Zeitzeuge Max Mannheimer ist 90 "Ich konnte nie hassen"

Die Nazis ermordeten seine Familie, er selbst überlebte Auschwitz. Seitdem berichtet Max Mannheimer unermüdlich über die Gräuel des Holocaust. Jetzt ist der berühmte Zeitzeuge 90 Jahre alt geworden.

Von Helmut Zeller

Bundespräsident Horst Köhler hat ihm bewundernde Worte geschrieben, der Sozialdemokrat Hans-Jochen Vogel auch. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude ist am Donnerstag gleich selbst in das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde am Sankt-Jakobs-Platz gekommen.

Max Mannheimer hat die Greuel des Konzentrationslagers Auschwitz überlebt. Später wird er zu einem der bekanntesten Zeitzeugen Deutschlands.

(Foto: Foto: dpa)

Am Abend, nach den Lobreden auf den Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer, macht ihm sein Sohn Ernst aber das wohl größte Kompliment. An der fast schon leeren Festtafel zum 90. Geburtstag seines Vaters sagt er: "In seiner Güte und menschlichen Wärme war ich immer geborgen."

Max Mannheimer selbst ist diese Geborgenheit in der Nacht vom 1. zum 2. Februar 1943, vier Tage vor seinem 23. Geburtstag, brutal genommen worden. An der Rampe von Auschwitz-Birkenau sieht er seine Mutter Margarethe zum letzten Mal. Auch der Vater, die Schwester und seine erste Frau Eva werden von der SS vergast.

Kurze Zeit später ermorden die Deutschen auch seine Brüder Erich und Ernst. Nur Max und sein Bruder Edgar überleben - sie kommen über Warschau in das KZ Dachau, werden 1945 nach Mühldorf verlegt und am 30. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Mannheimer wiegt 34 Kilogramm und ist dem Tod nahe. Nach seiner Genesung kehrt er in seine mährische Heimatstadt Neutitschein zurück, deren Ehrenbürger er heute ist, und schwört sich, das Land der Täter niemals mehr zu betreten.

Einer Liebe wegen geht er im November 1946 dennoch nach Deutschland. Er muss erkennen, dass der Antisemitismus mit Kriegsende nicht verschwunden ist, und die Trauer um die Toten überschattet sein Leben.

Fest verwurzelt im Judentum

Das alles weiß seine Weggefährtin Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das sagt auch ihr gerührter Blick, als sie Mannheimer am Donnerstagabend mit der Ohel-Jakob-Medaille für seine Verdienste um den Aufbau der jüdischen Gemeinde auszeichnet.

"Ich bin kein Synagogengänger", sagt Mannheimer, "aber fest verwurzelt im Judentum." Seit Jahrzehnten setzt er seine Kraft dafür ein, dass die ermordeten Juden nicht vergessen werden.

Heute zählt Max Mannheimer, seit 1988 Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau und Vizepräsident des Internationalen Dachau-Komitees, zu den bekanntesten Zeitzeugen in Deutschland. Seine Stimme hat Gewicht.

Als erster Bundespräsident wird Horst Köhler im April zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZs Dachau sprechen. Mannheimer hat ihn eingeladen. "Ich komme nicht als Ankläger, sondern als Zeuge der Zeit", sagt er. Das macht es den Menschen leicht, und seinem Charme und Humor widersteht ohnehin kaum jemand.

Das war nicht immer so. Lange Jahre hat Mannheimer geschwiegen. In einer schweren Lebenskrise nach dem Tod seiner Frau schreibt er 1964 alles auf - für die 17-jährige Tochter. 20 Jahre später wird sein "Spätes Tagebuch" veröffentlicht und in viele Sprachen, 2009 auch ins Japanische, übersetzt.

Das Buch krempelt sein Leben völlig um. Tausenden Schülern hat er seitdem seine Geschichte erzählt. Mit der Detailkenntnis eines Historikers klärt er sie über NS-Diktatur und Antisemitismus auf. Die Jugendlichen mögen ihn, in Mühldorf wollen sie eine Schule nach ihm benennen.

Mannheimer sagt: "Ich konnte nie hassen." Dazu ist, wie sein Sohn es ausdrücken würde, die Kraft der Liebe in ihm viel zu stark.