Die Berichte deuten zum Beispiel an, wie viel die Amerikaner zu spionieren versuchen. Das überrascht insofern nicht, als Spione zu allen Zeiten von den umzäunten Grundstücken der Botschaften ausschwärmten, sie hießen eben nicht Spion, sondern Attaché. Wenn sich ein US-Diplomat in Berlin von einem deutschen Politiker aus den Koalitionsverhandlungen erzählen lässt, betreibt er keine Spionage. Sich umzuhören ist seine Kernaufgabe. Wenn der Amerikaner aber bei den UN und anderswo Kreditkartendaten sammeln soll, erinnert der Weltpolizist seltsam an Nordkorea.
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Eher Dammbruch als kontrolliertes Leck: 250.000 zum Teil geheime Dokumente aus dem diplomatischen Dienst der USA hat die Website Wikileaks offengelegt. (© AFP)
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Der neueste Datenwust von Wikileaks ist unberechenbar, womöglich sogar gefährlich. Das unterscheidet ihn vom Werk jener Whistleblower, die immer wieder, auch aus Eigennutz, überschaubare Missstände aufgedeckt haben. Deren Treiben mag rechtswidrig sein, wenn sie etwa Liechtensteins Bankgeheimnisse preisgeben, aber sie tun der Gesellschaft einen Gefallen, weil sie industriellen Steuerbetrug offenlegen.
Was aber ist das höhere Interesse daran, die US-Papiere zu veröffentlichen, was ist der Missstand? Die Verlogenheit der Diplomatie? Die Interessenpolitik der Amerikaner? Dass Westerwelle Chefdiplomat ist?
Es ist richtig, sich der Geheimniskrämerei von Behörden zu widersetzen. Wenn Medien dies tun, können sie filtern, einordnen, Persönlichkeitsrechte schützen. Wenn Wikileaks große Mengen Rohmaterial ins Internet stellen sollte, fehlen solche Garantien. Es wäre nicht mehr das kontrollierte Leck, wie es Wikileaks im Namen trägt, sondern der Dammbruch.
Weil es die Technik ermöglicht, kann heute jeder Dokumente veröffentlichen, seine Kollegen oder Arbeitgeber vorführen. Ein Außenministerium aber, das auch intern stets diplomatisch sein muss, funktioniert nicht. Ein Mensch, der niemandem mehr schreiben kann, was er denkt, auch nicht.
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(SZ vom 29.11.2010)
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Geht es um Teflon-Angela oder um FDP-Zuträger aus Koalitionsverhandlungen? Natürlich nicht. Blosgelegt wird durch die Akten die Weltsicht der USA-Administration. Und diese Sicht ist entlarvend weil sie Mittel, Methoden eines Weltpolizisten aufdeckt.
Diese Dokumente triefen vor Überheblichkeit und dem Willen rund um den Globus Washingtoner Sichten und Machtstrukturen durchzusetzen. Man versteht schon die Panik im dortigen Aussenministerium. Man versteht aber auch warum die deutsche Presse das Ganze auf ein paar abfällige Bemerkungen über Politiker des Landes reduziert. Wir bleiben dennoch Freunde. Nur im Kielwasser der USA-Flugzeugträger werden wir Teilhaber der imperialistischen Politik und die wollen wir doch nicht ernsthaft auch noch behindern. Washington stößt schon auf genug Widerstand.
Der sogenannte Geheimnisverrat gefährdet gar nichts. Wenn unser BND das nicht längst schon weiß, sollte man ihn abschaffen. Und der BND wird ja hoffentlich die Minister informieren.
Was gefährdet ist, ist vielleicht der lasche Umgang mit solchen "Geheimpapieren" und Dossiers. Da muss man halt dann doch ein bisschen vorsichtiger sein und das Zeug außerhalb von Computern lagern. Die Mühe, Papier zu fotografieren, zu scannen oder zu kopieren ist doch größer als mit ein paar Klicks ganze Datenfriedhöfe herumzuschieben.
Vielleicht verbessert dieser "Skandal" die Organisation des US-amerikanischen außenpolitischen Informationswesens.
