Deutsche Bahn Schlafwagen auf dem Abstellgleis

Ausgeruht ankommen: Viele Reisende lieben das nächtliche Reisen im Schlaf- oder Liegewagen.

  • Die Deutsche Bahn will mit dem nächsten Fahrplanwechsel im Dezember ihre Nachtzüge einstellen.
  • Gegen diesen Plan spricht sich das Bündnis "Bahn für alle" aus, das ein eigenes Konzept vorlegt.
Von Thomas Öchsner, Berlin

Der Werbeslogan der Deutschen Bahn (DB) klingt verlockend: "Reisen Sie mit dem City Night Line entspannt über Nacht und starten Sie Ihre Entdeckungstour direkt am Morgen, zum Beispiel in Amsterdam, Berlin, Prag, Rom oder Zürich." Damit soll nun bald Schluss sein: Die DB will ihre Nachtzüge im Dezember mit dem üblichen Fahrplanwechsel einstellen und das Reisen mit Liege- und Schlafwagen nicht mehr anbieten.

An dieser Entscheidung, die Bahn-Vorstand Roland Pofalla ausgerechnet auf dem Klimagipfel in Paris Ende 2015 ausplauderte, will der bundeseigene Konzern unbedingt festhalten. Nun versucht eine ungewöhnliche Allianz von Bahnfreunden den Konzern zur Umkehr zu bewegen. Es geht um eine 150 Jahre alte Tradition des Reisens, die in einigen Bestsellern und Filmen wie Agatha Christies "Mord im Orientexpress" oder Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" eindringlich beschrieben wurde.

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Nischengeschäft oder doch profitabel?

Für die Bahn sind Nachtzüge "ein Nischengeschäft", das mehr und mehr Verluste einbringt. Die Rede ist von 31 Millionen Euro Minus im vorigen Jahr - bei einem Umsatz von 90 Millionen. Die Züge seien mehr als 40 Jahre alt, heißt es bei dem Unternehmen. Wegen der geringen Nachfrage lohne es sich aber nicht, in neue Waggons zu investieren. Den Nachtzug nach Paris und die Verbindung Berlin-Brüssel hatte der Konzern deshalb bereits eingestellt.

Die Kürzungspläne hält das Bündnis "Bahn für alle", zu dem unter anderem Claus Weselsky, Chef der Lokomotivführergewerkschaft GDL, der Fahrgastverband Pro Bahn, und die Expertengruppe "Bürgerbahn statt Börsenbahn" gehören, für grundlegend falsch. Joachim Holstein, Sprecher des Wirtschaftsausschusses der für die Nachtzüge zuständigen DB European Railservice, wirft der Bahn vor, die Defizitzahlen künstlich hochgerechnet zu haben. "Die Nachtzüge auf der Schiene sind profitabel", und die Nachfrage sei stabil. Die DB habe aber das Nachtangebot immer unattraktiver gemacht und versuche die Kunden in andere Züge umzulenken.

GDL-Chef Weselsky verlangte von der Bahn, die Entscheidung zu korrigieren. Diese hätten ehemalige Manager getroffen, die auf "Leuchtturmprojekte" wie den Berliner Hauptbahnhof oder die Hochgeschwindigkeitsstrecke Frankfurt-Köln gesetzt hätten. Die Bahn habe 30 Jahre lang mit den Nachtzügen richtig gut Geld verdient, ohne etwas für neue Nachtzüge auszugeben, kritisierte Weselsky. Michael Cramer, Chef des Verkehrsausschusses im europäischen Parlament (Grüne), sagte: "Mit dem Sterben der Nachtzüge wird nicht nur die europäische Einigung, sondern auch der klimafreundliche Bahnverkehr zurückgeworfen." Die Bahn lege so "den roten Teppich für die Wettbewerber aus".

Ein eigenes Nachtzugkonzept

Die Allianz hat deshalb ein Nachtzugkonzept vorgelegt mit dem programmatischen Namen "Luna-Liner". Es soll zeigen, dass Nachtzüge europaweit profitabel fahren können. Ein Vorbild sind dabei die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die bereits 17 Prozent ihres Fernverkehrsumsatzes mit Nachtzügen machen und nun erwägen, zumindest einen Teil des DB-Schlafwagen-Geschäfts zu übernehmen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Bahnspitze durch Proteste zu einer Umkehr bewegen lässt. Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn wollte einst die Speisewagen abschaffen. Es gibt sie immer noch in jedem ICE.

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