US-Wahl Obama eröffnet den Zweikampf

Mit Getöse und Pathos beendet der erzkonservative Rick Santorum seine Kandidatur für das Weiße Haus und macht so den Weg frei für Mitt Romney. Der Favorit des republikanischen Establishments kann sich nun auf das Duell mit dem US-Präsident konzentrieren. Barack Obama kann sich über zahlreiche Pleiten und Pannen Romneys aus den Vorwahlen freuen, die ihm viel Material für den Wahlkampf liefern.

Von Matthias Kolb

Er war der Bewerber, von dem Amerika am wenigsten erwartete: Ohne großes Budget fuhr Rick Santorum Ende 2011 an der Seite eines einzelnen Mitarbeiters in einem klapprigen Pick-Up durch Iowa und warb um die Stimmen der Republikaner. Die Strategie ging zunächst auf: Der konservative Ex-Senator war wochenlang der schärfste Widersacher von Favorit Mitt Romney. Nun ist Santorum aus dem Rennen ausgestiegen.

Süddeutsche.de beleuchtet, wie es zu Santorums Entscheidung kam, und wieso Mitt Romney und Barack Obama mit der neu gewonnenen Klarheit zufrieden sein dürften.

Rick Santorum wahrt seine Chance für 2016

Der Ort war bewusst gewählt und aufgeladen mit historischer Bedeutung: Rick Santorum hielt seine zwölfminutige Rede, in der er das Ende seiner Kandidatur bekanntgab, in Gettysburg. Die Stadt in Santorums Heimatstaat Pennsylvania ist jener Ort, an dem der legendäre US-Präsident Abraham Lincoln vor knapp 150 Jahren seine berühmte Rede über die "Neugeburt der Freiheit" hielt. Nun erklärte Santorum, dass er dafür kämpfen wolle, dass ein Republikaner gegen Barack Obama gewinne und seine Partei eine Mehrheit im Kongress erlange: "Dieses Spiel ist längst noch nicht vorbei."

Einen eindeutigen Grund für seinen Rückzug nannte Santorum seinen Anhängern nicht. Letzten Endes war es ein Gemisch aus Fakten, Abwägungen und Prioritäten: Seine dreijährige Tochter Bella, die an einem seltenen Gendefekt leidet, war über die Ostertage wieder im Krankenhaus gewesen, der Rückstand auf Romney nach der schmerzlichen Niederlage in Wisconsin zu groß und der Ausblick auf die kommenden Wochen zu düster.

Am 24. April, wenn die nächsten Vorwahlen stattfinden, hätte Santorum eine Niederlage in seiner Heimat Pennsylvania gedroht. In dem Bundestaat, den er zwölf Jahre als Senator vertreten hat. Seine Umfragewerte sanken, der Romney-Wahlverein "Restore Our Future" kündigte an, neue Millionen in TV-Werbung investieren zu wollen, und immer mehr Abgeordnete, Gouverneure und Senatoren sprachen sich für Romney als Obama-Herausforderer aus. Also entschloss sich der 53-jährige Santorum, selbst auszusteigen.

Für Santorum gibt es keinen Grund, traurig zu sein: Er hat sich sechs Jahre nach seiner schmachvollen Abwahl aus dem Senat rehabilitiert und ist zu einem Machtfaktor geworden. Ein Katholik, der unter Evangelikalen und Tea-Party-Anhängern eine treue Anhängerbasis gewonnen hat. Richard Land, der einflussreiche Präsident der Ethikkommission der Southern Baptist Convention, sagte der New York Times, Santorum hätte seinen Erfolg und Einfluss gefährdet, wenn er weiter im Rennen geblieben wäre. Der siebenfache Vater wird bis zum 6. November darauf achten, dass Romney nicht zu weit von seinen konservativen Beteuerungen abweicht - so sichert der missionarische Eiferer und Ex-Kommentator von Fox News seinen Einfluss und bleibt im Gespräch.

Auch wenn nur wenige Beobachter in Washington erwarten, dass Romney Santorum zu seinem Vizepräsidenten macht, so könnte Santorum doch einen wichtigen Posten im Romney-Kabinett erhalten. Sollte Obama wiedergewählt werden, wäre Santorum sofort ein wichtiger Gegenspieler und potentieller Bewerber für die Präsidentschaft im Jahr 2016. Als 53-Jähriger wäre der Mann, der mit seinen Aussagen über Abtreibung, Homo-Ehe und Feminismus so polarisiert hat, auch 2020 noch in einem Alter, um sich für das höchste Amt der USA zu bewerben.

