Kür von Hillary Clinton US-Demokraten: E-Mail-Skandal überschattet Parteitag

Von Wikileaks publizierte E-Mails zeigen, wie Funktionäre gegen Bernie Sanders intrigierten. Also muss die Parteichefin abtreten - und ein Clinton-Berater hat den Schuldigen schon gefunden: Wladimir Putin.

Von Matthias Kolb, Philadelphia

Der Spitzname der großartigen Stadt Philadelphia, in der sich Tausende Delegierte der Demokraten versammeln, passt sehr gut zum beginnenden Parteitag: "City of Brotherly Love". Der Zweikampf zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders war verbissen, und viele der leidenschaftlichen Bernie-Fans benötigen sehr viel brüderliche und schwesterliche Liebe, um sich irgendwie an den Gedanken zu gewöhnen, dass sie für die Ex-Außenministerin stimmen müssen, um Donald Trump zu verhindern.

Obwohl der 74-jährige Senator vor knapp zwei Wochen explizit zur Wahl von Clinton aufgerufen hat, ist die Stimmung unter Amerikas Progressiven weiter angespannt - und hat sich am Wochenende noch mal verschlechtert. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat knapp 20 000 interne E-Mails von Angestellten des Democratic National Committee veröffentlicht - die Datenbank kann jeder nach Suchbegriffen durchforsten.

Und die #DNCLeaks belegen, was Sanders-Fans seit Monaten argumentieren: Die Funktionäre der Partei und die Vorsitzende Debbie Wasserman Schultz hatten klare Sympathien für Hillary Clinton und agierten nicht unparteiisch. So überlegten DNC-Mitarbeiter, ob sie vor den Vorwahlen in West Virginia und Kentucky Gerüchte streuen sollten, dass Sanders kein Jude, sondern ein Atheist sei. Bei den sehr gläubigen Menschen dort könnte es einen Unterschied machen, wenn sie denken, "dass er an keinen Gott glaubt".

"Wollt ihr einen Präsidenten, der sagt 'you're fired' oder 'you're hired'?"

Clinton präsentiert ihren Vize, den lachenden Senator Tim Kaine. Die beiden wollen dem düsteren Trump Optimismus entgegensetzen. Von Matthias Kolb, Washington mehr ...

Andere E-Mails zeigen, dass die DNC-Pressestelle noch im Mai überlegte, wie man Reporter überzeugen könne, Artikel mit dem Tenor "In der Sanders-Kampagne herrscht Chaos" zu schreiben. Dass andere Nachrichten zeigen, wie Debbie Wasserman Schultz (alle nennen sie DWS) um privilegierte Tickets für das Blockbuster-Musical "Hamilton" bittet, rundet in den Augen vieler das Bild einer elitären und auf den eigenen Vorteil bedachten Funktionärin ab.

Einen Tag kann Wasserman Schultz, eine Abgeordnete aus Florida und Clinton-Fan seit 2008, sich noch im Amt halten, dann ist der Druck zu groß. Die Parteivorsitzende leitet den gesamten Parteitag, führt durch das Programm und ruft Abstimmungen auf. DWS wäre permanent von einem Großteil der Bernie-Fans ausgebuht worden, so dass nun die als ausgleichend geltende Donna Brazile das Amt übergangsweise übernimmt.

Gefährden die DNC-Leaks den Kompromiss zwischen Clinton und Sanders? Die Bernie-Fans, die in Philadelphia für ihren Helden und den Kampf gegen Klimawandel demonstriert haben, sind nicht schockiert. "Es bestätigt, was wir immer wussten", sagt Colin aus Oakland.

Ihn ärgert eher, wie kumpelhaft der Ton zwischen Reportern und dem DNC war. Auf dem Schild des 31-Jährigen steht "Bernie Forever": Er hofft, dass sich die Bewegung nicht auflöst. Er kann verstehen, dass Sanders zur Wahl von Clinton aufruft: "Ich wähle sie nicht. Bei mir in Kalifornien, da gewinnt Hillary sowieso. In einem swing state würde ich es tun, um Trump zu verhindern."