flixbus"

Seit fünf Jahren mischt Schwämmlein, weiße Turnschuhe, blaue Steppjacke, den Fernverkehr in Deutschland auf. Sein Unternehmen Flixbus hat zunächst Konkurrenten wie Meinfernbus und Postbus übernommen, anschließend Fernbuslinien in halb Europa aufgebaut. Nun greift das Münchner Start-up die Deutsche Bahn in ihrem Kerngeschäft an: dem Schienenverkehr. Mit seinen IC- und ICE-Zügen hat das Staatsunternehmen im Fernverkehr einen Marktanteil von 99 Prozent. Bislang.

Schwämmlein sieht sich mit seinem Zug von Hamburg nach Köln erst am Anfang. Von Mitte April an will das Start-up einen weiteren Zug von Berlin nach Stuttgart einsetzen. "Und wir werden weitere Trassen beantragen und möchten künftig noch mehr Zugfahrten anbieten", kündigt Schwämmlein an. Bis Mitte April können sich Bahn-Unternehmen noch auf Trassen bewerben; Flixtrain bietet mit. Da hierzulande auch die Netze der Deutschen Bahn AG gehören, darf aber ausgerechnet der Marktführer in Staatsbesitz entscheiden, auf welche Strecken er seinen neuen Konkurrenten lässt. Im August wird Flixtrain dann erfahren, auf welchen Schienen die Expansion weitergehen kann.

Die Fahrt im Flixtrain ist, zumindest im Inneren, eine Zeitreise in vergangene Jahrzehnte: Alle Waggons bestehen aus Sechserabteilen mit alten, dunkelblauen Sitzen - und Fenstern, die man tatsächlich öffnen darf. Immerhin hat der Betreiber neue Steckdosen eingebaut, in vielen Wagen kann eine Klimaanlage die Temperatur senken. Und Flixtrain versucht - anders als im IC -, kostenloses Wlan zur Verfügung zu stellen. "Wir bieten kein ICE-Produkt", gesteht Schwämmlein. "Wir positionieren uns zwischen ICE und Flixbus."

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Der grüne Zug fährt an der Binnenalster vorbei, lässt die Hafenkräne hinter sich. Er bietet Platz für 600 Passagiere; schon die Premierenfahrt am Freitag haben etwa 400 Fahrgäste gebucht. Diese Auslastung braucht das Unternehmen aber auch, um profitabel zu sein. "Wir müssen es schaffen, kontinuierlich mit 400 bis 500 Passagieren unterwegs zu sein", sagt Schwämmlein. Sein Flixtrain fährt weiter Richtung Osnabrück und Ruhrgebiet.

Mit ihren ersten Strecken wagen sich die Münchner an ein Geschäft, an dem andere Start-ups gescheitert sind. So war der Hamburg-Köln-Express (HKX) bereits im Jahr 2012 auf der Strecke von der Elbe an den Rhein angetreten, hat sein Angebot jedoch nach und nach vom Markt genommen. "Das mag alleine nicht funktioniert haben", sagt Schwämmlein. Seine Vertriebsplattform Flixbus habe hingegen bewiesen, dass sie Fernbusse und Züge füllen könne. "In der Kombination haben wir eine viel größere Chance, erfolgreich zu werden."

Die Trasse von Hamburg nach Köln ist für Bahn-Konkurrenten attraktiv, weil sie zwei Millionenstädte und das Ruhrgebiet miteinander verbindet. Zudem sind auch die ICE-Züge der Bahn zwischen der Elbe und dem Rhein nicht auf Schnellfahrstrecken unterwegs, wie es sie etwa zwischen Berlin und München oder zwischen Frankfurt und Köln gibt. Der Marktführer befährt die Trasse also selbst mit seinem schnellsten Rollmaterial nicht viel flotter als seine neue Konkurrenz.

Auch auf der Strecke von Berlin nach Stuttgart wird Flixtrain schon der zweite Herausforderer der Deutschen Bahn. Dort hatte das Start-up Locomore Ende 2016 den Betrieb aufgenommen, meldete aber schon im Frühjahr 2017 Insolvenz an. "Wir haben das Unternehmen immer mit Interesse beobachtet", sagt Schwämmlein. Im Sommer hat dann das tschechische Unternehmen Leo Express den Locomore-Betrieb übernommen; Flixtrain wird die Trasse, die über Hannover und Frankfurt führt, von Mitte April an vermarkten.

Die Liberalisierung zahlt sich für Reisende aus

Flixbus hat auch für seine neue Bahnmarke einen Namen gewählt, den man in ganz Europa verstehen und aussprechen kann. Bereits seit dem Jahr 2015 vertreibt Flixtrain in Tschechien und der Slowakei Bahnfahrten, die ebenfalls Leo Express betreibt.

Mithin bleiben die Münchner auch bei den Bahnfahrten ihrem Geschäftsmodell treu: Das Start-up besitzt das Rollmaterial nicht selbst. Vielmehr lassen mehr als 200 mittelständische Unternehmen ihre Busse mitsamt Fahrer unter der grünen Marke durch die Lande tuckern. Flixbus selbst plant mit gut 1000 Beschäftigten die Linien, verkauft die Tickets und pflegt die Marke. Für das vergangene Jahr meldet das Unternehmen erstmals Gewinne.

Dass der Staat den Fernbusmarkt in Deutschland vor gut fünf Jahren liberalisiert hat, zahlt sich für Reisende aus: In den Anfangsjahren sind Fahrten innerhalb Deutschlands so günstig geworden, dass auch die Deutsche Bahn mehr niedrige Sparpreise angeboten hat, um keine Kunden an die neue Konkurrenz zu verlieren. Zudem haben die Fernbusse mit ihrem kostenlosen Internetzugang indirekt bewirkt, dass nun auch die Deutsche Bahn Wlan anbietet, zumindest in ihren ICE-Zügen. Insgesamt sind heute deutlich mehr Fahrgäste im Fernverkehr mit Bus und Bahn unterwegs als vor der Freigabe des Marktes.

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