Gregor Gysi über Guido Westerwelle "Wir haben uns schon ein bisschen gemocht"

"Er konnte reden wie ein Weltmeister"

Er war nicht immer seiner Meinung, schätzte aber seine Überzeugung und seine Strahlkraft auf dem Rednerpult. mehr...

Politisch hätten sie gegensätzlicher kaum sein können. Doch der rheinländische FDP-Mann und der Linken-Politiker aus dem Osten teilten nicht nur den Humor, sondern auch so manche Lebenseinstellung.

Interview von Oliver Das Gupta

SZ.de: Herr Gysi, viele Jahre haben Sie sich mit Guido Westerwelle im Bundestag und in Talkshows beharkt. Hat er Sie oft auf die Palme gebracht?

Gregor Gysi: Das kann schon sein. Aber so was verdränge ich ja - erst recht, wenn jemand gestorben ist.

Zum Beispiel in den Neunzigerjahren: Während der Kriege in Rest-Jugoslawien flogen die Fetzen zwischen Ihnen beiden.

Stimmt. Aber selbst wenn wir uns gestritten haben, wurde er nie beleidigend oder ausfallend. Seine rhetorischen Fähigkeiten waren beachtlich. Ich kenne niemanden, der ihm nicht gerne zuhörte. Und noch etwas: Westerwelle konnte auch sehr gut zuhören.

Wie kamen Sie beide persönlich miteinander zurecht?

Wir haben uns schon ein bisschen gemocht, die Chemie hat gestimmt zwischen uns. Er war meistens gut gelaunt, ansteckend fröhlich, er hatte Humor. Das fand ich sehr angenehm. Als er noch Generalsekretär war, hat einer unserer Abgeordneten gesagt: "Wir haben den Generalsekretär abgeschafft, die FDP hat ihn noch." Westerwelle kam zu mir und beschwerte sich, dass dieser Vergleich "unmöglich" sei. 48 Stunden später hatte er es sich überlegt und den Spieß umgedreht: Er erzählte es fortan einfach selbst. Das fand ich prima.

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Politisch waren Sie personifizierte Gegensätze.

In vielem ja, aber wir hatten auch Gemeinsamkeiten. Westerwelle war gleichermaßen tolerant und libertär eingestellt, wie ich es bin.

Seine neoliberale Haltung haben Sie ja weit weniger geschätzt.

Da standen wir einander diametral gegenüber, stimmt. Aber Westerwelle darauf zu reduzieren wäre falsch.

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Westerwelle wurde vorgehalten, er habe die ökonomische Ausrichtung der FDP zementiert.

Das sehe ich etwas anders. Anders als Otto Graf Lambsdorff Anfang der neunziger Jahre förderte Westerwelle auch den politischen Liberalismus. Das war und ist und bleibt in Deutschland sehr wichtig. Westerwelle hat dafür gesorgt, dass Leute wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wieder einen Platz in der FDP gefunden haben.

Jenseits vom Liberalismus: Was bleibt politisch von Westerwelle?

Als Außenminister hat er auf die außenpolitische Selbstbeschränkung Deutschlands gesetzt. Aus diesem Grund hat sich die Bundesrepublik beim Libyen-Krieg der Stimme enthalten, was zur Folge hatte, dass wir in diesem bewaffneten Konflikt nicht verstrickt wurden. Das war eine Leistung. Wenn wir die Entwicklung in Libyen ansehen, sollten wir Westerwelle sehr dankbar sein.