Ulrich Wilhelm: Regierungssprecher geht Merkels lächelnder Mund

Immer höflich und fehlerlos: Regierungssprecher Ulrich Wilhelm ließ sich auch bei seiner letzten Pressekonferenz nicht aus der Reserve locken. Der beste Merkel-Versteher des Landes bereitet sich nun auf ein Leben als Intendant vor.

Von Michael König, Berlin

Um 12:15 Uhr startet der letzte Versuch, Ulrich Wilhelm aufs Glatteis zu führen. Die Bundespressekonferenz (BPK) läuft seit etwa 45 Minuten, bislang sind ernste Themen verhandelt worden: eine Dienstreise des Verkehrsministers Peter Ramsauer (CSU) nach Warschau, die Zukunft des Deutschlandfonds in der Wirtschaftspolitik und die Situation der Bundeswehr in Afghanistan.

Ein Geschenk zum Abschied: Merkels langjähriger Regierungssprecher Ulrich Wilhelm bekommt ein Foto von Werner Gößling, dem Chef der Bundespressekonferenz. Wilhelm wird neuer Intendant des Bayerischen Rundfunks.

(Foto: rtr)

Außer einem außergewöhnlich vollem Saal deutet nichts darauf hin, dass soeben Geschichte geschrieben wird.

Es ist der 328. Auftritt von Ulrich Wilhelm in diesem Raum im Berliner Regierungsviertel. Und es ist sein letzter. Der "bayerische Robert Redford", wie der Jurist und Journalist aufgrund seiner Ähnlichkeit zu dem US-Schauspieler gelegentlich genannt wird, scheidet freiwillig aus seinem Job. Er wechselt nach München und wird im Februar 2011 Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR); zunächst will er Berlin noch näher erkunden.

Es gibt wohl keinen Journalisten im Saal, der dem Spitzenbeamten diesen Karrieresprung nicht gönnt.

Die Stimme der Kanzlerin

Wilhelm ist beliebt - über politische Richtungen und Parteigrenzen hinweg. Seit seinem Amtsantritt im Jahre 2005 gilt er als die loyale, zuverlässige, freundliche Stimme der Bundeskanzlerin, als einer, der Angela Merkel versteht und verständlich machen kann. Beides ist nicht selbstverständlich.

Von einem kleinen Fehltritt einmal abgesehen ist die Bilanz makellos: Bei seinem ersten Auftritt vor der BPK an seinem zweiten Arbeitstag habe er versucht, die Konferenz eigenmächtig zu beenden, erinnert sich Wilhelm: "Ich habe einfach gesagt, ich müsse jetzt zum Flughafen. Herr Gößling (der Vorsitzende der BPK, Anm. d. Red.) hat mich dann freundlich darauf hingeweisen, dass ich nur Gast bin."

Wilhelm erntet für die Anekdote schallendes Gelächter. Ansonsten bleibt er bis zuletzt seiner Linie treu: höfliche, wenn auch bisweilen inhaltsleere Auskünfte, geschliffene Formulierungen, keine Experimente. Auch dann nicht, als um 12:15 Uhr ein Journalist versucht, ihn doch noch aufs Eis zu locken: "Herr Wilhelm, haben Sie uns in all den Jahren eigentlich belügen müssen? Jetzt können Sie es doch zugeben."

"Große Fußstapfen"

Wilhelm könnte, aber er tut es nicht. Der 49-Jährige, der als Reporter des BR mit der späteren Kanzlerin in Kontakt kam, als er an seinem Porträt über Helmut Kohl arbeitete, lächelt sein Redford-Lächeln, dann blickt er auf seine Notizen. Wilhelm gilt als Aktenfresser, sein Arbeitseifer ist legendär. Die Kanzlerin lobte kürzlich die "wunderbare Zusammenarbeit" mit ihm. Und Vizekanzler Guido Westerwelle erklärte hochdiplomatisch, der Regierungssprecher hinterlasse "große Fußstapfen" für seinen Nachfolger, den ZDF-Journalisten Steffen Seibert.

Noch beflissener als Wilhelm, so heißt es in Berlin, arbeite in der Regierung nur eine: die Kanzlerin selbst. Hat denn nun Ulrich Wilhelm eine Aktennotiz zu Lügen vor der BPK parat?

"Wissen Sie", sagt der Regierungssprecher schließlich, "es war sicher nicht möglich, alle Informationen preiszugeben. Aber wenn ich zu Ihnen sage, ich könne dazu nichts sagen, dann kann das ja zwei Bedeutungen haben: Ich weiß es nicht oder ich darf nichts sagen."

Es ist die erwartet diplomatische Antwort. Wieder einmal. Ein anderer Journalist meldet sich und kündigt eine "ernstere Frage" an, die sich ebenso als Klamauk erweist: "Jetzt, wo sich der Arbeitsmarkt glänzend entwickelt, hat die Regierung das Ziel, die Vollbeschäftigung zu erreichen?"

Zwei wurden Intendant

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