USA Die Neuauflage ihres Albtraums

Hillary Clinton lieferte sich am 17. Januar in Charleston eine hitzige Debatte mit Senator Bernie Sanders.

(Foto: Bloomberg)

Hillary Clinton war sich lange sehr sicher, dass sie die Kandidatin der Demokraten für das Weiße Haus werden wird. Zu sicher? Bernie Sanders kommt ihr gefährlich nahe.

Von Nicolas Richter, Washington

Bei der jüngsten TV-Debatte der Demokraten standen drei Personen auf der Bühne: Hillary Clinton, die Favoritin, der "Sozialist" Bernie Sanders und der chancenlose Martin O'Malley. Clinton klang oft so, als wolle sie noch einen vierten Mann in diesen Kreis holen: Barack Obama, den Präsidenten. Sie lobte seine Erfolge und stellte sich als natürliche Erbin im Weißen Haus dar. Sanders klang anders: Er würdigte Obama, verlangte aber fundamentalen Wandel. "Nichts wird sich ändern ohne eine politische Revolution", rief er mit heiserer Stimme. Clinton war die pragmatische Hüterin des Status Quo, Sanders der zornige Aufständische.

Nun ist dies ein Jahr, in dem viele Wähler in Amerika nichts so furchtbar finden wie die Aussicht, dass alles bleibt, wie es ist. Die Republikaner verehren lauter Außenseiter; die Umfragewerte des moderaten Jeb Bush sind kollabiert. Bei den Demokraten läuft es gerade ähnlich: Sanders hat in den Staaten Iowa und New Hampshire, wo im Februar die ersten Vorwahlen stattfinden, zu Clinton aufgeschlossen oder sie sogar überholt. Kann es ihm gelingen, Clinton die sicher geglaubte Kandidatur der Demokratischen Partei noch zu entreißen?

Sanders, 74, ein Senator aus Vermont, sorgt seit dem Sommer für Aufsehen, er war der erste Kandidat, der seine Auftritte in Stadien verlegen musste, weil der Andrang so groß war. Er nennt sich einen "demokratischen Sozialisten", was politisch in etwa einem europäischen Sozialdemokraten entspricht. Aber für US-Verhältnisse klingt er wie ein Revolutionär, er verlangte, den "Milliardären" deren Geld und deren Einfluss auf die Politik zu entreißen und staatliche Leistungen drastisch aufzustocken, etwa kostenfreies Studium und Krankenversicherung für alle.

Clinton hat ihn lange wie einen verschrobenen Außenseiter behandelt. In den TV-Debatten klang sie, als sei ihr die Nominierung ihrer Partei schon sicher, sie befasste sich bereits mehr mit den Republikanern als mit der innerparteilichen Konkurrenz. Inzwischen glauben ihre Berater, dass dies ein Fehler war. Clintons Siegesgewissheit nährte sich lange aus sehr stabilen Zahlen: Sowohl in den landesweiten Umfragen als auch in den einzelnen Staaten lag sie weit vor ihren Konkurrenten. Dazu gesellte sich eine strukturelle Schwäche von Sanders: Der Senator aus dem sehr weißen Staat Vermont begeistert zwar viele Weiße, vor allem jüngere; bei Schwarzen und Latinos dagegen kommt er nicht so gut an.

Es galt immer als möglich, dass Sanders die frühe Vorwahl im weißen Staat New Hampshire gewinnt. Doch spätestens im Südstaat South Carolina, wo mehr Schwarze und Latinos leben, würde dann Clintons Siegesserie beginnen, auch deshalb, weil ihr Wahlkampf dort besser organisiert ist. Sanders' Schwäche bei Nicht-Weißen galt als Garantie dafür, dass sich das Szenario von 2008 nicht wiederholt, als Obamas bunte Koalition über Clinton obsiegte.

Außerdem spricht gegen Sanders nach herrschender Meinung seine zweifelhafte "Wählbarkeit": Als Sozialist dürfte er sich gegen einen Republikaner schwer tun, weil er aus Sicht seiner Landsleute womöglich zu weit links steht. Die meisten seiner Vorschläge wären im Parlament schlicht nicht durchsetzbar. Nach dieser Logik wäre es vernünftig, wenn die Partei auf die seriöse, moderate Clinton setzte.

Für Clinton freilich ist noch nichts verloren. Eine neue Umfrage von NBC News und dem Wall Street Journal sieht sie im landesweiten Direktvergleich bei 59 Prozent, Sanders bei 34 Prozent. Sie kann die erste Vorwahl in Iowa noch gewinnen, und selbst wenn sie die ersten beiden Wettbewerbe verliert, kann sie noch immer mit triumphaler Mehrheit die Nominierung erobern.

Neuerdings verschärft sie ihre Angriffe. Sogar Tochter Chelsea macht mit

Aber der Trend kann wichtiger sein als die Momentaufnahme. Sollte Sanders in Iowa und New Hampshire gewinnen, könnte die Bernie-Begeisterung in Teilen der Partei neue Ausmaße erreichen und viele erfassen, die noch unentschlossen sind. Sanders wirbt auch bereits um die Schwarzen, indem er zum Beispiel mit dem Rapper Killer Mike auftritt. Und er besitzt Stärken, die Clinton immer gefehlt haben: Er wirkt authentisch und leidenschaftlich. Manche Umfragen deuten sogar an, dass Sanders als Gegenkandidat der Republikaner besser abschneiden würde als Clinton. Laut NBC News würde Sanders eine Hauptwahl gegen Donald Trump mit 54 zu 39 gewinnen, Clinton nur mit 51 zu 41.

Clinton also hat ihre Angriffe auf Sanders jüngst verschärft; sie wirft ihm vor, schärfere Waffengesetze abzulehnen, hält seine Pläne für eine neue Gesundheitsreform unrealistisch und zweifelt an seiner außenpolitischen Kompetenz. Zuletzt griff sogar ihre Tochter Chelsea Sanders an. Die Clintons sind nervös. Zur gleichen Zeit vor acht Jahren rechnete kaum jemand damit, dass sie die Nominierung an Obama verlieren würde.