Wahl in Großbritannien "Ich glaube Theresa May kein Wort"

Theresa Mays Vorsprung in den Umfragen schwindet - das freut Linksaktivist Owen Jones besonders.

(Foto: AFP/Getty)

Youtube-Star Owen Jones ist für Hunderttausende Briten eine linke Stimme der Vernunft. Der umtriebige Aktivist erklärt, wie er junge Leute für Labour begeistern will und der Brexit die politische Debatte vergiftet.

Von Matthias Kolb, London

Owen Jones ist überall und nirgends. In den Tagen vor der Parlamentswahl in Großbritannien scheint der 32-jährige Youtube-Star kaum zu schlafen, so aktiv ist er im Internet und in der echten Welt. Der britische Linksaktivist reist kreuz und quer über die Insel, um Labour-Politiker zu unterstützen und kommentiert auf Twitter im Minutentakt für seine 570 000 Follower das Geschehen im Wahlkampf. Daneben dreht er Videos für seinen Youtube-Kanal "Owen Talks", schreibt Kolumnen für den Guardian und moderiert dort den täglichen "Daily Election"-Podcast.

Im Anschluss an dessen Aufzeichnung sitzt Jones in der Cafeteria der linksliberalen Zeitung. Er hat Tee bestellt und berichtet über den laufenden Wahlkampf, der plötzlich sehr spannend geworden ist. Der große Vorsprung der konservativen Tories von Premierministerin Theresa May ist dahin, was den schlaksigen Mann mit den kurzen blonden Haaren ungemein freut. May habe es zur Kunstform gemacht, heute etwas zu sagen und später das genaue Gegenteil zu tun, sagt Jones.

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"Ich glaube Theresa May kein einziges Wort", ruft er und zählt ihre Versäumnisse auf. Ihr Versprechen, keine Neuwahl auszurufen? Gebrochen. Ihre Ankündigung, die Netto-Einwanderung auf unter 100 000 pro Jahr zu senken? "Was immer man davon hält: Sie kommt nicht in die Nähe dieser Marke und verspricht es wieder." Brisant war die Debatte um die "Demenz-Steuer" - psychisch Kranke sollten sich laut Wahlprogramm der Tories mehr an den individuellen Pflegekosten beteiligen, um die Steuerzahler zu entlasten (Details hier). Der Aufschrei war ohrenbetäubend, May musste eine Kehrtwende machen.

Dass May sich zu einer Königin der Kehrtwendungen entwickelt hat, da sind sich alle Beobachter einig. Aber Jones, der nahe Manchester geboren wurde, sieht sich sowieso nicht als Analyst, sondern als Aktivist. Stolz bezeichnet er sich als "Sozialist der vierten Generation" und will vor allem junge Briten für Politik interessieren. Also tritt er mit Popmusikern auf oder dreht Videos mit dem Reality-TV-Star Joey Essex ("der wusste nicht mal, wer Premier ist, als wir anfingen"). In seinen Videos wendet er sich stets direkt an seine Fans - sie sollen etwa am Wahltag von Tür zu Tür gehen.

Owen Jones hängt sich so rein, weil er überzeugt ist, dass die junge Generation besonders unter den Folgen der Finanzkrise leidet - Banken wurden im Vereinigten Königreich mit Milliarden gerettet, die anderswo gespart werden mussten. Die Tories setzen eine Austeritätspolitik durch, um das Defizit zu reduzieren - doch die Rentner und älteren Bürger seien geschont worden.

"Die Uni-Gebühren wurden verdreifacht, also türmen viele Studenten Schulden auf. Die Unterstützung für junge Leute aus der Arbeiterklasse wurde gestrichen, zudem viele andere Angebote", zählt der 32-Jährige auf. Auch Uni-Abolventen fänden oft keine sicheren Jobs mehr und der Traum eines Eigenheims rücke in weite Ferne: "Ich weiß, in Deutschland ist das anders, aber in der britischen Gesellschaft ist home ownership entscheidend für den Stellenwert in der Gesellschaft."