Bayern: Fränkisches Seenland Der Traum vom Ferienparadies

Mit dem Fränkischen Seenland, dem Urlaubsgebiet aus der Retorte, drängten die Touristen in Nürnbergs Süden. Geblieben aber sind sie nicht - und dann kamen die Algen.

Von Uwe Ritzer

Der erste Sommer war ein Sommer der Anarchie. Surfer glitten haarscharf an den Köpfen von Schwimmern vorbei, Segler und Tretbootfahrer kurvten kreuz und quer, und auch am Ufer des Kleinen Brombachsees herrschte Chaos. Radler und Spaziergänger kamen sich laufend in die Quere, selbst in Naturschutzgebieten wurde wild gecampt, und die Liegewiesen waren von Sonnenhungrigen überfüllt.

Sonnenuntergang am Brombachsee bei Pleinfeld.

(Foto: dapd)

An heißen Wochenenden kämpfte die Polizei aussichtslos gegen Falschparker, die Straßen, Feld- und Rettungswege zustellten. Bilder vom Durcheinander sah man vor Ort nicht gern, und Medienberichte wurden als pure Böswilligkeit gegeißelt. Als ein Verkehrspolizist öffentlich klagte, an manchen Tagen würden sämtliche Strafzettel Nordbayerns nicht ausreichen, um wenigstens halbwegs für Ordnung zu sorgen, bekam er disziplinarrechtlichen Ärger.

"Frankens Rimini", schrieben die Zeitungen. Vor Ort wusste man nicht, ob man sich über den spöttischen Vergleich ärgern oder freuen sollte. Denn mit dem unerwartet großen Ansturm der Gäste in jenem Jahr 1986 verband sich auch die Hoffnung auf den Beginn einer neuen Epoche für eine sehr ländliche Region südlich von Nürnberg.

Urlaubsgebiet aus der Retorte

Jahrhundertelang hatten sich Bauern hier mit kargen, sandigen Böden abgeplagt. Nun sollte der Tourismus Wohlstand bringen: Das Fränkische Seenland, ein Urlaubsgebiet aus der Retorte. Vor 25 Jahren wurde der Kleine Brombachsee seiner Bestimmung übergeben, vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß persönlich. An einem heißen Julitag 2000 setzte dessen Nach-Nachfolger Edmund Stoiber in einem Boot des Talsperren-Neubauamtes über das Wasser des Großen Brombachsees vom Hafen Ramsberg hinüber nach Allmannsdorf. Singende Schulkinder und Tausende Zaungäste bejubelten Stoiber, als er den Bau des Fränkischen Seenlandes für abgeschlossen erklärte.

In knapp 30 Jahren waren fünf künstliche Seen entstanden: Der Rothsee gleich vor den Toren Nürnbergs, der Große und der Kleine Brombachsee, der Igelsbach- und der Altmühlsee bei Gunzenhausen, mit etwa einer Autostunde Fahrtzeit von Nürnberg aus der entfernteste. Gemessen an ihren Wasserflächen, sind die Gewässer teilweise größer als die weitaus bekannteren Königs-, Schlier- oder Tegernsee in Oberbayern. Nur sind sie viel unbekannter, und ihnen fehlt die malerische Alpenkulisse.

Als der bayerische Landtag 1971 den Bau des Fränkischen Seenlandes beschloss, dachten die Abgeordneten nicht an Tourismus, sondern an ein wasserbauliches Problem. Mit Hilfe der Seen-Kette sollten jährlich bis zu 25 Millionen Kubikmeter Wasser vom nassen Süden über die Wasserscheide hinweg in den trockenen Norden des Freistaats gespült werden. Das Feriengebiet war gewissermaßen ein Nebenprodukt.

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