Widerstandskämpfer Witold Pilecki Der Mann, der freiwillig in die Hölle von Auschwitz ging

Witold Pilecki bei einem Schauprozess im März 1948 in der polnischen Hauptstadt Warschau. Wenige Wochen später wurde er durch das kommunistische Regime hingerichtet.

Der polnische Widerstandskämpfer Witold Pilecki ließ sich absichtlich in Auschwitz internieren. Seine Berichte aus dem KZ sollten die Alliierten aufrütteln. Später kämpfte er offen gegen die Nazis - und wurde schließlich Opfer des stalinistischen Terrors. Nun erscheinen Pileckis Aufzeichnungen aus dem KZ in deutscher Sprache.

Von Knud von Harbou

Immer wieder tauchten nach dem Krieg Berichte von Überlebenden aus dem KZ Auschwitz auf, die zu Teilen in die sogenannten Auschwitz-Protokolle einflossen. Sie alle gelangten auf Umwegen an den War Refugee Board der Roosevelt-Regierung, die sie im November 1944 veröffentlichte. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen dienten sie als Beweismittel.

Weniger bekannt ist, dass bereits im Oktober 1940 eine polnische Widerstandsorganisation unter Witold Pilecki aus dem KZ Nachrichten an die Untergrundführung in Warschau sandte, welche sie an die Londoner Exilregierung weiterleitete. Einen detaillierten Bericht über die KZ-Organisation erhielt diese auch im November 1942 durch Jan Karski, der kurz in ein Nebenlager von Bełżec eingeschleust wurde. Die Alliierten hatten somit eine präzise Vorstellung über die Funktionsweise der Konzentrationslager.

Sorgten die Berichte von Jan Karski, die in den USA Ende 1944 mit einer Auflage von knapp einer halben Million erschienen, für großes Aufsehen, so blieb die Person Witold Pileckis hierzulande weitgehend unbekannt. Er war ein national-konservativer Armeehauptmann, kämpfte schon 1919/1920 gegen die Bolschewisten und wurde 1939 reaktiviert. Nach dem deutschen Überfall auf Polen ging Pilecki in den Untergrund, wo er eine militärische Widerstandsorganisation mitbegründete, die später in der legendären "Armia Krajowa" (Heimatarmee) aufging.

Im März 1941 wusste London, was in Auschwitz passierte

Als Pilecki erfuhr, dass in der südwestlich von Krakau gelegenen Kleinstadt Auschwitz ein KZ für zunächst polnische politische Häftlinge eingerichtet wurde, ließ er sich bewusst verhaften, um in dieses Lager deportiert zu werden. Von dort aus wollte er Berichte an die polnische Exilregierung schmuggeln und gleichzeitig ein Widerstandsnetz aufbauen. Über einen freigelassenen Häftling gelangte zunächst ein mündlicher Bericht Pileckis nach Warschau, im März 1941 war London erstmals über die Zustände in Auschwitz informiert.

Es war das erste authentische Dokument über den Holocaust. Minutiös und unendlich berührend hält Pilecki das ihn umgebende alltägliche und ihn mehrfach in unmittelbare Lebensgefahr versetzende Grauen fest. Seine im Stil eines unbeteiligten Chronisten verfassten Aufzeichnungen lassen einen verstörten Leser zurück. Auf jeden Fall wollte er den Vorwurf mangelnder Objektivität vermeiden.

Berichte aus der Hölle

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Wie richtig er damit lag, zeigte sich im Misstrauen der Alliierten seinen Nachrichten gegenüber. Ergänzt hatte er diese im Übrigen durch Mitteilungen eines im Herbst 1942 heimlich in Betrieb genommenen Senders. Bekanntermaßen reagierten die Alliierten zögerlich bis gleichgültig, sie hielten seine stenografischen Berichte schlechterdings für übertrieben. Als sich das nicht mehr halten ließ, argumentierten sie mit technischen Gründen: Auschwitz sei zu weit entfernt für Luftangriffe, ein Angriff deshalb "zu riskant".

Pileckis Hoffnungen auf Luftangriffe, mit denen die Logistik des KZ zerstört und ein Aufstand begünstigt werden sollten, blieben unerfüllt. Wie beiläufig erwähnt er einen kleinen sowjetischen Bombenabwurf Anfang September 1942, bei dem die SS-Wachmannschaften immerhin in heillose Panik gerieten. Es blieb indes bei dieser winzigen Hilfsaktion - zumindest in seiner Haftzeit, die bis Ostersonntag 1943 andauerte.

Wohl weil er keine Möglichkeiten alliierter Intervention mehr sah, resignierte er an seiner Funktion als Agent. Mit großem Raffinement und erheblichem Glück - der Sicherheitsdienst fahndete intensiv nach der Untergrundgruppe - gelang ihm die Flucht. Unmittelbar danach legte er sein Wissen in einem stichwortartigen Papier nieder, im Herbst dann eine erweiterte Fassung, den sogenannten Rapport W, und schließlich im Sommer 1945 den vollständigen Bericht, der diesem Buch zugrunde liegt.

Im August 1943 kam Pilecki wieder nach Warschau und trat dort in die Nachrichtenabteilung der Heimatarmee ein. Danach wurde er Mitglied einer geheimen antikommunistischen Organisation, die den Widerstand gegen die bevorstehende sowjetische Besatzung vorbereiten sollte. Während des Warschauer Aufstands im August 1944 geriet er bis Kriegsende unerkannt in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Das Ende des Holocaust

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Nach der Befreiung Polens engagierte er sich erneut als Nachrichtenoffizier, unter anderem sammelte er Beweise für sowjetische Gräueltaten, sodass er vom jetzt stalinistischen polnischen Geheimdienst verhaftet wurde. In einem Schauprozess im März 1948 wurde er wegen "Spionage" zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Erst nach der Demokratisierung Polens erinnerte man sich seiner. In Deutschland blieb er unbekannt. Es hätte dem Buch gutgetan, wenn die historischen Bezüge über das dürftige Vorwort hinaus mit weiterführenden Anmerkungen versehen worden wären. Gleichwohl steht es in einer Reihe mit der ganz großen Literatur über den Holocaust.

Witold Pilecki: Freiwillig nach Auschwitz. Die geheimen Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki. Aus dem Englischen von Dagmar Mallet. Orell Füssli Verlag, Zürich 2013. 256 Seiten, 19,95 Euro.

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