US-Wahl "Alles, nur nicht Hillary"

Dunkle Zukunft mit Hillary - Anhänger von Bernie Sanders demonstrieen in Philadelphia.

(Foto: AFP)

Die Anhänger von Bernie Sanders sollten nun Clinton unterstützen. Doch die jüngste Mail-Affäre bei den Demokraten hat den Unmut unter den Parteilinken verschärft.

Von Sacha Batthyany, Philadelphia

Mit offenem Mund steht Larry Sanders zwischen all den Demonstranten und kann kaum fassen, was sein Bruder Bernie angerichtet hat. Tausende, meist junge Männer und Frauen, ziehen an diesem Sonntag durch Philadelphias Innenstadt und protestieren friedlich gegen Korruption im Wahlkampf, gegen Fracking, Klimaerwärmung und internationale Handelsverträge wie TTIP. Bernie Sanders sei ihr Leader, sagen sie. Er habe eine Bewegung geschaffen, "eine Revolution ausgerufen", und ihnen gezeigt, dass sie gemeinsam die Welt verändern können. "Bernie! Bernie!", rufen sie. Für Larry, den Bruder, ist das alles "unglaublich."

Larry Sanders, 82, lebt in England, den Aufstieg seines Bruders zum Helden der Linken hat er am Fernsehen mitverfolgt. Er ist von den Democrats Abroad, den Demokraten im Ausland, zu Bernies Delegierten gewählt worden, deshalb ist er jetzt nach Philadelphia zum Nominierungsparteitag gereist. "Die Revolution meines Bruders ist noch nicht vorbei", sagt er. "Sie fängt gerade erst an."

Die Anhänger von Sanders stehen vor einem Dilemma

Diesen Satz hört man unter Sanders-Anhängern an jeder Ecke. Auch die Hollywood-Schauspielerin Susan Sarandon spricht davon. Sie hat sich in den vergangenen Monaten für den Senator aus Vermont stark gemacht hat. Was Bernie Sanders geschaffen habe, sagt sie, verschwinde nicht einfach über Nacht, nur weil er in den Vorwahlen gegen Hillary Clinton unterlag. "Dafür sind wir zu viele", sagt Sarandon, dafür sei die Wut auf die "korrupten Politiker in Washington" zu groß. "Sanders gab uns die Hoffnung zurück. Falls wir diesen Wahlkampf nicht gewinnen, gewinnen wir eben in vier Jahren."

Die Progressiven Amerikas, die für Sanders in diesen Tagen durch die Straßen Philadelphias ziehen, stehen vor einem Dilemma. Sie verachten Clinton, so wie es die Konservativen tun. Sie vertrauen ihr nicht, weil sie eine Marionette der Wallstreet sei, und bezeichnen die frühere Außenministerin als Kriegstreiberin. Den republikanischen Kandidaten Donald Trump aber halten sie für einen Faschisten, den man mit allen Mitteln stoppen müsse. Wem also geben sie im Herbst ihre Stimme?

Mitte Juli hat Bernie Sanders seinen Anhängern zwar nahegelegt, sie sollen Hillary Clinton unterstützen. "Sie hat die Vorwahlen gewonnen, jetzt soll sie mit unserer Hilfe auch ins Weiße Haus", sagte der Senator. Doch einige Demonstranten weigern sich, seinem Ruf zu folgen. "Alles, nur nicht Hillary", lautet die Devise, der Satz steht auf vielen Transparenten. Einige ziehen es vor, der Wahl fernzubleiben, andere wollen Jill Stein von der Grünen Partei unterstützen.

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Die Webdesignerin Lara Richardson, 46, ist mit ihrem "Bernie-Bus" von Kalifornien nach Philadelphia geruckelt, 46 00 Kilometer in zwei Wochen, nur um Sanders, der am Montagabend seine Rede hielt, sprechen zu hören. "Bevor ich Clinton wähle, wähle ich lieber Trump", sagt Richardson. Trump halte sie für einen Feigling mit einer großen Klappe, Clinton aber werde die Welt ins Chaos stürzen. "Sie hat als Außenministerin schon den Nahen Osten destabilisiert", ist sich Richardson sicher: "Sie hinterlässt nichts als verbrannte Erde."

Die jüngsten Ereignisse innerhalb der Demokratischen Partei haben den Unmut der Demonstranten auf Clinton, vor allem aber auf das Establishment der Partei zusätzlich verschärft. Am Sonntag ist die Vorsitzende Debbie Wasserman Schultz zurückgetreten, nachdem die Enthüllungsplattform Wikileaks knapp 20 000 gehackte E-Mails veröffentlicht hatte, aus denen hervorgeht, wie stark die Parteifunktionäre von Anfang an die Kandidatur Clintons bevorzugten.

So sollte für die Vorwahlen in Kentucky und West Virginia das Gerücht gestreut werden, Sanders sei Atheist, was bei den vielen Baptisten in diesen Staaten schlecht ankäme. Sanders und seine Anhänger hatten im Wahlkampf wiederholt beklagt, dass die Vorwahl-Prozedur systematisch manipuliert worden sei, nur schenkte man Sanders damals kaum Glauben. Durch die Enthüllung der E-Mail-Korrespondenz hat der Senator aus Vermont nun recht bekommen.

Viele denken, dass die Vorwahlen ein abgekartetes Spiel waren

"Mich überrascht das gar nicht", sagt die Sanders-Anhängerin Lara Richardson aus San Francisco. Sie hat den Glauben an die Demokratie in den USA längst verloren, weil das Geld allein die Politik regiere. Sie sagt, was hier viele denken, die Vorwahlen seien ein abgekartetes Spiel gewesen.

Man kommt nicht umhin, die beiden Parteitage miteinander zu vergleichen, zu ähnlich sehen sich die Bilder: überall Polizisten und Kamerateams aus aller Welt, die sich auf den Füßen stehen. Vergangene Woche trafen sich die Republikaner in Cleveland, um Donald Trumps Nominierung zu feiern, diese Woche sind die Demokraten in Philadelphia dran. Und auch die Demonstranten beider Lager, die jeweils vor den Hallen und in den Innenstädten ihre Transparente hochhalten, vereint ihre Wut auf das Establishment und die Enttäuschung über die Politiker in Washington.

Abgesehen von einem Antiglobalisierungsreflex bei den extremen Rechten wie bei den Linken, verbindet sie thematisch wenig: Während die Menschen in Cleveland vor den Gefahren des Terrors und dem Islam warnten und mehr Sicherheit im eigenen Land forderten, warnt man in Philadelphia vor Fracking, Klimaerwärmung und der Gier der Banken.

Larry Sanders, Bernies Bruder, war den ganzen Tag in Philadelphia mit den Demonstranten unterwegs. Er steht jetzt am Rande einer kleinen Wiese und sieht etwas erschöpft aus. Auf die Frage, was er davon halte, dass einige Bernie-Anhänger lieber Donald Trump wählen wollen als Hillary Clinton, antwortet er: "Wer soll das noch verstehen?" Er sei vor mehr als 40 Jahren nach England ausgewandert und fühle sich wohl. "In den USA war es mir immer zu verrückt."

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