Deutsche Bahn Wutwelle auf Sylt

Die einzige Verbindung zum Festland ist der pittoreske Hindenburgdamm.

(Foto: picture alliance / Carsten Rehde)

Kaputte Loks, Verspätungen, überfüllte Waggons - Deutschlands beliebteste Insel hadert mit der Bahn. Denn die Verbindung zum Festland ist wenig verlässlich.

Von Peter Burghardt

Der Sylter Bürgermeister legt am Telefon gleich los, er ist ziemlich wütend. Katastrophal sei dieser Engpass, "unfassbar", sagt Nikolas Häckel. "Das gefährdet unsere Lebensader, unsere Nabelschnur", er meint die desolate Zugstrecke vom Festland auf die Insel. "Wir fühlen uns abgehängt. Das ist hochdramatisch." Über die Bahn ärgern sich viele - ganz besonders ärgert sich gerade wieder Sylt.

Der Norden erlebt einen sagenhaft warmen Mai. Wer kann, der fährt bei diesem Wetter ans Meer, gerne auf Deutschlands Ersatz-Mallorca. Viele Menschen müssen sogar täglich dorthin und wieder zurück, weil sie auf Sylt ihr Geld verdienen, aber in preiswerteren Gegenden leben. Das Problem: Mallorca kommt einem selbst aus Hamburg gerade näher vor als Sylt. Denn zwischen diesem Lieblingseiland in der Nordsee und dem Rest der Welt steckt man ständig fest.

Das Chaos ist ein Klassiker, diesmal wächst der Zorn bereits im Frühling. Seit Jahren klagen Reisende über oft stundenlangen Verzögerungen auf der Bahnlinie, was auch Autofahrer zur Weißglut treibt, weil es auf dem Weg durchs Watt keine Straße gibt. Die einzige Verbindung ist der pittoreske Hindenburgdamm, 1927 eröffnet, 11,3 Kilometer lang, darauf Gleise. Fahrzeuge werden gegen Gebühr auf Autozüge verladen. "Eine Goldgrube", sagt Häckel, "jeder zieht Geld raus, keiner investiert." Mal fällt ein Zug aus, mal kommt er viel zu spät, mal sind die Waggons überfüllt. Irgendwas ist auf der Route nach Westerland meistens kaputt.

Zuerst waren Loks defekt, sie vertrugen das raue Klima wohl nicht so gut oder wurden schlecht gepflegt. Jetzt müssen wieder Gleisschäden behoben werden, obwohl die letzten Arbeiten nicht lange zurückliegen. "Mit normalem Menschenverstand ist das nicht erklärbar", wettert Häckel. Er sorgt sich um die Urlauber, die Hochsaison steht bevor. Und er leidet mit den Pendlern, manche von ihnen wittern schon Sabotage.

Der Bürgermeister verlangt ein zweites Gleis

Ungefähr 4500 Männer und Frauen wechseln täglich zwischen Wohnort und Job die Ufer. Ihr Frust war bereits im Herbst 2017 so groß, dass sie bei Klanxbüll die Gleise blockierten. Erst Ende 2016 hatte die Deutsche Bahn die Strecke nach Sylt von der Nord-Ostsee-Bahn übernommen - mit der Erblast entschuldigt das Unternehmen die maroden Zustände, aber das genügt nicht.

"Mit der Leistung sind wir natürlich überhaupt nicht zufrieden", sagt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. Man wolle die Störungen möglichst schnell beheben, könne an den neuralgischen, einspurigen Stellen zwischen Klanxbüll und Niebüll oder Morsum und Keitum aber nur nachts arbeiten. Bis 7. Juni komme es zu Behinderungen "durch weiter bestehende Langsamfahrstellen".

Die Bahn brauche Vorgaben vom Bund - und Sylt endlich das zweite Gleis, verlangt der Bürgermeister. Man werde sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel wenden (die ja eher nach Usedom tendiert) - mancher CSU-Verkehrsminister sehe wohl vor lauter Bergen den Norden nicht, schimpft Nikolas Häckel. Im Rathaus von Westerland gibt es inzwischen einen Mitarbeiter, der nur dafür zuständig ist, sich um das Desaster mit der Bahn zu kümmern.

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