Die Weiße Rose "Sophie Scholl hatte wahnsinnige Angst"

Heute vor 90 Jahren kam die NS-Gegnerin Sophie Scholl zur Welt. Zeitzeugin Lilo Fürst-Ramdohr kannte die Widerstandskämpferin - sie waren in denselben Mann verliebt.

Interview: Oliver Das Gupta

Lilo Fürst-Ramdohr, Jahrgang 1913, gehörte zum engeren Freundeskreis der "Weißen Rose". Sie war eingeweiht in Interna der studentischen Widerstandsgruppe gegen den NS-Staat, beteiligte sich allerdings nicht unmittelbar an den Aktionen. Mit Alexander Schmorell, der später hingerichtet wurde, verband sie eine innige Freundschaft. Sie versteckte Flugblätter, stellte den Kontakt zwischen der "Weißen Rose" und dem Umfeld der kommunistischen Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" her und half Schmorell dabei, die Schablonen für die Wandparole "Nieder mit Hitler" anzufertigen. Sie unterstützte ihn auch bei seinem missglückten Fluchtversuch. Die Gestapo-Vernehmer nahmen Ramdohr ab, eine naive Nichtwisserin zu sein, auch Schmorell und die anderen verhafteten Widerstandskämpfer deckten sie.

Zeitzeugin Lilo Fürst-Ramdohr als junge Frau

(Foto: Oliver Das Gupta)

Ihr in kleiner Auflage erschienenes Erinnerungsbuch "Freundschaften in der Weißen Rose" ist längst vergriffen, Fürst-Ramdohrs Enkel bereitet es derzeit wissenschaftlich auf und sucht noch einen Verlag.

Die heute 97-Jährige lernte auch Sophie Scholl kennen, die als "Weiße-Rose"-Mitglied ebenso wie ihr Bruder Hans, Schmorell und anderen hingerichtet wurden. Im Gespräch mit sueddeutsche.de erinnert sich Lilo Fürst-Ramdohr an Sophie Scholl, die vor 90 Jahren, am 9. Mai 1921, zur Welt gekommen ist.

sueddeutsche.de: Frau Fürst-Ramdohr, ich möchte mit Ihnen über Sophie Scholl sprechen.

Lilo Fürst-Ramdohr: Ich muss gleich sagen, dass ich Sophie nicht so gut kannte wie ihren Bruder Hans.

sueddeutsche.de: Aber Sie sind einer der ganz wenigen noch lebenden Menschen, die erzählen können, wie Sophie Scholl war. Wie und wann haben Sie sie kennengelernt?

Fürst-Ramdohr: Das war bei einer Hochzeit, das war wohl Spätsommer 1941. Alex Schmorell und ich waren erst kurz befreundet. Er hatte mir bei einem Besuch im Tiergarten erzählt, dass er eingeladen ist und mich gefragt, ob ich mitkommen will. Bei der Feier in einem Münchner Biergarten waren die Mitglieder der Weißen Rose alle dabei - Christoph Probst, Willi Graf, Hans Scholl und eben auch Sophie. Sie hat zuerst mit ihrem Bruder getanzt.

sueddeutsche.de: Sie waren älter und deutlich lebenserfahrener als Sophie, Ihr erster Mann war kurz zuvor gefallen. Wie war Ihr Verhältnis zu der fast acht Jahre jüngeren Studentin?

Fürst-Ramdohr: Sie wollte mich näher kennenlernen, sagte Alex, aber ich hatte damals einfach zu viel zu tun, es war schließlich Krieg. Mit ihrem Bruder Hans hatte ich mehr zu tun als mit Sophie, vielleicht lag das auch am Altersunterschied. Ich habe mich damals eher an Gleichaltrige angeschlossen, Sophie war ja noch so jung. Einmal besuchte sie mich in München-Neuhausen, und wollte mit mir über das Malen sprechen. Aber der wahre Grund war wohl ein anderer: Sie war in Alex verknallt und wollte mehr über die Frau erfahren, mit der er so viel Zeit verbrachte.

sueddeutsche.de: War sie eifersüchtig auf Sie?

Fürst-Ramdohr: Ein bisschen. Aber sie war nicht unfreundlich zu mir. Ihre Verliebtheit lief ja auch eher im Verborgenen ab. Wissen Sie, Alex war ein schöner Mann mit einer tollen Ausstrahlung. Viele Frauen lagen ihm zu Füßen.

sueddeutsche.de: Waren Sie auch in Schmorell verliebt, Frau Ramdohr?

Fürst-Ramdohr: Am Anfang nicht, später war ich schon angetan. Aber hinterher habe ich vor allem den guten Freund vermisst, denn eines sage ich Ihnen: So einen Freund gibt es nicht wieder. Er war so zuverlässig und aufmerksam.