BGH-Urteil zum Flugreisen Wer billige Flüge bucht, zahlt bei Storno drauf

Klage gegen Lufthansa abgewiesen: Kunden bleiben auf den Kosten für einen nicht angetretenen Flug sitzen, wenn in ihrer Buchungsklasse eine Stornierung nicht vorgesehen war.

(Foto: dpa)
  • Wer bei der Lufthansa bucht, kann in der Economy zwischen drei Varianten entscheiden: billig, günstig, teurer.
  • Der Haken: Bei einem Storno bekommt nur der Käufer des teuersten Tickets sein Geld zurück, selbst wenn die Lufthansa den nun wieder freien Sitz weiterverkauft.
  • Das kann nicht sein, fanden zwei Kunden und klagten vor dem BGH. Doch dieser gab nun Lufthansa recht.
Von Katja Schnitzler

Eigentlich ist die Sache ganz klar, nur ist sie auch gerecht? Die Lufthansa weist zwar beim Buchen deutlich darauf hin: Wer billiger fliegen will, trägt mehr Risiken. Zum Glück nicht bei der Sicherheit, nein. Aber falls beim Passagier selbst etwas schiefgeht, zahlt er womöglich weitaus mehr drauf, als er vorher eingespart hatte. Im konkreten Fall mussten zwei Kunden nach einer Stornierung wegen Krankheit auf jeweils 1250 Euro verzichten, sie erhielten nur Steuern und Gebühren zurück.

Die beiden wollten im Mai 2015 erst von Hamburg nach Frankfurt reisen und dann weiter in die USA nach Miami sowie das Ganze retour. Insgesamt kosteten sie die Flüge 2770 Euro - allerdings hatten sie die preislich günstigeren Buchungsklassen gewählt. Doch für diese gelten bei Lufthansa die strengen Bedingungen: "Die Stornierung der Tickets ist nicht möglich. Die nicht verbrauchten Steuern und Gebühren sind erstattbar. Der internationale/nationale Zuschlag ist nicht erstattbar."

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Die Lufthansa bietet etwa bei Flügen in Europa drei Möglichkeiten bei der Buchung an: Die Billig-Variante nennt sie "Economy Light", diese kann weder umgebucht werden noch erstattet die Lufthansa den Preis bei Storno; die mittlere Version verkauft sie als "Economy Classic", hier lässt sich der Flug gegen Gebühr zumindest umbuchen. Nur beim teuersten Economy Flex darf der Passagier umbuchen - und bekommt für eine Gebühr den Flugpreis auch zurück.

Der Haken am Billig-Ticket

Die Kläger verzichteten auf das teurere Rundum-sorglos-Paket und kauften günstiger. Doch dann mussten sie wegen einer Erkrankung die Reise zwei Monate vor Abflug stornieren - genug Zeit eigentlich für die Lufthansa, um andere Kunden für die freien Plätze zu finden. Doch die Airline berief sich auf die Buchungsregeln und zahlte nicht den Flugpreis, sondern nur die ersparten Steuern und Gebühren zurück: jeweils 134 Euro.

Dass sie nur einen Bruchteil ihres Geldes für die stornierten Flüge zurückbekommen sollten, leuchtete den Kunden nicht ein - egal welche Buchungsklasse sie gewählt hatten. Sie klagten, schließlich gibt es noch das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), das zum sogenannten Werkvertrag vorschreibt (§648): Der Auftraggeber kann jederzeit einen Vertrag "bis zur Vollendung des Werkes" kündigen, dem Unternehmer stehen dabei oft nur fünf Prozent der vereinbarten Vergütung zu - etwa wenn er sich durch die Kündigung Geld spart oder die Leistung an einen anderen verkauft. Die Lufthansa-Kunden und ihr Anwalt übersetzten dies für die Airline: Wenn sie die freien Sitze auf dem Markt wieder anbieten kann, verdient sie am Storno doppelt - das könne nicht sein. Würden dies die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Airline vorsehen, seien sie nicht rechtens.

Unterstützung kam vom Reiserechtsexperten Felix Methmann des "Verbraucherzentrale Bundesverbandes": Viele Flüge seien überbucht, die Airlines rechneten also mit Stornierungen. Die Nachweispflicht müsse bei der Fluggesellschaft liegen, forderte er vor der Verhandlung. "Das kann nicht der Kunde sein, der keine Möglichkeit hat, in das Buchungssystem reinzugucken."

Bundesrichter: Unterschiedliche Stornobedingungen sind keine unangemessene Benachteiligung

Doch die Kläger waren mit ihrer Forderung nach Rückerstattung schon vor dem Amts- und Landgericht in Köln gescheitert, nun schloss sich auch der Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof an: Die Rechtsform des Werkvertrags passe für viele Massengeschäfte des Alltags nicht, darunter auch für Verkehrsmittel wie Flugzeug oder Bahn.

Außerdem, heißt es in der Entscheidung des BGH (Az X ZR 25/17): Wer nicht den höheren Preis für eine flexible Buchung zahlen will, könne ja für den Fall einer Krankheit eine Rücktrittversicherung abschließen. Der Airline hingegen dürfe wegen der Kündigung kein Nachteil entstehen: Die Fixkosten für einen Flug verringerten sich kaum, wenn ein oder zwei Gäste wegblieben. Zudem müsste die Airline - selbst bei einer Anwendung des Werkvertrags - nur dann einen Ausgleich zahlen, wenn das Flugzeug ausgebucht gewesen wäre und deshalb Passagiere abgewiesen werden müssten; zu aufwändig, befand das Gericht.

Überhaupt gelte der BGB-Werkvertrag-Paragraf im Lufthansa-Fall nicht, weil die Kläger bei der Buchung die freie Wahl zwischen den Tarifen hatten, die deutlich unterschiedliche Regelungen im Fall einer Stornierung vorsehen. Damit sei ein individualrechtlicher Vertrag mit der Lufthansa geschlossen worden: Die Käufer müssen mit den Konsequenzen leben. Und wieder von vorne mit dem Sparen auf die Fernreise anfangen.

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SZ.de/harl/mit Material von dpa