Wirbel um Obama-Biographie "Barry" und die Kiffer-Gang

Erst Auszüge aus dem Tagebuch einer Ex-Freundin, nun Details seiner wilden Jugend auf Hawaii: Eine neue Biographie über den US-Präsidenten bewegt die Amerikaner. Im Internet kursieren Passagen über Obamas Zeit in einer Kiffer-Gang. Geraucht wurde demnach vor allem in einem VW-Bus bei geschlossenen Fenstern und "Barry" hatte ein exklusives Sonderrecht.

Von Matthias Kolb, Washington

Eines ist Barack Obama nicht vorzuwerfen. Im Gegensatz zu Bill "Ich habe nicht inhaliert"-Clinton hat der amtierende US-Präsident nie bestritten, dass er als Teenager Marihuana geraucht hat. "Junkie. Pothead. Dorthin war ich unterwegs, zur endgültigen, tödlichen Rolle des Möchtegern-Schwarzen", schreibt er im fünften Kapitel seiner 1995 erschienenen Autobiographie "Dreams from my father" (deutsch: Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie). Im Buch denkt er an seine Jugend auf Hawaii zurück, als er nach seinem Platz in der Welt suchte: "Haschisch hatte geholfen, Alkohol, manchmal Kokain, wenn das Geld da war."

Dass Obama einst gekifft hat, ist also hinlänglich bekannt, doch nun erfahren Interessierte Details über das Konsumverhalten des Präsidenten. Am Freitag waren Auszüge der erst Mitte Juni erscheinenden Biographie "Barack Obama. The Story" des Washington Post-Reporters David Maraniss auf Google Books aufgetaucht. Kurz darauf veröffentlichte die Website BuzzFeed die Episode über die Kiffer-Jahre des 44. US-Präsidenten.

Zuvor hatte bereits ein anderes Kapitel des Buches für Schagzeilen gesorgt. Die Vanity Fair druckte vorab Passagen ab, in denen es um eine frühere Beziehung Obamas mit einer New Yorkerin geht.

Cannabis-Rauch war kostbar

Obama besuchte als Teenager die exklusive Punahou-Schule auf Hawaii und gehörte zu einer Kiffer-Bande namens "Choom Gang", die gern in einem VW-Bus Joints rauchte. Damit möglichst wenig Rauch verloren ging, mussten die Fenster geschlossen bleiben. Wer - wie einst Clinton - das pakalolo (hawaiianisch für Marihuana) ausatmete, wurde für die nächste Runde ausgeschlossen. "Es wurde nicht toleriert, den guten Marihuana-Rauch zu verschwenden", zitiert Maraniss das Choom-Gang-Mitglied Tom Topolinski. Viele der Jungs gehörten auch zur "Hack-Gang", die für besonders aggressives Basketballspiel bekannt war.

Offenbar war "Barry", wie Obama damals gerufen wurde, in der Gruppe für einige Innovationen verantwortlich: So prägte er den Begriff "T.A." für "total absorption" ("völliges Einsaugen"). Zudem wurde ihm ein Sonderrecht zugestanden. Wenn der Joint kreiste, rief Obama von Zeit zu Zeit laut "Intercepted" ("unterbrochen") und nahm einen Extrazug. Maraniss bemerkt trocken: "Das schien niemand zu stören."

Im konservativen Amerika, etwa bei Fox News oder den Bloggern von Hot Air, sorgen die Enthüllungen für echte und künstliche Aufregung. Diejenigen, die bisher schon dachten, dass Obama unwürdig für das höchste Amt im Staat ist, haben ein weiteres Argument bekommen. Die anderen Medien üben sich eher in Wortspielen: Der Radiosender NPR titelt "Inhale to the Chief", Yahoo schreibt "Bill Clinton he was not" und TIME-Reporter Adam Sorensen wandelt den Titel von Obamas berühmten Buch "Audacity of Hope" (deutsch: Hoffnung wagen) in "Audacity of Dope" ab.

Eine Reaktion des Weißen Hauses ist bisher nicht bekannt. Dass Obamas Kiffer-Erfahrung im Wahlkampf 2008 kaum eine Rolle spielte, liegt laut New York Times vor allem daran, dass er offen darüber sprach und dies nachträglich als "Fehler" bezeichnet hatte. Die Meinungen über Drogenkonsum sind in den hochpolarisierten USA klar verteilt: Während die Konservativen strikt dagegen argumentieren, sind die liberaleren und jüngeren Amerikaner toleranter - gerade was den Marihuanakonsum angeht.

Dem libertären Republikaner Ron Paul fliegen auch deswegen die Herzen vieler junger Wähler zu, weil er für die Legalisierung des Kiffens eintritt. Diese Position wurde 2011 in Umfragen von jedem zweitem Amerikaner geteilt. So nennt es Ethan Nadelmann, der Präsident der Drug Policy Alliance "heuchlerisch", dass Barack Obama als Präsident den mit aller Härte und Milliardenbeträgen geführten War on Drugs fortsetzt.

Die Gefahr geht nicht von den Republikanern aus

Nach den Recherchen von David Maraniss, der in den neunziger Jahren eine preisgekrönte Biographie über Bill Clinton verfasst hat, waren die meisten Mitglieder der "Choom Gang" damals gute Schüler und arbeiten heute als Geschäftsleute, Anwälte oder Schriftsteller. Es ist also eher unwahrscheinlich, dass die Republikaner und ihr Kandidat Mitt Romney die wilde Kiffer-Jugend des Präsidenten im Wahlkampf offensiv ansprechen werden. In anderer Hinsicht könnte die 672 Seiten starke Biographie für den Demokraten jedoch "gefährlich" werden, wie das Insider-Blatt Politico bereits Anfang Mai raunte.

Obama ist ein Kontrollfreak, dem die Bedeutung von Sprache und von Narrativen extrem bewusst ist. Der 50-Jährige hat die eigene Karriere als über der Parteipolitik stehender Hoffnungsträger mit seinem zweiten Buch "The Audacity of Hope" befeuert. Den Eindruck, er habe als Autor unvorteilhafte Details seiner Vergangenheit ausgespart, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken, wollen die Strategen im Weißen Haus unbedingt vermeiden.

Und was denkt David Maraniss, der Autor der Obama-Biographie, über den Hype? Der 63-Jährige, der erst seit kurzem bei Twitter aktiv ist und sich dort als "Journalist/Autor/Großvater" vorstellt, schreibt: "Man kann die Twitterlyrik nicht kontrollieren, aber in dem Buch steckt so viel mehr als Genevieve Cook und die Kiffer-Bande." Das politische Washington ist gespannt.

Linktipp: Weitere Hintergründe über den preisgekrönten Biographen David Maraniss, dessen Arbeitsweise und die New Yorker Jahre von Barack Obama sind in diesem Text des Süddeutsche.de-Wahlblogs nachzulesen. Dort wird auch analysiert, welche Folgen das Buch im Wahlkampf spielen könnte.