Und vielleicht kann man als einfacher Mensch auch für seinen Alltag daraus was lernen: Zurückhaltung, Ausgewogenheit, weniger beurteilen.
Ich finde es tatsächlich gar nicht in Ordnung, wenn vertrauliche Dokumente jedem aber auch jedem Verbrecher, (potentiellen) Terroristen, Schnüffler, Sensationsgierigem etc. frei zugänglich gemacht werden.
Das heißt nicht, dass ich gegen guten investigativen Journalismus und eine wirksame Kontrolle von Politilern bin - nur finde ich das Vorgehen von Wikileaks noch schlimmer, als wenn die Gauck-Behörde die Stasi-Protokolle ungefiltert und für jedermann frei zugänglich ins Netz gestellt hätte.
Das hat die Gauck-Behörde sehr wohlweislich nicht getan.
"Wissen ist Macht", heißt es so schön und Umgang mit Macht setzt Verantwortungsbewusstsein voraus. Und dieses Bewusstsein scheint mir bei Wikileaks nicht einmal ansatzweise vorhanden zu sein:
1. die Art und Weise der Informationsbeschaffung von Wikileaks (via Spitzel und Hacker) ist sowohl illegal als auch unmoralisch
2. die völlig ungefilterte Veröffentlichung dieser ungeprüften "Informationen" entspricht jeglichem journalistischen Ethos und gefährdet im Extremfall Leben und die Sicherheit Einzelner oder gewisser Gruppen.
Aber: die Masse freut es anscheinend, denn nichts ist so alt und verlockend wie Schadenfreude, Spott- und Sensationslust (bis man selbst einmal betroffen ist, dann schreit man ganz laut nach wirksamen Datenschutz).
Und dass viele derjenigen, die sonst laut nach einem wirksamen Datenschutz rufen, im gleichen Atemzug Wikileaks applaudieren, das kann ich nicht anders finden als heuchlerisch und schizophren. Sorry.
Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel, und der Zweck von Wikileaks ist nicht per se gut. Dafür macht es sich Wikileaks viel zu einfach.
Gefährliches Geschwätz ist nicht die Veröffentlichung von Tatsachen die für die demokratische Meinungsbildung des Einzelnen von Bedeutung sind, gefährlich ist auch nicht das aufgeregte Gegacker von Pseudodemokraten die im 21.Jahrhundert die Umgangsformen elitärer, vordemokratischer Geheimdiplomatie noch für angemessen halten.
Was aber ist das höhere Interesse daran, die US-Papiere zu veröffentlichen, was ist der Missstand, so fragt der Autor des Beitrages und vermag keinen hinreichenden Grund zu erkennen. "Wenn sich der Diplomat aber zurückzieht in sein Büro, den Krawattenknoten lockert", so der Autor, "dann muss er sich schon mal der Wahrheit annähern dürfen."
Herr Richter, es ist genau dies das höhere Interesse dem durch Wikileaks gedient wird. Dass wir uns alle, so wir Demokraten und selbstbestimmte Bürger unserer Zeit sind, der Wahrheit annähern wollen.
Gefährlich für ein demokratisches Gemeinwesen ist nicht die Transparenz, sie ist Grundlage jeder Demokratie. Gefährlich sind da noch eher Journalisten, die das Bloßstellungspotenzial von Wikileaks mehr fürchten als das Potenzial aufzuklären, nur weil ihnen die Umgangsform peinlich ist.
...von Herrn Richter. Die Veröffentlichung dieser Dokumente bestätigt doch nur das, was die Spatzen von den Dächern pfeifen. Daraus eine Staatsaffäre mit Geheimnisverrat zu konstruieren finde ich mehr als übertrieben. Eines muß man allerdings den amerikanischen Diplomaten lassen.....ihre Einschätzungen liegen sehr nahe an der Wahrheit. Die Äußerungen über die deutschen Spitzenpolitiker lassen sich aber auch in diversen Printmedien nachlesen, dazu braucht es die Wikileak-Dokumente nicht.
Paging