Vorwahl der US-Demokraten Sanders oder nichts

Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders in Santa Barbara, Kalifornien.

(Foto: REUTERS)

Unter #BernieOrBust schwören Zehntausende ihre Treue zu Sanders. Barbara Newsome ist eine von ihnen: Sie wittert eine Verschwörung und will beim Parteitag gegen Clinton protestieren.

Protokoll von Matthias Kolb, Harrisburg

Barbara Newsome ist begeistert von Bernie Sanders und seiner "politischen Revolution". Die 64-Jährige verbringt jede freie Minute damit, Wahlkampf für den Senator aus Vermont zu machen. Sie ist als Online-Aktivistin bei Twitter und Facebook aktiv und gehört zu jener Gruppe, die unter dem Hashtag #BernieOrBust schwört, unter keinen Umständen für Hillary Clinton zu stimmen.

Dass die Ex-Außenministerin einen fast uneinholbaren Vorsprung bei den Delegierten und drei Millionen mehr Stimmen erhalten hat, überzeugt sie nicht - das Vorwahl-System sei undemokratisch. Auch Sanders gibt nicht auf und macht im letzten großen Vorwahlstaat Kalifornien Wahlkampf (hier ein Pro und Contra der SZ-Redaktion).

Im Sommer 2008 kündigten Hillary-Fans unter dem Motto PUMA ("Party Unity My Ass") an, nie Obama zu unterstützen. Es kam anders; auch heute ist das Szenario "Übergroße Mehrheit der Sanders-Fans wählt Clinton, weil Trump viel schlimmer ist" am wahrscheinlichsten. Der folgende Text dokumentiert ein langes Gespräch mit Barbara Newsome aus Pennsylvania. Mitunter wischt sie sich Tränen aus den Augen, wenn sie über "Bernie" und ihre Mitstreiter spricht. Ihre Aussagen verraten nicht nur, dass viele Linke Hillary Clinton misstrauen; Tweets und Facebook-Posts zeigen, wie soziale Medien politisch mobilisieren - und wie verbreitet Verschwörungstheorien sind.

"Im Sommer 2015 sah ich bei Facebook einen Artikel über Bernie. Der Text war interessant und danach habe ich recherchiert, auf Websites wie Open Secrets und Snopes. Ich dachte mir: "Wo war dieser Kerl die ganze Zeit?" Es ist erfrischend anders, was er machen will und ich wollte unbedingt dabei sein.

Rückblickend ärgere ich mich, dass ich mich damals meiner Tochter als Babysitterin angeboten habe, denn sonst würde ich für ihn durchs Land reisen. Ich sehe jetzt klar, dass die Konzerne dieses Land gekapert haben. Bernie Sanders ist der Einzige, der die Wahrheit aussprechen kann, weil er keine Spenden von Firmen und irgendwelchen Milliardären annimmt.

Ich mache seit Februar Wahlkampf für Bernie. Ich habe mögliche Wähler im ganzen Land angerufen und ihnen von seinen Plänen erzählt. Es schockiert mich, dass so viele Amerikaner unter Schulden begraben werden: Alte Menschen halbieren ihre Tabletten, weil das Geld nicht reicht. Millionen hungern und Kriegsveteranen schlafen auf der Straße. Das ist ein Albtraum, über den niemand spricht.

Die meiste Zeit verbringe ich damit, Informationen über Bernie bei Twitter und Facebook zu posten. Diese Kampagne wird nicht im Fernsehen übertragen, sondern sie wird getweetet und in den sozialen Medien geteilt. Mainstream-Medien wie CNN, MSNBC, Fox oder ABC ignorieren ihn, weil sie privaten Investoren gehören. Die wollen, dass sich nichts ändert. Wenn die Sender so viel über ihn berichten würden, wie er Stimmen bekommt, dann hätte Hillary längst verloren.

Zu Bernies Auftritten kommen Zehntausende, aber die Medien übertragen lieber Trump. Ich sage allen: Nutzt keine Mainstream-Medien, sie kümmern sich nicht um eure Interessen. Ich war früher Beamtin, nun bin ich in Rente. Dass er den Wahlkampf nur mit Kleinspenden finanziert, macht mich stolz. Immer wenn ich mich über Hillary Clinton oder die Funktionäre vom Democratic National Committee (DNC) aufrege, überweise ich zwischen fünf und 30 Dollar, manchmal mehrmals am Tag. Das DNC unternimmt alles, um Bernies Erfolg zu verhindern."

Das Verhältnis zwischen Sanders und dem DNC ist angespannt: Der 74-Jährige machte als Unabhängiger Karriere und trat erst kürzlich der Partei bei. Bernie-Fans sind sauer, weil die meisten TV-Debatten am Wochenende stattfanden: Das geringe Interesse nutze der etablierten Clinton. Die closed primaries, bei denen nur Mitglieder abstimmen dürfen, gelten ihnen als undemokratisch: Sanders war oft erfolgreich, wenn auch Unabhängige abstimmen dürfen.

Dass 15 Prozent der Delegierten beim Parteitag aus Funktionären und Insidern (superdelegates) bestehen, verzerrt das Ergebnis der Vorwahlen etwas - allerdings sind diese Regeln seit Jahren bekannt. Sie wurden nicht heimlich geändert. Dass DNC-Chefin Debbie Wasserman Schultz die Rivalität eher anheizte, als sich um Ausgleich zu bemühen, ist unbestritten. Sanders selbst trägt jedoch auch nicht zur Deeskalation bei: Er ruft zur Wahl von Wasserman Schultz' Herausforderer auf, was einer Kriegserklärung gleicht.

