Waffenexporte Kinder schießen mit deutschen Gewehren

Ein Unicef-Transitzentrum für frühere Kindersoldaten im ostkongolesischen Goma.

(Foto: dpa)
  • Das Bündnis Kindersoldaten stellte eine Studie vor, die den Zusammenhang zwischen deutschen Waffenexporten und dem Einsatz von Kindersoldaten untersucht.
  • Im vergangenen Jahr genehmigte die Bundesregierung dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge Kleinwaffenexporte in Höhe von 47 Millionen Euro.

Michael Davis weiß, wovon er spricht. Als 16-Jähriger wurde er in Sierra Leone von einer Rebellengruppe zwangsrekrutiert und kämpfte als Kindersoldat. Sie gaben ihm eine Waffe in die Hand und er hat geschossen. "Ich habe ein G3-Gewehr benutzt", sagt er. Das G3 gehört zu den häufigsten Sturmgewehren der Welt. Hergestellt wird es von der deutschen Rüstungsfirma Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar.

Nach vier Jahren an der Front gelang Davis die Flucht, inzwischen lebt der heute 38-Jährige in Deutschland und engagiert sich im Deutschen Bündnis Kindersoldaten, einem Zusammenschluss von Terre des hommes, Brot für die Welt und weiterer Organisationen. Vergangene Woche stellte das Bündnis in Berlin eine Studie vor, die den Zusammenhang zwischen deutschen Waffenexporten und dem Einsatz von Kindersoldaten untersucht. Etwa eine Viertelmillion Minderjährige kämpfen Schätzungen zufolge in den Konflikten der Welt. Und fast überall, wo geschossen wird, trägt ein Teil der Waffen das Label "Made in Germany".

Der Bericht versucht anhand mehrerer Fallbeispiele aufzuzeigen, auf welchen Wegen deutsche Waffen in die Hände von Kindern gelangen. "Im kolumbianischen Bürgerkrieg haben alle bewaffneten Gruppen Kindersoldaten rekrutiert", sagt Ralf Willinger, der Sprecher des Bündnisses. Einige dieser Gruppen seien auch nach dem Friedensabkommen zwischen Regierung und Farc-Rebellen weiter aktiv. Ihre Waffen haben sie teilweise aus alten Armeebeständen.

Bis in die 1980er-Jahre lieferte Heckler & Koch Gewehre und Maschinenpistolen an die kolumbianischen Streitkräfte. Heute seien in Kolumbien auch Pistolen der Hersteller Walther aus Ulm und Sig-Sauer aus Eckernförde weit verbreitet. Diese würden über Drittstaaten wie etwa den USA illegal ins Land geschmuggelt, vermutet Christopher Steinmetz vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Studien, der die Studie im Auftrag des Bündnisses Kindersoldaten geschrieben hat.

12 000 Sturmgewehre und 20 000 Handgranaten

Auch in Syrien und im Irak "gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass Minderjährige auf Seiten der Aufständischen rekrutiert werden", schreibt Steinmetz mit Verweis auf zahlreiche Berichte der Vereinten Nationen. Trotzdem liefere Deutschland Waffen an die Autonomiebehörde der Region Kurdistan im Irak: in den Jahren 2014 bis 2016 unter anderem je 12 000 Sturmgewehre der Typen G3 und G36, mehr als 400 Panzerfäuste und 20 000 Handgranaten. Die Lieferungen seien "an geringe Auflagen gebunden", so dass nicht sichergestellt sei, dass sie nicht auch an andere Konfliktparteien gelangen.

Christopher Steinmetz gelingt es in seiner Studie jedoch nicht, im Einzelfall zu belegen, wie viele Kindersoldaten in den einzelnen Regionen mit deutschen Waffen kämpfen. Auch lässt sich anhand der Studie nicht nachvollziehen, auf welchen Wegen die Waffen zu den Kriegsparteien kommen. Aber dass in vielen Konflikten mit deutschen Waffen geschossen wird, auch dort, wo Kindersoldaten kämpfen, ist kaum umstritten.

"Kleinwaffen und Munition sollten gar nicht mehr exportiert werden dürfen, weil die Weitergabe überhaupt nicht kontrolliert werden kann", fordert daher Ralf Willinger vom Bündnis Kindersoldaten. "Auch die Vergabe von Produktionslizenzen ins Ausland sollte nicht mehr stattfinden." Das Heckler & Koch-Gewehr G3 wird beispielsweise nicht nur in Deutschland, sondern auch in Iran, Mexiko und Saudi-Arabien gefertigt.

Im vergangenen Jahr genehmigte die Bundesregierung dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge Kleinwaffenexporte in Höhe von 47 Millionen Euro, ein Anstieg von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zu Kleinwaffen zählen etwa Pistolen, Gewehre und Handgranaten. Ein Drittel davon ging an sogenannte Drittstaaten, also Länder, die weder Nato- noch EU-Mitglied sind. Darunter waren der Irak, der Oman und Indonesien. Insgesamt sank der Wert der genehmigten Rüstungsexporte von 7,9 auf 6,9 Milliarden Euro.

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