Mitt Romney sortiert seine Strategie

Für Mitt Romney geht mit dem Ausstieg Santorums ein Traum in Erfüllung: Vier Jahre nach seinem ersten gescheiterten Versuch tritt er nun als Kandidat der Republikaner bei der Präsidentschaftswahl an. Riesengroß dürfte die Erleichterung des Multimillionärs und seiner Berater gewesen sein, als Santorum anrief und seine Entscheidung bekannt gab. Auch wenn Ron Paul und Newt Gingrich (vorerst) weiter im Rennen bleiben, beendet der Rückzieher des Ex-Senators faktisch den Vorwahlkampf 2012. Dadurch können Romney und sein Super-Pac nicht nur eine Menge Geld sparen, sondern auch die Prioritäten ändern: Das Duell mit Amtsinhaber Barack Obama kann endlich beginnen.

In den kommenden sieben Monaten wird der 65-jährige Romney alles daran setzen, den Demokraten als gescheiterten Präsidenten zu beschreiben, der unfähig ist, die USA aus der Wirtschaftskrise zu führen. "Für Mitt Romney ging es von Anfang an darum, Obama zu besiegen und Arbeitsplätze für Amerikaner zu schaffen", erklärte seine Sprecherin am Abend und verwies auf Romneys Erfahrung bei Bain Capital sowie als Retter der Olympischen Spiele in Salt Lake City.

Bisher ist die Unterstützung der republikanischen Basis für den ungeliebten Ex-Gouverneur nur lauwarm - in Boston hoffen Romneys Strategen nun, dass sich die konservativen Amerikaner hinter ihrem Kandidaten versammeln, damit ihr größter Wunsch in Erfüllung geht: Der bei ihnen so verhasste Barack Obama soll abgewählt werden.

Doch der Mormone Romney wäre gut beraten, einige Mitarbeiter dafür abzustellen, die vergangenen Wochen genau zu analysieren, die vielen Fehler und Versprecher zu sortieren - und die Folgen des überraschend langen Vorwahlkampfs abzufedern: Unter Santorums Einfluss ist die republikanische Partei spürbar nach rechts gerückt und hat gerade unter Wählerinnen erheblich an Popularität verloren.

Es wird einer klugen Strategie, guter Ideen und prominenter (weiblicher) Unterstützung bedürfen, um Obamas Vorsprung in dieser entscheidenden Wählergruppe aufzuholen - und zugleich um die Zuneigung der Evangelikalen im rechten Lager zu buhlen. Auch bei den hispanics liegt der Demokrat inzwischen weit vorn. Santorums Entscheidung, das Rennen Anfang April und nicht etwa Ende Mai nach der Vorwahl in Texas zu beenden, gibt Romney und dem republikanischen Establishment wertvolle Zeit - aus ihrer Sicht wurde sowieso zu viel Energie für den internen Wettstreit verplempert.

Barack Obama eröffnet den Zweikampf

Zugegeben: Im Hauptquartier von "Obama 2012" in Chicago hätte man sicher nichts dagegen gehabt, wenn Santorum Romney noch ein paar Wochen länger zugesetzt und weiter nach rechts gedrängt hätte. So aber hat der 44. Präsident der USA nun fast sicher die Gewissheit: Sein Herausforderer heißt Mitt Romney.

Den demokratischen Strategen haben die vergangenen drei Monate sehr viel mehr Material für ihre Werbespots und Reden geliefert, als sie sich vermutlich jemals erträumt hätten. Multimillionär Mitt Romney selbst sprach von "einigen Cadillacs", die seine Frau fahre, von der "richtigen Höhe der Bäume" in Michigan und bot dem texanischen Gouverneur Rick Perry eine 10.000-Dollar-Wette an. Insofern wundert es nicht, dass Obamas Kampagnen-Manager Jim Messina frohlockt und per Pressemeldung zum Angriff bläst: "Je mehr die Amerikaner von Romney sehen, umso weniger werden sie ihn mögen und ihm vertrauen."

Womöglich noch wertvoller für Obamas Berater sind jedoch all die Schnipsel aus den TV-Debatten der Republikaner, in denen Rick Santorum, Newt Gingrich und Ron Paul Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Mitt Romney äußerten, ihn für seine Positionswechsel kritisierten und dazu zwangen, sich auf konservative Positionen festzulegen. Diese Aussagen sind ebenso wie Romneys Patzer und Versprecher sorgsam archiviert und warten darauf, zum passenden Zeitpunkt eingesetzt zu werden - je nachdem, wie sich der Wahlkampf entwickelt.