US-Wahlkampf Romney versucht das 100-Prozent-Comeback

Ein Präsident für alle Amerikaner will er sein, verspricht der schwer angeschlagene Mitt Romney. Eine neue Charme-Offensive soll das Schmarotzer-Desaster des republikanischen Präsidentschaftskandidaten vergessen machen. Das wird nicht leicht. Aktuelle Umfragen zeigen, dass sein Ruf schwer gelitten hat.

Von Johannes Kuhn

Republikanischer Präsidentschaftskandidat Mitt Romney: "Bei meiner Kandidatur geht es um die 100 Prozent in Amerika."

(Foto: AFP)

Weitere komplizierte Rechenspiele möchte Mitt Romney den Wählern offenbar ersparen. Er will nichts mehr wissen von 47 Prozent, von Opfern und heimlich gefilmten Videos. Deshalb vereinfacht der republikanische Kandidat jetzt Rechenbeispiel und Botschaft: 100 Prozent ist der neue Wert, den er jetzt, mit einem leicht verzweifelt wirkenden Wahlkampfmanöver, popagiert. Im Wortlaut: "Bei meiner Kandidatur geht es um die 100 Prozent in Amerika - und ich sorge mich um sie."

Der Satz, gefallen bei einer Veranstaltung des spanischsprachigen Fernsehsenders Univision in Miami, soll Romneys angekratztes Image reparieren. Die Botschaft lautet: Wer die Wirtschaft auf die Beine bringt, macht das Leben für alle besser. Vor Parteianhängern in Atlanta hatte er zuvor erklärt: "Die Frage in diesem Wahlkampf ist nicht, wer sich um die Armen und die Mittelschicht sorgt. Ich tue es, er tut es." Die Frage sei vielmehr, wer den Armen und der Mittelschicht helfen könne. "Ich kann es, er kann es nicht, und das hat er in vier Jahren unter Beweis gestellt."

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos im Auftrag der Nachrichtenagentur Reuters zeigt, dass das Anfang der Woche veröffentlichte 47-Prozent-Video Romney sehr geschadet hat: 43 Prozent der registrierten Wähler gaben darin an, dass der Präsidentschaftskandidat in ihrem Ansehen durch die Aussagen gesunken sei. Viele davon sind keiner Partei zugehörig und könnten damit am Tag der Wahl von entscheidender Bedeutung sein. Nur 26 Prozent, vor allem den Republikanern zugeneigte Wähler, sehen den früheren Gouverneur von Massachusetts nun positiver.

Umfragen lassen Interpretationsspielraum

Im konservativen Lager rumort es. Mehrere bekannte republikanische Politiker haben sich von Romneys Aussagen distanziert, unter anderem die Zukunftshoffnungen Susana Martinez (Gouverneurin von New Mexico), Scott Brown (Senator aus Massachusetts) und Allen West (Abgeordneter aus Florida). Dean Heller, der als Senator aus Nevada um seine Wiederwahl bangen muss, erklärte, "einen ganz anderen Blick" als Romney auf die Welt zu haben.

Auch konservative Leitmedien und -kommentatoren kritisierten den Kandidaten zum Teil heftig: Es sei zwar wichtig, dass Romney gewinne, heißt es im Weekly Standard. "Doch das sollte einen nicht blind für die Tatsache machen, dass Romneys Aussagen (...) dumm und arrogant sind." Rich Lowry vom National Review schreibt: "Romney hat bei seinem Auftritt [bei dem er von den 47 Prozent sprach; Anm. d. Red.] den Eindruck hinterlassen, dass er ein bisschen konservatives Cocktail-Gerede mitbekommen und vielleicht ein, zwei konservative Blogs gelesen hat, und dann das, was er gehört und gelesen hat gedankenlos nachplappert."

In aktuellen Umfragen hält Obama seinen Konkurrenten in den wichtigen Wechselwähler-Staaten Ohio, Florida und Virginia weiterhin auf Abstand. Fox News sieht ihn dort jeweils fünf bis sieben Prozentpunkte vorne, die aggregierten Zahlen von Real Clear Politics ergeben in Ohio, Virginia, Wisconsin, Michigan, Pennsylvania und Nevada eine relativ komfortable Führung für den Amtsinhaber. In Colorado, Iowa und New Hampshire ist das Rennen eng - enger als vom Obama-Team erhofft.

Mehr Mitt soll die Lösung sein

Einer Gallup-Umfrage zufolge ist Obamas landesweiter Umfragevorsprung nach dem Parteitag der Demokraten zudem wieder geschmolzen, insgesamt liegt er mit 47 Prozent nur noch einen Punkt vor Romney - am 10. September waren es noch sechs Prozentpunkte.

Einer Umfrage im Auftrag von Wall Street Journal und NBC zufolge sehen inzwischen wieder mehr Amerikaner das Land und die US-Wirtschaft auf dem richtigen Kurs. Weil insgesamt aber immer noch 55 Prozent der US-Bürger glauben, dass sich das Land auf dem falschen Weg befindet, ist Romney alles andere als aus dem Rennen.

Längst wird spekuliert, wie Romney in den kommenden Wochen versuchen wird, die unentschiedenen Wähler auf seine Seite zu ziehen. Das gewöhnlich gut informierte Politico berichtet, dass das Romney-Team größeres Augenmerk auf den Führungsstil des Kandidaten und die Auswirkungen seiner politischen Pläne auf Familien legen möchte. Hierfür sollen Spendensammel-Aktionen im kleinen Kreis zugunsten öffentlicher Auftritte in den umkämpften Bundesstaaten abgesagt werden.

Größere Personalwechsel allerdings soll es im Team des Republikaners bis zur Wahl offenbar nicht mehr geben. "Jeder Romney-Insider wird dir erzählen, dass Romneys größtes Problem in den vergangenen zwei Wochen er selber war, nicht seine Mitarbeiter", heißt es bei Politico. Bis zur ersten Präsidentschaftsdebatte am 3. Oktober soll der Kandidat seine Fehler ausgebügelt haben.