UN-Klimagipfel in Cancún Der Weg zur Blamage

Bei der Klimakonferenz leisten nur wenige Staaten wie Japan oder Russland Widerstand. Ihr Ruf steht auf dem Spiel, denn es sind nationale Egoismen und wirtschaftliche Interessen, die das Fortkommen im Klimaschutz behindern.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller

Mutig sind sie, diese Japaner. Sie könnten noch 24 Stunden an ihrer Position festhalten, dann würde der Sprengsatz hochgehen. So die Drohung. Japans Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll würde unweigerlich zum Scheitern der Klimakonferenz in Cancún führen. Der Kampf gegen die Erderwärmung ließe sich nicht mehr auf der halbwegs verbindlichen Grundlage des Kyoto-Abkommens weiterführen, die Entwicklungsländer würden meutern: Viele von ihnen sind schon jetzt mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert, durch Hochwasser, Dürren, Starkregen. Wenn die Fortsetzung von Kyoto scheitert, werden sie auch den Rest der Konferenz scheitern lassen.

Japans Position liegt in der perversen Logik einer Klimakonferenz. Je mehr auf dem Spiel steht, desto eher lohnen sich Gegenpositionen: Sie sind die Währung im Kampf um günstige Regeln. Beispiel Russland: Auch Moskau hat Bedenken angemeldet, obwohl es bisher zu den größten Profiteuren des Kyoto-Protokolls gehört. Durch den Kollaps der Sowjetindustrie verfügt das Land über enorme Mengen "heißer Luft". Nicht durch die Modernisierung von Fabriken, sondern durch deren Schließung gingen die Emissionen um ein Drittel zurück. Die Folge war eine Überschwemmung des Marktes für internationale Emissionsrechte, ein lukratives Geschäft für Russland. Nur dem Klima war damit nicht geholfen, im Gegenteil: Andere Staaten konnten sich so freikaufen.

Deswegen soll die heiße Luft aus einem künftigen Kyoto-Protokoll weitgehend herausgelassen werden. Und deswegen leistet Russland Widerstand - es rechnet sich Chancen aus, am Ende ein Zugeständnis zu erreichen. Ähnlich Kanada: Ölsande haben die Provinz Alberta reich gemacht. Nur lässt sich das Öl nicht so leicht vom Sand trennen, es erfordert enormen Einsatz von Energie. Das treibt Kanadas Kohlendioxid-Emissionen in die Höhe. Nur deshalb will das Land von strengen Vorgaben nichts mehr wissen.

Es sind nationale Egoismen, handfeste wirtschaftliche Interessen, die seit jeher das Fortkommen im Klimaschutz behindern. In Cancún allerdings stehen nicht mehr nur die Regeln für den Klimaschutz auf dem Spiel, sondern der verlässliche Klimaschutz als solcher. Scheitert die Konferenz am Widerstand einiger weniger Staaten, dann wird es auf absehbare Zeit keine vergleichbaren Anstrengungen mehr geben. Die Weltgemeinschaft müsste sich im Angesicht ihrer größten Herausforderung geschlagen geben. Nur: Wer will das verantworten?

Genau darin liegt die Chance der nächsten 24 Stunden, der entscheidenden Verhandlungen bei der Klimakonferenz. Ob Russland oder Kanada, jeder Staat kann sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit blamieren, indem er die eigenen Interessen über den Existenzkampf jener stellt, die schon jetzt Folgen des Klimawandels spüren. Der Reputationsschaden wäre immens.

Dazu allerdings muss es gelingen, die jeweiligen Positionen zu isolieren, sie ins Rampenlicht zu stellen. Die Bedingungen dafür, immerhin, sind nicht schlecht. Die USA und China haben sich entschieden, in diesem Jahr einmal eine halbwegs konstruktive Rolle zu spielen, wenngleich sie von verbindlichen Klimaschutz-Zusagen noch meilenweit entfernt sind. Damit geben sie anderen Staaten nicht mehr die Gelegenheit, sich hinter der Position Washingtons oder Pekings zu verstecken. Selbst das Öl-Königreich Saudi-Arabien, in früheren Jahren unverhohlen gegen jeden Klimaschutz, hat seinen Widerstand eingestellt. Die Saudis brüsten sich nun lieber mit dem Umbau ihrer Wirtschaft.

Dies alles lässt Spielraum für Dynamik - im Guten wie im Schlechten. Die Staaten können in der Nacht zum Samstag einen letzten ernsthaften Anlauf auf ein neues Klima-Abkommen nehmen, sie können aber genauso gut ihre Bemühungen im Streit einstellen. Die Schuldigen werden sich leicht finden lassen.