Kosovo-Premier Thaci Organhandel, Mord und illegale Geschäfte

Der Europarat wirft dem Regierungschef des Kosovo vor, während des Krieges in schwerste Verbrechen verwickelt gewesen zu sein. Hashim Thaçi wehrt sich - und widmet sich lieber der Regierungsbildung.

Von Enver Robelli

Die EU-Justizmission Eulex im Kosovo hat sich bereit erklärt, zu Vorwürfen des illegalen Organhandels durch Angehörige der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK Ermittlungen aufzunehmen. In einer Erklärung am Wochenende heißt es, die EU-Staatsanwälte hätten eine erste Untersuchung eingeleitet. Ein Bericht des Europarats, der in der vergangenen Woche von dessen Parlamentarischen Versammlung in Straßburg angenommen wurde, bezeichnet den Regierungschef des Kosovo, Hashim Thaçi, als "Boss" einer mafiaähnlichen Organisation, die während und nach dem Krieg vor elf Jahren in schwerste Verbrechen verwickelt gewesen sei. In einer Resolution fordert der Europarat die internationale Gemeinschaft auf, diesen Vorwürfen nachzugehen.

Laut dem Bericht, den der Schweizer Dick Marty verfasste, hat die UÇK Gefangene - Serben und kosovo-albanische Kollaborateure - nach Albanien verschleppt, dort getötet und ihre Organe auf dem Schwarzmarkt verkauft. Handfeste Beweise für seine Anschuldigungen liefert Marty nicht, aber einige Indizien. Er verstehe sich als "Denunziant" und nicht als Untersuchungsrichter, sagt der ehemalige Tessiner Staatsanwalt. Da der Zeugenschutz im Kosovo nicht gewährleistet ist, will Marty laut lokalen Medien zuerst mit der Eulex über die Sicherheit seiner Gesprächspartner verhandeln, die ihm Informationen über mutmaßliche Verbrechen von UÇK-Mitgliedern gegeben haben. Nicht nur Marty belastet Thaçi. In einem Nato-Papier, das vergangene Woche einigen westlichen Medien zugespielt wurde, heißt es, der frühere UÇK-Führer sei einer der "größten Fische" der organisierten Kriminalität im Kosovo.

Trotz dieser Vorwürfe will Thaçi, dessen sogenannte Demokratische Partei (PDK) die umstrittene Parlamentswahl Anfang Dezember gewonnen hatte, noch vor dem dritten Jahrestag der Unabhängigkeit am 17. Februar eine neue Regierung bilden. Ob ihm das gelingt, ist unklar, weil westliche Diplomaten ein Kabinett mit "sauberen Händen" fordern. Mehrere einflussreiche Parteigänger Thaçis stehen unter Korruptionsverdacht.

Die Organhandel-Vorwürfe gegen die UÇK sind nicht neu. Eine oberflächliche Untersuchung des UN-Kriegsverbrechertribunals im nordalbanischen Burrel verlief 2004 ergebnislos, ein Jahr später wurden einige angebliche Beweise wie Spritzen und leere Medikamentenflaschen in Den Haag vernichtet. Das Dossier wurde zu den Akten gelegt. Doch 2008 veröffentlichte Carla Del Ponte ein Buch über ihre Amtszeit als Chefin der Haager Anklagebehörde. Darin äußert sie den Verdacht, dass die UÇK möglicherweise in Organhandel verwickelt gewesen sei. Warum sie jahrelang darüber geschwiegen hat, erklärte Del Ponte nicht. Dieses Verhalten bezeichnen ehemalige Mitarbeiter des UN-Gerichts als unverantwortlich.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch fordert nun, dass die Ermittlungen von einem unabhängigen Ankläger durchgeführt werden. Zudem sei die internationale Gemeinschaft verpflichtet, die Zeugen zu schützen. Kurz nach der Veröffentlichung des Europarat-Berichts im Dezember hatte Thaçi allen albanischen Gesprächspartnern von Dick Marty gedroht. Er habe Beweise, wer Marty mit Informationen versorgt habe. Diese werde er eines Tages publik machen: "Viele werden sich schämen." Hochrangige Politiker in Albanien nannten Marty einen "Scharlatan", der im Dienste der russisch-serbischen Allianz stehe und stets gegen die Unabhängigkeit des Kosovo gewesen sei.

Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sagte Thaçi, der Bericht des Europarats enthalte viele Lügenmärchen und stütze sich auf Gerüchte vom Hörensagen. "Die Art und Weise, wie Marty seinen Bericht geschrieben hat, erinnert mich an die Propaganda von Joseph Goebbels. Der Unterton dieses Pamphlets ist rassistisch. Herr Marty beleidigt das ganze albanische Volk und versucht, unseren Freiheitskampf gegen die serbische Unterdrückungspolitik zu kriminalisieren", sagte der kosovarische Premier. Er habe nichts zu verbergen und sei offen für neue Ermittlungen.

Die nationale Mobilmachung gegen den Bericht wird von unabhängigen Kommentatoren im Kosovo und in Albanien heftig kritisiert. Dass die UÇK Foltergefängnisse in Albanien hatte, gilt als sicher. Im vergangenen Mai hat die Polizei der EU-Mission den ehemaligen UÇK-Kämpfer Sabit Geci verhaftet, der zwischen April und Juni 1999 in Nordalbanien Kriegsverbrechen begangen haben soll. Dort sollen Mitarbeiter des serbischen Regimes sowie Anhänger des pazifistischen Präsidenten Ibrahim Rugova brutal gequält worden sein.

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