"Warum soll es unmöglich sein, kostenlose Hochschulbildung einzuführen? Wir hatten das schon mal, in den Fünfzigern. Es stimmt nicht, dass Bernie free stuff verschenken will - es geht darum, die Steuergelder anders einzusetzen und dass Reiche mehr beitragen. Ich habe drei Enkel: Sie sind sieben und fünf Jahre alt, der kleinste ist drei Monate. Es geht mir auch um ihre Zukunft - und ein 15-Dollar-Mindestlohn, Krankenversicherung und Mutterschutz sind unbedingt erstrebenswert.

Die Demokraten haben die Arbeiter und normalen Leute vergessen. Sie glauben, dass diese Gruppen immer für sie stimmen werden, weil die Republikaner zu radikal sind - und daher kämpfen sie nicht mehr für ihre Anliegen. Auch die Demokraten wollen den großen Firmen und Banken helfen. Wer hat denn mit der Deregulierung der Wall-Street-Banken begonnen? Bill Clinton. Seine Frau ist das Symbol für diese corporate Democrats. Sie ist Teil des Establishments - nur ein Außenseiter wie Bernie kann die Partei erneuern.

Was ich über Hillary Clinton denke? Ich hatte Mitleid mit ihr, als all die Affären ihres Mannes bekannt wurden. So etwas hat keine Frau verdient. Aber wenn man sich ihre Vergangenheit genauer ansieht, wird klar, wie oft sie falsch lag und dass sie eine Gaunerin war (wie Donald Trump verwendet sie den Ausdruck "crooked"; Anm. d. Red). Ich vertraue ihr nicht, sie hat zu oft ihre Meinung gewechselt und bricht Versprechen. Man sieht das doch ständig: Im März haben sie und Bernie vereinbart, dass es vor der Wahl in Kalifornien eine TV-Debatte gibt - und nun kneift sie einfach.

In der Familie streiten wir regelmäßig wegen Hillary: Meine Schwester hat schon 2008 für sie Wahlkampf gemacht und steht auch 2016 hinter ihr. Aber sie hat keine guten Argumente, außer diesem: 'Ich will eine Frau im Weißen Haus sehen.' Viele ältere Frauen denken so. Aber das ist die falsche Motivation - ich will für die richtige Person stimmen und für jemanden, der gewinnen kann. Alle Umfragen zeigen, dass Bernie gegen Trump gewinnt - während Hillary verlieren würde. Die superdelegates müssen das berücksichtigen, denn sonst verlieren die Demokraten das Weiße Haus."

Die Zahlen sind eindeutig: In vielen Umfragen gewinnt Bernie Sanders deutlich gegen Donald Trump. Im Schnitt hat er 10,8 Punkte Vorsprung. Doch es gibt mehrere Einwände: Erstens sind landesweite Erhebungen nicht wirklich aussagekräftig, es ist zweitens noch fast ein halbes Jahr hin bis zur Wahl und drittens haben weder Clinton noch die Republikaner Sanders' Vergangenheit richtig unter die Lupe genommen. Es gab kaum Werbevideos, die aufzählen, wie oft der 74-Jährige deutlich höhere Steuern oder eine drastische Kürzung des Militärbudgets gefordert hat.

"Der Erfolg von Donald Trump wundert mich nicht, denn die Mainstream-Medien haben ja wahnsinnig viel über ihn berichtet. Er hätte mehrere Milliarden ausgeben müssen, um mit Werbespots den gleichen Effekt zu erzielen. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob Trump nicht einfach nur angetreten ist, um den Clintons das Weiße Haus zu schenken - er regt viele Leute so sehr auf, dass sie gar nicht mehr auf Hillary achten.

Ich kann verstehen, dass auch Demokraten plötzlich Donald Trump gut finden. Er kritisiert vieles, was falsch läuft, da ähnelt er Bernie. Trump sucht aber nur Sündenböcke: Mexikaner sind schuld an den fehlenden Jobs, Muslime sind schuld am Terror. Schwarze und Frauen, die beleidigt er einfach. Er macht die Leute noch wütender. Wir Bernie-Fans sind auch wütend. Der Unterschied ist nur, dass wir nach echten Lösungen suchen und die Dinge verbessern wollen.

Kann Donald Trump Präsident werden? Ich glaube das nicht, wir Amerikaner lassen das nicht zu. Ich mache mir heute keine Gedanken, wie ich mich zwischen ihm und Hillary entscheiden würde. Ich bin überzeugt, dass Bernie gewinnen kann. Hoffentlich wird Clinton wegen der E-Mail-Affäre angeklagt, dann könnte sie sowieso nicht nominiert werden.

Was nach der letzten Vorwahl am 14. Juni in Washington D.C. passiert? Ich bin überzeugt, dass weder Hillary noch Bernie die Mehrheit der Delegierten haben werden - es geht also um die superdelegates. Der Parteitag Mitte Juli in Philadelphia, das wird eine contested convention, mit offenem Auszug. Ich werde ganz sicher hinfahren, das ist nur eine Stunde mit dem Zug.

Ich bin nicht als Delegierte entsandt, ich werde demonstrieren und protestieren. Wenn sie mich verhaften und ins Gefängnis werfen, ist mir das egal. 1968, beim Demokraten-Parteitag in Chicago, gab es wegen des Vietnamkrieges große Proteste und Straßenschlachten. Dieses Mal wird alles zehn Mal größer, wir wollen, dass eine Million Bernie-Fans nach Philadelphia kommen. Ich habe mein Leben lang gekämpft, ich werde alles tun, was ich kann, damit Bernie Sanders Präsident wird. Aufgeben ist keine Option."

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